Lage der Wischauer Sprachinsel

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Geschichte und Geschichten von Hannes Kriwy

War die Gesellschaft der Wischauer Sprachinsel eine sozialistische Gesellschaft?

Der Mongolenzug von 1241

Warum haben sich die Sprachinselbewohner früher für Schwaben gehalten

Die Heilige Lanze

Die Wischauer Sprachinsel im Spannungsfeld zwischen Tschechen und Deutschen, Preußen und Österreich

Die Wiedertäufer in Südmähren

Die Bernsteinstraße und die Wischauer Sprachinsel

Vorgeschichte der Tschechisierungsmaßnahmen von ihren Anfängen bis 1918

Gedanken zur Heimat 

Frühgeschichte Südmährens     Wischau - alter Kulturboden

Wischauer Sprachinsel - Geschlossene Gesellschaft

Hexerei und Aberglaube in der Wischauer Sprachinsel

Tschechisierungsmaßnahmen in der Tschechoslowakei ab 1919

Die Geschichte der ehemaligen deutschen Sprachinsel bei Wischau

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War die Gesellschaft der Wischauer Sprachinsel eine sozialistische Gesellschaft?
Was ist Sozialismus? Sozialismus ist eine politische Lehre. Danach sollte die bestehende Gesellschaft mit dem Ziel sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit zum allgemeinen Wohl der Gesellschaft verändert werden.
Vorläufer des Sozialismus finden sich bereits im alten Griechenland, so bei Platon im 4 – 5 Jh. vor Chr., im Urchristentum, insbesondere aber bei den Wiedertäufern im 16. Jh. in Mähren. Nach den meisten Sozialphilosophen des 19. Jahrhunderts, vor allem Charles Fourier (1772-1837), sollten die Veränderungen vor allem auf genossenschaftlicher Basis erfolgen. Marx und Engels haben den Sozialismus zum Kommunismus weiterentwickelt. Der Übergang ist fließend.
Das angestrebte Ziel des Sozialismus und Kommunismus durch soziale Gleichheit und Gerechtigkeit eine klassenlose Gesellschaft zu erreichen wurde aber nie erreicht. Tatsächlich bestimmte aber die Partei, was zu tun ist und was richtig oder falsch ist.
Das von den Sozialisten und Kommunisten propagierte Ziel war in der Sprachinsel in vielen Bereichen bereits verwirklicht, so bei den Gemeinschaftsarbeiten, Gemeinschaftsrechten und beim Genossenschaftswesen. Bereits bei der Gründung der Dörfer im 13. Jahrhundert bildete sich eine relativ homogene Gemeinschaft, da die Hofgrößen mit 21 bzw. 42 Metzen festgelegt wurden. Es gab auch später von einigen Meierhöfen abgesehen keine Großbetriebe. Das galt auch für die Handwerksbetriebe. Bei den Kleinbauern und Häuslern hatten die Männer meist einen Handwerksberuf. Deren Frauen arbeiteten als Tagelöhnerinnen bei den Bauern. Die Bauern ihrerseits bebauten für die Häusler deren Äcker und stellten an den Arbeitstagen auch das Mittag- und Abendessen für die oft zahlreiche Familie. Die Einkommen klafften damit nicht wesentlich auseinander. In beiden Systemen lassen sich durchaus gewisse Gemeinsamkeiten erkennen.
Nach dem 2. Weltkrieg hat Stalin der Bevölkerung der späteren Ostblockstaaten den Kommunismus mit Gewalt aufgepresst. Dort wurde das private landwirtschaftliche Eigentum meist unter Zwang zu landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zusammengeschlossen (LPG). Auch die Handwerksbetriebe wurden von Genossenschaften (PGH) übernommen. Darüber hinaus gab es eine Unzahl von Sammelaufrufen. Dazu kamen die sogenannten "freiwilligen" Selbst- Verpflichtungen, denen sich niemand entziehen konnte.
Die Bewohner der Sprachinsel waren seit der Abschaffung der Leibeigenschaft 1781 und des Robots 1848 frei. In den Dörfern wurde unter Selbstverwaltung nach meist ungeschriebenen Regeln bestimmt, wie die Gemeinschaftsarbeiten zu erbringen sind, so die Reparatur der Gemeindewege, das Schneeräumen oder das Eismachen im Winter – früher auch die Reinigung der Kirchen und Schulen. Die Gründungen der Genossenschaften, wie die Spar- und Darlehenskassen oder das Volkshaus in Rosternitz, erfolgten freiwillig. Gegenüber dem Sozialismus bestand daher insoweit keine Übereinstimmung.
Zur Festigung des kommunistischen Systems wurden Propaganda-Schulungen durchgeführt, an denen die Teilnahme Pflicht war, so am Arbeitsplatz, in der Hausgemeinschaft oder im Hörsaal. Es war gefährlich, sich den engen Maschen der Partei zu entziehen zu wollen. Die Angst legte sich über das Land und ließ viele Menschen schweigen.
