Allen Besuchern unserer Wischauer Seiten wünsche ich frohe und gesegnete Ostern!

 

Saatenreiten in Lissowitz vor der Bürgerschule Archiv-Foto, Datum unbekannt

Saatenreiten
war ein alter Osterbrauch aus der Wischauser Sprachinsel. Am Ostermontag ganz in der Frühe wurden die Pferde besonders schön herausgeputzt. Die Mähne und der Schwanz wurden des öfteren durchgekämmt, die Hufe mit Wagenschmiere eingerieben und das Halfter und der Bauchriemen mit schwarzer Schuhcreme auf Hochglanz poliert. Eine besonders schöne Decke wurde dem Pferd übergelegt und mit dem Bauchriemen festgeschnallt. Manche benutzten auch schon Steigbügel, die allerdings nur über den Rücken des Pferdes gelegt wurden. Reitsättel wurden für die schweren Bauernpferde nicht verwendet.
Um 9.00 Uhr versammelten sich die Reiter, ungefähr 20 bis 30 an der Zahl, vor der Kirche. Der Vorreiter bei uns in Lissowitz war, solange ich mich zurückerinnern kann, immer Anton Schickl aus Haus Nummer 12. Herr Pfarrer und seine vier Ministranten standen bereits zwischen der weit geöffneten Kirchentüre und der Pfarrer hielt ein großes Kreuz in der Hand. Der Vorreiter stieg von seinem Pferd ab und ging durch das Spalier, das von den Angehörigen der Pfarrgemeinde gebildet wurde, zum Pfarrer. Während dieses Weges gab ihm ein Kirchenrat eine große Osterkerze in die Hand. Zu den anderen Reitern sprach er dabei die folgenden Worte:
"Auf Kameraden, lasst uns schreiten
zu dem heurigen Saatenreiten."
Und daraufhin zum Herrn Pfarrer gewandt:
"Gebt Hochwürden zu dem Ritt
uns dieses Kreuz hier mit.
Für dieses Jahr zum Gedenken,
lasst Euch von uns die Kerze schenken.
Bedeuten soll für uns das Licht,
dass auch in Männerherzen Glaube sei und Pflicht."
Anschließend ging der Pfarrer zu den Reitern und besprengte jeden Reiter und sein Pferd mit Weihwasser. Der Vorreiter mit dem Kreuz setzte sich an die Spitze des Zuges und so ritten sie einen Teil der Dorf-Fluren ab. Der Weg über die Fluren wurde jedes Jahr gewechselt.
Als die Reiterschar nach ungefähr einer Stunde zur Kirche zurückkam, wurden sie wieder vom Pfarrer empfangen. Dieser hatte in der Zwischenzeit mit der Kirchengemeinde den Rosenkranz gebetet. Aus Sicherheitsgründen hat der Vorreiter diesmal einen größeren Abstand zur Kirche gehalten .Er rief den Reitern zu:
"Sitzt ab, ihr Reiter, die Osterglocken erklingen,
wir wollen nun in unserem Heimatkirchlein das Halleluja singen."
Zusammen gingen alle Reiter in die Kirche, stellten sich im Mittelgang auf und feierten mit der ganzen Gemeinde die Ostermesse. Diese Messe wurde vom Kirchenchor und der Musikkapelle feierlich umrahmt. Die Pferde wurden von den Besitzern (Vätern und älteren Bauern) nach Hause gebracht. Nach der Messe war man durstig und so traf man sich zum Frühschoppen im Wirtshaus. Hannes Czapka und Elisabeth Schickl, früher Lissowitz

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Aprilbild 2017

Trachten aus der Unteren deutschen Sprachinsel bei Wischau

Hochzeitsfoto
mit Brautpaar Martin Ribnitzky, Gundrum 54 und Theresia Ribnitzky, geborene Glotzmann, Gundrum 10  
Foto  ca. 1910