In der Wischauer Sprachinsel blieb der einzelne – wie schon seine Vorfahren - in einem Geflecht unmittelbarer Beziehungen innerhalb der Familie, Verwandtschaft, Kirchengemeinde und Dorfgemeinschaft mit seiner traditionellen, bodenständigen Lebensweise eingebunden. Die meisten haben daher ihr Leben als Ganzes bejaht. Das bewirkte ein niedriges Aggressions-potential und eine selbstgenügsame Lebenslust. Bei den jeweiligen Einbindungen gab es nur wenige Gemeinsamkeiten.
Ein Hauptziel des Kommunismus war, die Jugend zu gewinnen. Die Kleinen lernten schon die kommunistischen Phrasen in den Kindergärten. In der Schule galt politischer Eifer zum Teil mehr als das Wissen der Schüler. Der Lebensweg eines jungen Menschen mit Lernmöglichkeit und Aufstieg war von der Zugehörigkeit bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ) abhängig.
Die Kinder der Sprachinsel wuchsen unter dem Einfluss der Katholischen Kirche und innerhalb die Großfamilie in das Leben ihres Dorfes hinein. Der Mensch sollte nicht nur sein Leben meistern, sondern auch den Ansprüchen der Familie und der Gemeinschaft gerecht werden. Die wichtigste Institution im Leben der Jugendlichen war die "Poat", das war der Zusammenschluss eines Geburtenjahrganges. Für den einzelnen bedeutete sie Halt, und Geborgenheit. In der Gruppe vollzog sich unauffällig ein starkes soziales Bewusstsein, die Bereitschaft zur Hilfeleistung, zum gemeinsamen Arbeiten und zum Feste feiern. Zwischen den Systemen sind durchaus Gemeinsamkeiten zu erkennen.                                                          
Die Verfassungen der kommunistischen Länder enthalten die frauenfreundlichsten Gleichberechtigungsartikel. Da die Planwirtschaft den Mangel an technischer Effizienz nur durch den Einsatz von Arbeitskräften ausgleichen konnte, musste auf die Frauen zurückgegriffen werden. Obwohl die Frauen auch in sogenannte Männerberufe eingedrungen sind, wie Kranführer oder Ingenieure, wurden sie oft mit körperlich schweren Arbeiten beschäftigt. Die Gleichberechtigung blieb in der Praxis dabei oft auf der Strecke, da die Frauen nach wie vor die Hauptlast mit Haushalt und Mutterschaft zu tragen hatten. Dazu kam das Alkoholproblem vieler Männer.
Die Frau der Sprachinsel besaß ihr eigenes Reich in Hof und Küche. Dieser Bereich war somit wichtiger als in der heutigen Zeit, da er zum Gesamtbetrieb des Bauernhofs gehörte. Die Frau war für die damalige Zeit relativ selbstbewusst. Ihre Stellung war gestärkt, weil beide Ehegatten stets als Eigentümer im Grundbuch eingetragen wurden. Darüber hinaus kam den Frauen zugute, dass sie schon als Schulmädchen emsiger, fleißiger und belesener als die Buben waren. Sie waren dann später auch für den Zusammenhalt der Familie und für die Erziehung der Kinder zuständig. Da die Frauen auch in der Landwirtschaft mitgearbeitet haben, waren sie ebenfalls weit größeren Belastungen als die Männer ausgesetzt. Auch hier sind durchaus Gemeinsamkeiten zu erkennen. Trotzdem haben sich die Frauen im Laufe der Zeit zu den eigentlichen Kulturträgern entwickelt, dass man schon fast von einem Matriarchat sprechen konnte, wie es Frau Elisabeth Plank 2003 bei ihrem Vortrag in Kollbach so treffend geschildert hat.
In den kommunistischen Staaten öffnete sich die Schere zwischen Theorie und Praxis bei der Versorgung mit Mangelgütern mehr und mehr zu Ungunsten der Bevölkerung. Die Privilegierten und Funktionäre hatten dagegen einen höheren Lebensstandart und lebten zum Teil in Luxus. Da es aus ideologischen Gründen keine Arbeitslosen geben durfte, mussten die Betriebe auch ohne Bedarf Leute einstellen.
In der Wischauer Sprachinsel hatten alle Bewohner Arbeit und Beschäftigung. Sie hatten für die damalige Zeit auch ein relativ gutes Auskommen. Es gab keine wirkliche Armut. Ein sichtbares Zeichen hierfür war die Tracht der Mädchen und Frauen. Die Frauen trugen auch keinen Schmuck. Sehr positiv hat sich auch die Beteiligung aller Bewohner an den zahlreichen Festen und Bräuchen erwiesen, weil auch hier ein sichtbarer Ausgleich zwischen der etwas mehr und weniger begüterten Bevölkerung zu erkennen war. Hierbei sind keine Übereinstimmungen zu erkennen.
Der Mangel an privaten Gütern in den kommunistischen Ländern hatte zur Folge, dass sich im privaten Bereich eine Schattenwirtschaft entwickelte. Der Tauschhandel blühte. Da waren die gut daran, die etwas anzubieten hatten. Diese Art zu leben hat vielen Menschen gut getan und somanche als Zweckgemeinschaften mit freundschaftlichen Zügen irgendwie zusammengeschweißt. Diesem Umstand trauern auch heute noch viele Leute aus der ehemaligen DDR nach.
Die Menschen der Sprachinsel lebten in einem gesunden Lebensrhythmus, weitgehend in Harmonie mit der Umwelt. Dazu gehörte ein Netz von Sitten, Bräuchen, ungeschriebenen Regeln und Verhaltensweisen. Die Menschen spürten förmlich, dass das Leben mehr ist als Arbeit und Plage. Das lag wohl auch an die kleinen Freuden, die sich über das Jahr verteilten. Darauf dürften auch die Heiterkeit und Fröhlichkeit, die man den Sprachinselbewohnern nachgesagt hatte, zurückzuführen sein. Die positiven zwischenmenschlichen Beziehungen lassen in beiden Systemen durchaus gewisse Gemeinsamkeiten erkennen.
Aufgrund der Bevormundung und Unterdrückung durch das kommunistische System, aber auch wegen der verschlechterten wirtschaftlichen Lage stieg später ein meist stiller Widerstand, der Tag für Tag von Namenlosen ausgeübt wurde. Dann waren es gerade die vom Kommunismus Verwöhnten und Gehätschelten, die in den Westen flohen, sobald sich eine Gelegenheit ergab.
Die enge Einbindung in der Gemeinschaft hatte in der Sprachinsel auch Nachteile. Sie bedeutete für den einzelnen eine gewisse Kontrolle und Einengung. Die Einengung verhinderte auch Außenseitertum und blockierte, aber teilweise die persönliche Entfaltung. Wer aber gute Ideen hatte, gescheiter oder besser als andere war, konnte sich sehr wohl aus der Masse hervorheben. Die meisten Menschen waren mit dem Leben zufrieden. Die Vertrautheit der Gemeinschaft gab ihnen einen großen sozialen Halt. Nur wenige gingen weg, weil ihnen das Leben in den Dörfern zu eng geworden ist. Wenn sie weggingen, hatte das meist wirtschaftliche Gründe. Sie hatten keine Möglichkeit zu einer Einheirat oder konnten aufgrund ihrer Bildung keine heimatnahe Beschäftigung finden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es doch mehrere Gemeinsamkeiten zwischen der Gesellschaft der Wischauer Sprachinsel und dem Sozialismus bzw. Kommunismus gegeben hat. Bei allen Gemeinsamkeiten muss man aber feststellen, dass es vor allem bei der Entwicklung der beiden Systeme wesentliche Unterschiede gegeben hat.
Die sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft orientierte sich – wie bereits die Wiedertäufer Mährens – unter anderem an den mittelalterlichen Sozialgebilden, aber auch am klösterlichen Leben. Der Kommunismus wurde der Bevölkerung im 20. Jahrhundert aufgezwungen. In keinem Land der Welt wurde er durch freie demokratische Wahlen eingeführt.
In der Wischauer Sprachinsel mit seinen acht Dörfern handelt es sich dagegen um eine Gemeinschaft mit einem relativ geschlossenen Eigenleben. Dieser geschichtliche gewachsene Sozialverband, konnte mit seinen ungeschriebenen Regeln die freiwillige Fortführung einer traditionellen, noch feudal angehauchten Lebensweise weitgehend ohne größere Brüche bis in das 20. Jahrhundert bewahren.
Begünstigt durch die Abgeschiedenheit als Sprachinsel haben sich ihre Bewohner ein besonderes homogenes Gemeinschaftsgefühl bewahrt, das von einem "Wir-Bewusstsein" getragen, fast alle Lebensbereiche der Menschen umfasste. Das Miteinander und füreinander waren wichtige Komponenten im Lebensentwurf der Menschen, wie man es heute meist nur noch bei indigenen Volksgruppen findet, soweit diese in ihren angestammten Gebieten noch unbehelligt leben können.
Insgesamt betrachtet könnte man die Gesellschaft der Wischauer Sprachinsel, wenn schon nicht als sozialistische Gesellschaft, so doch als eine praktisch gelebte soziale Gemeinschaft bezeichnen, die in manchen Bereichen durchaus Ähnlichkeiten mit dem Sozialismus aufweist.
Quellenhinweise:
Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte
Otto Stibor: Hier waren wir einst zu Hause
Elisabeth Plank: Bilder aus der Wischauer Sprachinsel
Brockhaus multimedial
Bertelsmann Lexika
Hertha Wolf-Beranek: Weide und Weidebrauch in den Sudetenländern
Wischauer Heimatbote
Marianna Buttenschön: Die Frau im Sozialismus
Harald v. Koenigswald: Im roten Schatten
Karl Kran: Rote Hoffnung, Grauer Alltag