Gundrum war ein typischen Straßendorf, wo die Häuser schön regelmäßig, zweiseitig eng gedrängt an einer Straße lagen. In der Dorfmitte waren Kirche, Pfarrhof, Friedhof und Schule. Der Krebsbach begrenzte im Osten die Dorfflur, speiste den Mühlbach ab der Wehr "Birr" genannt mit 'Wasser für die Dorfmühle", und teilte das Dorf in ein Unter- und in ein Oberdorf. Neben der Hauptstraße fehlten die wichtigsten Feldwege nicht. Auch an die Flurnamen dachte der Topograpf: Reiterberg im Osten, Breiten bei Tucap im Norden, Schmalluß im Westen und Breiten bei Tschechen im Südwesten. Über den im Süden gelegenen Sportplatz und den daneben gelegenen Dorfweiher - getrennt durch den Bach - fielen dem Schreiber dieses Berichtes viele Ereignisse aus der Schulzeit, sowohl die aus der Sommer- als auch die aus der Winterzeit, ein. Ebenso fehlten das Schi- und Schlittenfahren auf dem Reiterberg beim Gedankenaustausch nicht. (aus Erinnerungen Gundrum in Wort und Bild 2003)

 

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Das 23. Wischauer Seminar in Kollbach
in Folge war wieder ein voller Erfolg. Es kamen am 19. und 20. November 2017 ausgezeichnete Referenten zu uns, und die insgesamt ca. 7.000 zurückgelegten Kilometer der Besucher haben sich mehr als gelohnt, denn es war für jeden etwas dabei. Wie immer begannen wir das Seminar mit dem gemeinsam gesungenen Lied "Wahre Freundschaft" – dessen Inhalt auch sinnbildlich für unsere Zusammenkünfte ist.
Anschließend stellte Monika Ofner-Reim, die durch das Programm führte, alle Teilnehmer persönlich, vor.
Rosina Reim schloss sich mit dem Vortrag in Wort und Bild über alle Aktivitäten der Gemeinschaft im vergangenen Wischauer Jahr an. Wieder einmal kann unsere Gemeinschaft auf ein sehr vielfältiges und interessantes Jahr mit vielen Veranstaltungen und Begegnungen zurückblicken: über jedes einzelne Projekt wurde zu gegebener Zeit bereits in unserem Heimatboten berichtet.
Leopold Schurius, geboren in Kutscherau, referierte über die "Vertreibung im Viehwaggon vor 70 Jahren" und alle haben seinem Vortrag gebannt zugehört: diejenigen, die die Vertreibung am eigenen Leib erfahren haben, hatten oft ähnliche Erlebnisse und erinnerten sich daran. Für diejenigen aus der Nachfolgegeneration war es sehr interessant, einmal detailliert zu erfahren, wie die Vertreibung konkret abgelaufen ist, welche Entscheidungen getroffen werden mussten, und welche Gedanken und Ängste unsere Vorfahren hatten. Nachdem dieses Referat sicher auch viele interessiert, die nicht am Seminar teilnehmen konnten, wird es in voller Länge an einer anderen Stelle in diesem WHB veröffentlicht.
Als nächstes folgte ein Vortrag von Horst Schickl, geboren im Dorf Tschechen, über die Jagd in der Heimat. Der Vortrag war besonders interessant, weil er von einem Erlebnis nach dem Krieg handelte, und zwar in der Zeit des Alexander Dubcek, Vorsitzender der KP in der CSSR. Die Eltern von Horst Schickl, die in Tschechen einen großen Hof bewirtschafteten, besuchten nach der Vertreibung des Öfteren ihre ehemalige Heimat. Schon zu dieser Zeit fiel auf, dass es hier besonders viel Niederwild (Hasen und Fasane) gab. Das Jagdrecht für diese Tiere lag bei den Bauern und Handwerkern. Das Jagdrecht für Hochwild jedoch war den Adligen, dem Klerus und den Hohen Herren vorbehalten. Horst Schickl's Hobby wurde später die Jagd, und irgendwann hatte er einen Wunsch, einmal im Lande seiner Vorfahren jagen zu können. Sein Onkel Josef Schedy erfüllte ihm diesen Wunsch, und so fuhr er zusammen mit vier Jagdfreunden im Jahre 1968 zu seinem Verwandten nach Rausnitz, um dort in den umliegenden Feldern an der großen Kreisjagd teilzunehmen. In sehr amüsanter Weise erzählt uns Horst Schickl dann von den Erlebnissen dieser Reise – vom unkomplizierten Grenzübertritt über den Ablauf der Jagd bis hin zu den landestypischen Geschenken und Gepflogenheiten. Auch diesen Beitrag können Sie im Heimatboten detaillierter nachlesen.