 

 

Der Mongolenzug von 1241

Die Mongolen waren ein kleines Volk von Jägern und Hirtennomaden im Nordosten der heutigen Mongolischen Republik. Temüdschin, der Sohn eines kleinen Stammesfürsten, vereinte mit großer Brutalität die rund 30 Mongolenstämme. 1206 wurde er mit dem Titel Dschingis Khan zum Herrscher der Mongolen erhoben und trat alsbald in den Blickpunkt der Weltgeschichte.

Von 1207 bis 1027 unterwarf er Zentralasien und die mächtigsten Kulturstaaten Asiens und drang schließlich bis nach Europa vor. Er schuf damit das bis dahin das größte Reich der Weltgeschichte und stellte damit die Züge von Alexander dem Großen, Hannibal und Napoleon in den Schatten. Seine Unternehmungen führten aber auch zu 10 Millionen Toten und zum Untergang vieler Zivilisationen. Dschingis Khan war der erfolgreichste Feldherr aller Zeiten und der größte Barbar - ein Zerstörer und Mörder. Er war aber auch einer der fortschrittlichsten Herrscher seiner Zeit. Er sorgte für die Einführung der uigurischen Schrift für die mongolische Sprache. Er übertrug die Verwaltungsaufgaben im neu geschaffenen Gemeinwesen an Fachleute. Darüber hinaus ließ er ein Strafrecht ausarbeiten,

Wie kam es, dass die Mongolen von Sie zu Sieg eilten, obwohl ihre Heere zahlenmäßig oftmals weit unterlegen waren. Das begann bereits mit der Kriegsvorbereitung. Die Mongolen haben sich für einen Kampf mit dem Feind immer gut vorbereitet. Durch Überläufer, die sie gut behandelt haben, sowie durch Kundschafter, Spione und auch Späher, die bis 100 Km vor dem Heer agierten, wussten sie über ihre Feinde bestens Bescheid.