Nach der Kaffeepause – wie immer mit einem ganz tollen, speziellen Kuchenbuffet der Wischauer Frauen – stand Herr Dr. Ortfried Kotzian, Vorstandsvorsitzender der Sudetendeutschen Stiftung und Direktor des neuen Sudetendeutschen Museums in Münchens, im Mittelpunkt.
Dr. Kotzian lieferte einen geschichtlichen Überblick über die "verschiedenen Wellen von Flucht und Vertreibung". Denn bereits vor der Vertreibung der Sudetendeutschen  gab es in Europa größere Wellen, in denen Menschen ihre angestammte Heimat verlassen mussten, wie z.B. in den anfänglichen Umsiedlungsaktionen der deutschen Bevölker8ung aus dem Baltikum, Wolhynien, der Bukowina oder Bessarabien in das Deutsche Reich ("Heim-ins-Reich-Politik"). Später wurden in den neu besetzten Gebieten große Teile der dort lebenden Bevölkerung enteignet und umgesiedelt und stattdessen "Volksdeutsche" neu angesiedelt. Schließlich flüchteten im Winter 1944/45 die Deutschen u.a. aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien. Nach Kriegsende bis Mitte August folgten die sogenannten wilden Vertreibungen": auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 stimmten dann die Siegermächte den sogenannten "humanen und geordneten Vertreibungen" zu, die weitere zwei Millionen Sudetendeutsche betraf – und die für die Betroffenen sicher nicht human waren. Alles in allem bedeutete der Zweite Weltkrieg für ca. 20 Millionen Menschen in Europa den Verlust ihrer Heimat. Die letzte große Welle, die in diesem Zusammenhang zu sehen ist, ist die der Spätaussiedler/Russlanddeutschen, die sich nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs ab 1989 vermehrt wieder in Deutschland angesiedelt hatten. Diesen spannenden Exkurs in die jüngste Geschichte untermalte Herr Dr. Kotzian mit detaillierten Landkarten, die zeigten, welch enorme Völkerbewegungen in den  letzten 100 Jahren stattgefunden haben.


Die nächste Referentin war Kristina Swobodnikova, heute noch in der Nähe der ehemaligen deutschen Sprachinsel wohnend. Sie erzählte sehr ausführlich über unsere ehemaligen Dörfer; sie stellte jedes Dorf der Reihe nach vor, und was sich im letzten Jahr dort ereignet hat. Sie hält gute Beziehungen sowohl zu den örtlichen Institutionen und Bürgermeistern, wie auch zu den Privatpersonen – und dabei erhält sie ständig neue Informationen über unsere Wurzeln. Die letzte noch lebende Bewohnerin der ehemaligen deutschen Sprachinsel ist Frau Theresia Kalatschek, geborene Prichystal. Sie lebt in einem Haus am Dorfrand von Kutscherau und freut sich immer sehr, wenn Kristina sie besucht. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, den detaillierten und ausführlichen Bericht von Kristina genau nachlesen möchten, können Sie diesen gerne bei mir anfordern.
Der letzte Beitrag des Tages stammte von Norbert Herrling und Leif Andresen. Sie zeigten anhand einer reichhaltigen Fotoschau viele Bilder aus unserer ehemaligen Heimat, die sie von ihrer Reise im August 2016 mitgebracht haben. Die vielseitige Präsentation war besonders für die Leute interessant, die schon länger nicht mehr "dahuam" waren, um ihre Heimatdörfer zu besuchen.

Nach dem gemeinsamen Abendessen begann der "gemütliche Teil" des Abends, der in bewährter Art und Weise und unserem Musikduo Burgl und Hardl gestaltet wurde. Und damit alle mitsingen können (auch über die erste Strophe hinaus), haben die beiden ein Musikheft mit vielen bekannten Liedern aus der Heimat erstellt.
Als zusätzlichen Programmpunkt – und nach dem großen Erfolg im letzten Jahr  hat Gernot Ofner wieder eine Dia-Rate-Show nach dem Muster von Dalli Klick vorbereitet. Oft wurde sehr schnell erraten, was sich hinter dem Bildausschnitt verbirgt, was heißt, dass sich die die Besucher gut in ihrer Heimat auskennen.  Danach folgten wieder gemeinsam gesungene Lieder und zwischendurch kleine Mundartberichte über die heimatlichen Bräuche. Der Abend in schöner freundschaftlicher und heimatlicher Atmosphäre verging wie im Flug!

Der Sonntagvormittag begann mit einem kurzen Gedenken, das Anneliese Kästl für uns ausgesucht hat.
Schon seit jeher ist ein besonderer  Höhepunkt der Vortrag von Thomas Janschek, im Hauptberuf Agraringenieur in der Hallertau. Er erzählte "Als ich 1998 im Rahmen meiner Diplomarbeit über die Mythologie von Bäumen "Baumgeschichten" sammelte, wurde mir bewusst, wie vielfältig diese Beziehungsformen der Menschen zu Bäumen sein können. Seither sammle ich Baumgeschichten aus allen Gegenden". Dabei kann der Baum von uns Menschen in zweierlei Hinsicht betrachtet werden. Zum einen als seelenlose Nutzpflanze, die unsere Bedürfnisse an Nahrung und Rohstoff befriedigt, zum anderen in ihrer Wesenhaftigkeit und vielschichtigen Symbolik der Märchen, Mythen und Bräuche. Gerne erinnert sich der gekonnte Erzähler gerade an ältere Menschen, die ihm für seine Recherchen so manche lustige, traurige, spannende, ja manchmal sogar tragische "Baumgeschichte" erzählen können. Janschek hat viele interessante Geschichten rund um die Bäume auf Lager: Napoleon nahm in seinem Tross immer Rutengänger mit, damit die Soldaten immer frisches Wasser bekamen. Jedes Holz hat seine Symbolik. "Die "Butzerl" lagen früher, als die Säuglingssterblichkeit noch hoch war, immer in einer Wiege aus Ebereschenholz, weil das ein besonders zäher Baum ist und seine Zähigkeit sollte sich auf die Kinder übertragen. Und der Mistelzweig wird aufgehängt, weil er die Stuben beschützt. 2016 war die Linde der Baum des Jahres.  Weitere Informationen auf den Webseite von Thomas Janschek: www.baumgeschichten.de
Monika Ofner-Reim beendete das Seminar, nachdem alle Fragen beantwortet und die kommenden Termine abgesprochen waren.  Eine interessante Veranstaltung, aus der man viel Geschichte sowie Themen rund um unsere Sprachinsel mit nach Hause nehmen konnte. Das 24. Seminar im Jahre 2017 wurde bereits in die Planung aufgenommen.
Der begleitende Advents- und Weihnachtsbazar unter Christine Legner wurde wie immer sehr gut besucht und so manche Rarität konnte mit nach Hause genommen werden. MOR/RR