Das mongolische Heer war ein Volk in Waffen – de facto eine „Bürgerarmee“ im wahrsten Sinne des Wortes. Alle erwachsenen Männer waren Soldaten. Alle Frauen und größeren Kinder dienten mit den Tieren als Rückgrat des Heeres. Ein Heer von 10.000 kämpfende Männern umfasste daher mehr als die 30.000 Menschen und mehrere hunderttausend Tiere.

Die Logistik war daher ein wichtiger Teil zur Sicherung der mongolischen Kriegsführung. Nahrung für Mensch und Tier war immer ein bedeutender Gesichtspunkt. Kleine Trupps waren stets unterwegs, um in den Dörfern und Städten nach Futter, Getreide, Rindern, Ochsen und Pferden zu suchen und damit die Verpflegung für Mensch und Tier zu sichern. Der mongolische Krieger wurde nicht bezahlt. Sein einziges Einkommen war sein Anteil an der Beute. Das dürfte auch der Grund für die brutalen Einfälle in den Dörfern gewesen sein.

Die schnellen und wendigen Reiter waren das Rückrad der mongolischen Truppen. Die Ausbildung war hart. Sie begann bereits im Alter von drei Jahren, indem man den Buben auf dem Pferderücken festband. Mit vier bis fünf Jahren bekam er seinen ersten Bogen und Pfeile. Von da an verbrachte er einen Großteil seines Lebens auf dem Pferderücken, entweder im Krieg oder auf der Jagt. Bei der Truppe herrschte strengste Disziplin. Das gleiche galt auch für die Pferde. Diese waren genügsam, zäh und gehorsam und boten auch beim Reiten eine ruhige Plattform, von der aus der Reiter seine Pfeile abschießen konnte.

Der mongolische Krieger führte mindestens ein Ersatzpferd mit sich. Die Geschwindigkeit des Reiters hat sich wesentlich erhöht, wenn er die Pferde wechselte. Das schuf eine überlegene Mobilität, die trotz oftmaliger Unterzahl beim Gegner den Eindruck einer Übermacht erzeugte.

Darüber hinaus verwendeten die Mongolen immer wieder neue Taktiken. So mussten die Mongolischen Krieger manchmal mehrere Lagerfeuer entzünden, um damit ein größeres Heer vorzutäuschen. Eine ähnliche Wirkung wurde erreicht, wenn die Mongolen ausgestopfte Puppen auf die Ersatzpferde setzten.

Die leichten Reiter haben manchmal Pfeilspitzen mit kleinen Löchern versehen und damit ein Schwirren erzeugt, das die Gegner in Angst und Schrecken versetzt. Eine noch größere Wirkung hatte aber der Einsatz von Bomben. Chinesische Hilfstruppen beherrschten bereits die Pyrotechnik und verunsicherten mit gezielt geschleuderten Bomben die gegnerischen Truppen, vor allem aber deren Pferde, die wegen der ungewohnten Detonationen meist nicht mehr zu bändigen waren und die Flucht ergriffen.

1227 starb Dschingis Khan infolge eines Sturzes vom Pferd im Alter von 60 Jahren. Die Reichsversammlung beauftragte seinen Enkel Batu Khan mit der Westoffensive. Ab Dezember 1237 eroberten die Mongolen die wichtigsten Festungen der russischen und ukrainischen Fürstentümer wie Moskau und Kiew. Im Februar 1241 stießen sie von Galizien aus in das südliche Polen, zerstörten Krakau, schlugen ein polnisches Heer bei Oppeln und fegten in Richtung Liegnitz.

Heinrich II. von Schlesien hatte die Gefahr frühzeitig erkannt und traf auch alle möglichen Abwehrmaßnahmen. Er wendete sich mit Hilferufen an König Wenzel I von Böhmen, an Landgraf Heinrich von Thüringen, an Herzog Otto II. von Bayern, sowie an Papst Gregor IX. und Kaiser Friedrich II. Friedrich II. war zwar seit 1220 deutscher Kaiser, beschäftigte er sich lieber mit dem Königreich Sizilien und mit dem Kampf gegen den Papst. Von ihm war keine Hilfe zu erwarten. Das gleiche galt für die meisten angeschriebenen Fürsten.