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Rückblick auf das 2. Seminar in Kutscherau von Ivana Sramkova
Am Samstag, 20.8.2016, fand in Kutscherau zum zweiten Mal ein  Kulturseminar unter dem Motto "Gemeinsame Vergangenheit – gemeinsam nach Europa" statt. Die Teilnehmer erlebten ein interessantes Programm, welches das Leben der Tschechen und der Deutschen im Gebiet der Sprachinsel zeigte. Nach der Vertreibung im Jahr 1945/46 wurde dieses Zusammenleben beendet.
Beim Seminar waren nicht nur Teilnehmer aus dem hiesigen Gebiet, sondern auch aus dem Ausland, wie z.B. Deutschland und Finnland. Es waren aber auch Persönlichkeiten aus dem Wischauer Museum, so z.B. die Etnografin PhDr. Renata Zemanová - petrů, die sich früher der Tracht aus der Sprachinsel widmete, sowie der ehemalige Direktor, PhDr. František Korvas, anwesend. Allen voran möchte ich Rosina Reim aus München, die Vorsitzende der Gemeinschaft Wischauer Sprachinsel, nennen. Sie stellte die Tätigkeiten dieser Gemeinschaft, das Museum in Aalen-Fachsenfeld und ihr neues Buch Arbeitsmaiden vor, welches sie nach Briefen einer Zeitzeugin aus den Jahren 1942 – 1944, die während dieser Zeit hier gelebt und gearbeitet hat, zusammenstellte.
Die Aktivitäten der Region und den Vetrnik stellten Irena Dvořákoví und der Bürgermeister von Rosternitz-Swonowitz, Roman Petřík, vor. Frau Dvořákoví ist die Vorsitzende der Gesellschaft "Belebte Geschichte". Sie erzählte, wie sie das Haus mit der typischen Architektur erworben hat, und dass sie selbst nicht aus diesem Gebiet stammt. Roman Petřík berichtete über das Museum  in Rosternitz, sowie über die Sonderausstellung, die sich mit dem alten Lehmbau im Dorf beschäftigt. Nach seinen Ausführungen kommen auch viele Besucher aus Deutschland, meist Landsleute, als Besucher.  
Reiche Erfahrungen mit dem Lehmputz sammelten Marek Vlcek, Lissowitz 33, und Honza Dvorak, Kutscherau 12, denn sie besitzen beide ein altes Sölderhaus. Diese Häuser mit dem Sockel aus Stein und Lehmziegeln sind typisch für das Gebiet der Wischauer Sprachinsel. Jan Dvorak stellte die genaue Rekonstruktion des Lehmputzes vor.  Das Haus Kutscherau 12 ist bereits ein nationales Kulturdenkmal geworden.
Die Vorträge waren vielfältig, und so konnten die Teilnehmer auch die Geschichte der Müller-Familie Souček aus Rosternitz erfahren. RNDr. Alois Kleveta stellte seine Forschung in der Genealogie vor. Er kam zu dem Schluss, dass ein Teil der Vorfahren des ersten tschechischen Bürgermeisters aus Wischau, Alois Souček, Deutsche waren.
Die Organisatoren führten auch den Film "Vertreibung" vor, welcher aus der Produktion:  TV Axel Rembrandts, Television, stammt. Der Film zeigte wichtige Informationen über das frühere Zusammenleben, und befaßte sich auch mit einigen Besuchen von Landsleuten in ihrer ehemaligen Heimat.
Tomáš Filip führte zum Schluss noch seine perfekten Sattlerarbeiten, wie z.B. Nähen der Riemen oder Verzieren des Leders vor.

Diese Veranstaltung könnte man heute bereits  als "Zusammentreffen mit Zeitzeugen" bezeichnen; sie ist zu einer Begegnung zwischen betroffenen und interessierten Menschen geworden,  wobei oft gleichzeitig neue Kontakte geknüpft werden können. Außerdem wurden alle Teilnehmer  an die Zeit erinnert, als die Deutschen und die Tschechen hier zusammen gelebt haben.