Die Abwesenheit Friedrichs hatte für Deutschland weitreichende Folgen. Dadurch sind immer mehr königliche Rechte an die Fürsten übergegangen. Friedrich verzichtete 1231 auf die Ausübung seiner Hoheitsrechte über Gericht, Wege, Münzwesen, Zollwesen, Burgen und Städte im Gebiet der fürstlichen Landesherren. Dadurch schwächte er die Stellung auch der künftigen Könige. In anderen Ländern, wie Frankreich und England, konnten sich die Könige aufgrund ihrer starken Stellung durchsetzen. So blieb Frankreich später katholisch, England wurde anglikanisch und Deutschland blieb gespalten.

Herzog Heinrich II. von Schlesien stellte sich am 9. April 1241 mit einem vereinten Heer aus Polen, Schlesien und Mähren, das auch noch von Rittern des Deutschen Ordens unterstützt wurde, den Mongolen. Nach einem Scheinrückzug der Mongolen nahmen die Ordensritter und die Polen die Verfolgung auf. Damit wurde die Ordnung des vereinigten Heeres zerrissen, was dem Schlachtplan der Mongolen entgegen kam. Das vereinigte Heer wurde vernichtend geschlagen. Zum Schluss wurde Heinrich mit nur noch vier Gefolgsleuten umzingelt. Er wurde von den Mongolen enthauptet. Danach der spießten die Mongolen den Kopf Heinrichs auf eine Lanze, ritten zur Burg Liegnitz, schwenkten ihn vor der Burg und forderten die Witwe auf, sich zu ergeben, was sie aber nicht tat.

Da man allgemein befürchtete, dass die Mongolen nach Westen vorrücken würden, zog König Wenzel I. mit seiner Streitmacht nach Königstein, heute Sachsen - damals Schlesien, um sich mit den Thüringern zu vereinen. Er wurde aber von den Mongolen überlistet, weil diese nur einen Scheinangriff in diese Richtung geführt hatten.

Damit war der Weg nach Süden frei und die Mongolen konnten Anfang Mai 1241 für alle völlig unerwartet in das ungeschützte Mähren einbrechen. Sie trafen, abgesehen von der Verteidigung der festen Städte, auf keinen großen Widerstand. Sie fegten wie ein Orkan aus Blut, Feuer und Grausamkeiten durch Mähren und schlugen eine breite Schneise der Verwüstung durch das Land.

Ihr Weg führte nach urkundlichen Zeugnissen über die Orte Jägerndorf (Krnov), Freudental (Bruntál), Mährisch-Neustadt (Uničov), Littau (Litovel), Olmütz (Olomouc), Brünn (Brno), Kloster Raygern (Rajhrad), Auspitz (Hustopeče) und dann über den Pass „Pforte Ungarns“ der Kleinen Karpaten (heute Slowakei) nach Ungarn. Olmütz und Brünn wurden nicht eingenommen. Den Verteidigern von Olmütz gelang sogar ein Sieg über die Mongolen. Es war kein entscheidender Sieg; immerhin kam ein Enkel Dschingis Khans ums Leben.

Die Mongolen haben bei ihrem Zug in Richtung Ungarn auch Dörfer um Wischau (Vyškov) heimgesucht. In der 1911 verfassten Chronik des Pfarrbezirks Kutscherau (Kučervov) hat Pfarrer Johann Michal niedergeschrieben, dass die Bewohner beim Herannahen von Feinden mit ihren Familien, samt Vieh und Hausrat ihre Dörfer verließen und  in die nahen Wälder hinter Lultsch (Luleč) flüchteten. Wenn der Feind gar noch die Wälder durchstreifte, verblieben als letzte Zuflucht nur noch die Höhlen der Macocha. Bei der Schnelligkeit der mongolischen Reiter dürfte dies aber den allerwenigsten gelungen sein.

Als Beweis für die Anwesenheit der Mongolen führt Pfarrer Michal an, dass auf dem nahen  Berg „Žuráň“ ein Grab eines mongolischen Fürsten das samt Leiche, Streitross und ganzer Rüstung gefunden wurde. Nach Ermittlungen von Matthäus Wittek aus der Wischauer Sprachinsel hat es diesen Fund aber nie gegeben. Das wurde ihm auch laut Anfrage bei Dr. Jarmina Pechova vom Mährischen Landesmuseum Brünn bestätigt.