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Kutscherau  -  ein ehemaliges Hobitschauer Kind erinnert sich:
Die Winter meiner Kindheit waren immer sehr schneereich. Nicht selten musste eine große Schneewehe vor der Haustüre weggekehrt werden, bevor man überhaupt hinaus konnte. Auch nicht so selten war es notwendig, die Straße nach Wischau mit einem Schneepflug frei zu machen. Und helle Aufregung herrschte, wenn „der Sichera umgschmissn“ hat. Der Sichera war der Mann, der den Bus nach Wischau fuhr, hauptsächlich, um die Schüler in die Schule zu bringen. Es kam also auch vor, dass der Bus in eine gefährliche Schieflage geriet.
Doch der Winter vom 1. – 4. Januar 1941 stellte alles in den Schatten. Es schneite so viel, dass halb Kutscherau zugeschneit war. Da Hobitschau nur eine Kapelle hatte, ging man zur Kirche nach Kutscherau. Das tat ich immer zusammen mit der Schöber Antsch, unserer Haushaltshilfe. Wie staunte ich eines Sonntags am Ortseingang von Kutscherau, als ich so gut wie keine Häuser sah, sondern nur eine große Schneehöhle, in die mich Anna hineinzog. Es war ein langer Gang aus Schnee, in dem es gar nicht so kalt war, nur etwas dunkel. Schließlich kamen wir irgendwo vor der großen Stiege, die hinauf zur Kirche führte, wieder heraus. Da erfuhren wir von den Kutscherauern, dass sie sich zum Einkaufen, um zum Fleischer, zum Bäcker etc. zu gelangen, Höhlen durch den Schnee geschaufelt hatten. Was für ein Abenteuer!
Noch etwas muss ich zur Kirche sagen. Wie bereits erwähnt, ging ich immer zusammen mit unserer Anna. Wir kamen ja von Hobitschau, hatten also einen etwas weiteren Weg, und ehrlich gesagt, waren wir so gut wie immer ein wenig zu spät, d.h. der Gottesdienst hatte schon angefangen. Daher benützte Anna nie den Haupteingang, sondern die Seitentüre, die in einen kapellenartigen kleinen Vorraum führt, also nicht direkt ins Hauptschiff mündet! Daher war ich jahrelang der Meinung, dass es zwei Kirchen gäbe, genau wie das „Dominum vobiscum“, für mich immer wie „Domino wo bist du“ geklungen hat.
Religionsunterricht hatten wir bei Pfarrer Vybihal. Also gab es wieder einen Grund, nach Kutscherau zu gehen. Für den Unterricht musste extra ein Raum beheizt werden, und da wir ja in Kriegszeiten lebten, brachten wir alle ein in Zeitungspapier gewickeltes Brikett mit.
Aber jetzt in die warme Jahreszeit zu Peter und Paul am 29. Juni. Da gab es in Kutscherau einen Markt mit vielen schönen, unbekannten Sachen, und es gab noch etwas „türkischen Honig“! Der war für mich der Inbegriff des Festes. Das zählte noch mehr als ein Eis von Jansky in Wischau, denn das gab es manchmal auch das Jahr über, aber den türkischen Honig gab es nur einmal im Jahr – und das war am 29. Juni an Peter und Paul.  Astrid Wieder ehemals Hobitschau

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Ankunft in Westhausen – vor 70 Jahren
Am 5 Juli 1946 kamen ca. 100 Personen aus der Wischauer Sprachinsel, der kleinsten deutschen Sprachinsel in der ehemaligen Tschechoslowakei, nach Westhausen. Am Freitag 5, Juli 1946 wurden wir aus dem Ruckenlager Wasseralfingen mit einem Lastwagen nach Westhausen gebracht. Die Prozedur der namentlichen Erfassung dauerte ziemlich lange. Ich erinnere mich an den Gemeindeschreiber Otto Bölstler, der uns mit der Frage empfing: „ wia hoist ma“. Es waren meine ersten schwäbischen Wörter, die ich lernte. Er trug einen Arbeitsmantel und hatte eine Schildmütze auf dem Kopf.  Die Personalien wurden in einer Din A4 Kladde eingetragen. Nach angenommenen 3-4 Stunden - Uhren hatten wir keine - wurden wir in Reichenbach vor einer großen Scheune abgeladen, das war ein Zwischenlagerraum der Colliswerke. Die Reichenbacher Bauern hatten es inzwischen wieder als Scheune benutzt. Als die Firma in den 50er Jahren baute, wurde sie abmontiert und in der Faulenmühle, dem Gut von Dr. Mai, wieder aufgebaut. Vis a vis der Scheune stand ein Barackengebäude, der Wirtschaftraum für die ehemaligen Ostarbeiter. An diesen Gebäuden wurde gearbeitet, denn aus vier großen sollten 12 kleinere Zimmer entstehen. Wir konnten alle nicht glauben, dass wir da eingewiesen werden sollen. Stundenlang haben wir gewartet bis Bürgermeister Ott, der erst wenigen Wochen vorher gewählt wurde,  kam. Er erklärte uns, er habe keine andere Möglichkeit, denn wir sind zu früh gekommen, und müssten deshalb hier rein. In diesem Barackengebäude gab es weder Licht noch Kochgelegenheit. Wir kochten auf Ziegelsteinen, und schliefen auf dem blanken Boden. Die Reichenbacher Bauern konnten uns kein Stroh für die Strohsäcke geben, weil sie es selbst nicht ausreichend hatten. Erst nach der neuen Ernte bekamen wir welches. (In einer Radio- Sendung in den 70ziger Jahren bezeichnete Bürgermeister Ott die Unterbringung von Vertrieben nach dem Krieg die schwierigste Zeit seiner Amtszeit.)
Was Mütter und Großeltern in dieser Zeit geleistet haben ist unbeschreiblich. Bei vielen Familien war der Vater noch in der Gefangenschaft oder gefallen. Die Versorgung mit Lebensmitteln war unzureichend. Viele kamen schon ausgehungert aus ihrer Heimat, doch hier war die Versorgungslage noch schlechter. In der amerikanischen Zone gab es 1946 auf Lebensmittelkarten 1500 Kcal. für Schwerstarbeiter. Zur Erhaltung der Lebensfunktionen ist aber ein Bedarf von ca. 1800 Kcal. erforderlich. Die auf den Lebensmittelkarten ausgewiesene Brotmenge konnte nicht überall in der amerikanischen Zone gedeckt werden. Jedoch im Nördlinger Raum, auch eine amerikanische Zone, gab es auf diese Abschnitte das vorgesehene Brot. Woher unsere Eltern die Informationen hatten, weiß ich nicht. Jedenfalls fuhr oder lief ich öfters auf abenteuerlichen Wegen nach Nördlingen. Dort habe ich alles Brot, das es in Württemberg nicht gab, eingekauft und mit meinem Vertriebenenrucksack nach Hause gebracht. Meine Mutter sagte sehr oft beim kargen Mittagessen „ in die Suppe schauen mehr Augen rein, als raus“. Vor dem Essen wurde gebetet. „Komm Herr Jesus und sei unser Gast, und segne was du uns bescheret hast. Ich habe dabei sehr oft gedacht, lieber Jesus, bei diesem, wenigen Essen möchte ich dich nicht auch noch dabei haben. Es reicht ja nicht einmal für mich.“ Im Jahre 1947 gab es dann auf die Lebensmittelkarten Maismehl. Die US. Behördenverstanden die Anforderungen, es wird Korn gebraucht, falsch, und haben „Corn = Mais“ geliefert. Unsere Mütter kannten dieses Getreide nicht, aber die ebenfalls vertriebenen ungarndeutschen Frauen klärten sie auf, wie dieses Mehl verwendet werden kann.
Nach den Sommerferien ging ich nach fast zwei Jahren ohne Schulbesuch  wieder in eine Schule. Die Klassen waren hoffnungslos überfüllt. Es gab kaum Lehrer, da die meisten NS- Mitglieder waren und Berufsverbot hatten. Schulbücher gab es nicht, oder nur unbelastete – und selbst diese reichten nicht aus. Die Schüler waren bunt zusammen gewürfelt. Einheimische, Sudetendeutsche, Ungarndeutsche, Schlesier, und zwei Südtiroler ohne Eltern (diese sind bei einem Bombenangriff auf Innsbruck umgekommen). Besonders in Erinnerungen blieben mir die neuen Mitschüler, die ohne Vorurteile und Angst mich mit einem Lächeln in ihrer Mitte aufgenommen haben. Einer von Ihnen hat mich bereits nach wenigen Tagen nach Hause mitgenommen, und seine Mutter steckte mir immer wieder ein Stück Brot zu; daran denke ich noch heute, besonders wenn ich die Bilder von Kindern und Jugendlichen, die als Flüchtlinge heute zu uns kommen, sehe. Die Bezeichnung „Flüchtling“ wies ich persönlich schon immer zurück und mindestens  20 Jahre lang habe ich immer betont, ich bin kein Flüchtling, sondern Vertriebener.
Bei uns Kindern und Jugendlichen geschah die Integration sehr schnell, bei den Erwachsenen dauerte es teilweise sehr lange; die Einheimischen fühlten sich noch lange von den neuen, fremden Mitbürgern bedroht. Die vielen Vorurteile erinnern mich auch an die Herausforderungen und Ängste von heute. Menschen glauben sehr gerne etwas das in ihr Weltbild passt und nicht, was wirklich ist. Ein Schmähgedicht aus dieser Zeit, das damals im Raum Aalen verbreitet war, kann vielleicht die Stimmungsmache aus dieser Zeit verständlich machen.
Herrgott im Himmel, siehe unsere Not, wir haben kein Fett und kein Brot.
Flüchtlinge fressen sich dick und fett, und stehlen unser letztes Bett.
Wir verhungern und leiden große Pein, Herrgott schicke das Gesindel heim. Schicke sie zurück in die Tschechoslowakei, Herrgott, mach uns von dem Gesindel frei. Sie haben keinen Glauben und  Namen, die dreimal Verfluchten, in Ewigkeit Amen. Derartige Hetze kam bestimmt von einer Minderheit.
Nach der Währungsreform 1948 gab es die ersten Wohnungsbauprogramme. Viele Vertriebene konnten mit verbilligten Krediten bauen. In dieser Phase wurden wiederum Neidgefühle bei der einheimischen Bevölkerung in Umlauf gebracht. Nach meinen Erinnerungen dauerten diese Probleme bis in die 60er Jahre an. Anschließend trug wahrscheinlich auch das so genannte Wirtschaftswunder dazu bei,  dass auch die ältere Generation der Einheimischen die Neubürger annahmen.
In den neunziger Jahren wurde in der Gemeinde Westhausen ein neues Wohngebiet erschlossen. Auf Anregung von vielen, ehemaligen Vertriebenen wurde ein Antrag an den Gemeinderat gestellt, bei der Widmung der Straßennamen auch an die Herkunftsländer der vielen Vertriebenen in Westhausen zu denken. Ich war damals im Gemeinderat und habe den Antrag begründet, der einstimmig angenommen wurde. Seit dieser Zeit gibt es im Wohngebiet Schwenksbrunnen eine Wischauer Straße. Seit nunmehr 70 Jahren wohnen somit die wenigen aus der Erlebnisgeneration mit ihren Nachkommen gerne in der liebenswerten Gemeinde Westhausen
In meinem Rückblick nach 70 Jahren möchte ich ausdrücklich erwähnen: „Die Ansiedelung nach Westhausen war für uns Wischauer ein Glücksfall. Westhausen hatte eine Zugverbindung. Nach der Demontage des Colliswerkes haben sich viele Industriebetriebe hier angesiedelt. Es gab Arbeitsplätze und auch damit Einkommen. Die Gemeinde wuchs, Schule, Sport und Turnhallen wurden geschaffen und das bereits vorhandene Schwimmbad modernisiert. Westhausen wurde im Ostalkreis zu einer wohlhabenden Kommune, in der ich, sowie alle ehemaligen Wischauer gerne wohnen.“
Mattes Wittek

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Bilder zum Sudetendeutscher Tag 2016

Sie finden das "Wischauer Heimatlied" auf Youtube

Aus Böhmen kommt die Musik

Bilder zur Wallfahrt 2016

Bilder zum Seminar Kutscherau 2016

Bilder zum Heimattreffen in Aalen 2016

Bilder zur Ausstellung Fachsenfeld 2016

Bilder zum Trachten- und Schützenzug 2015

Bilder zum Seminar Kutscherau 2015

Bilder zum Besuch des Schirmherrns OB Rentschler 2015

Bilder zur Sprachinselreise 2015

Bilder zur Versöhnungswallfahrt 2015

Bilder zu Sudetendeutscher Tag 2015

Bilder zum Vertriebenengedenktag 2014

Bilder zu Sudetendeutscher Tag 2014

Bilder zu Trachtenschau im HdO 2014

Weitere Bilder zum Trachten- und Schützenzug und http://sdrv.ms/1bF72Sp

Bilder zu Housntrocha und Riech 2014

Bilder zum Besuch Wischauer Jugendliche in Aalen 2013

Bilder zu Aalen International 2013

Bilder zum Heimattreffen 2013

Bilder zur Ausstellung im Schloss Wischau 2013

Bilder zum Sudetendeutschen Tag 2013