Die Folgen waren katastrophal: Beraubung des Vieh- und Getreidebestands, Mord, Brandschatzung, Verschleppung von Männern und Vergewaltigung von Frauen. Die Mongolen hinterließen Verwüstung, Verzweiflung und Hunger. So schnell wie sie gekommen sind, zogen sie auch wieder ab und hinterließen Verwüstung, Verzweiflung und Hunger.

Die Vergewaltigungen dürften wohl nicht ohne „Folgen“ geblieben sein. So soll so mancher aus der Wischauer Sprachinsel noch heute im Erbgut die hierzulande äußerst seltene Blutgruppe „B negativ“ weitertragen. Diese Blutgruppe kommt aber bei den Ostasiaten sehr häufig vor.

Das mongolische Heer, das von Galizien nach Südpolen zog, war nur ein Teil der mongolischen Truppen. Die Hauptmacht überquerte die Karpaten. Die Mongolen stellten sich am 11.4.1241 (nur wenige Tage nach Liegnitz) bei Muhi hinter dem Fluss Sajo den Ungarn. Sie griffen bei Nacht an. Nach dem Beginn des Angriffs erfolgte alsbald ein Überraschungsangriff in den Rücken des ungarischen Heeres. Dabei wurde eine Lücke zur Flucht offengelassen. Die flüchtenden Ungarn wurden dann von der schnellen leichten Reiterei zur Strecke gebracht und vernichtend geschlagen.

Wie gut die Mongolen auch über die Geschichte Europas Bescheid wussten, zeigt sich bei der Schlachtordnung bei Muhi. Sie glich exakt dem Schlachtplan Hannibals, der die Römer im Jahre 216 v.Chr. bei Cannae mit einer Umfassungsschlacht besiegt hatte.

Dschingis Khan und seine Nachfolger wollten die ganze damalige Welt erobern. Warum drangen sie dann aber nicht gegen Deutschland vor? Bei den Schlachten bei Liegnitz und Muhi haben die mongolischen Heere größere Verluste erlitten. Heerführer Batu Khan war überzeugt, dass die mongolische Macht zur Bezwingung des Abendlandes nicht mehr ausreichte und Verstärkungen aus Asien erforderlich waren.

Es gab aber noch einen weiteren Grund. Die bisher eroberten Festungswerke in Russland und Polen waren aus Holz und daher relativ leicht einzunehmen. Die westlichen Stadtmauern waren dagegen aus Stein. Da die Mongolen weder Olmütz noch Brünn einnehmen konnten, erkannte Batu Khan, dass ein weiteres Vordringen nur mit größten Schwierigkeiten verbunden war.

Bei Einbruch des Winters erhielt Batu Khan die Nachricht vom plötzlichen Tod des Großkhans Ögädäi. Batu Khan zog sich daraufhin Anfang des Jahres 1242 aus Ungarn nach Südrussland zurück und herrschte über die „Goldene Horde“.

Großkhan Möngke sah sich gezwungen, zur Fortführung der Eroberungen die mongolischen Streitkräfte zu teilen. Nach seinem Tod im Jahre 1259 kam es zu Machtkämpfen, die dann zur endgültigen Teilung des Reiches geführt haben.

Aber auch diese Teilreiche begannen alsbald zu zerfallen, wie der Staat er „Goldenen Horde“. Mit Duldung der Tartaren konnte sich Großfürstentum Russland etablieren. Nach mehreren Volksaufständen sah sich der letzte Mongolische Kaiser Chinas gezwungen, im 14. Jhd. in die Mongolei zurückzukehren.

Damit haben die Mongolen nach etwa 150 Jahren die weltpolitische Bühne wieder verlassen.

Quellennachweis:
Gustav Strakosch-Grassmann: Einfall der Mongolen in Mitteleuropa
Franz Palacky: Der Mongoleneinfall im Jahre 1241
Stephen R. Turnbull: Mongolen
Der Brockhaus multimedial: Mongolische Reiche
Das große Bertelsmann Lexikon: Mongolen
Wischauer Heimatbote

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Warum haben sich die Sprachinselbewohner früher für Schwaben gehalten?

Die Wischauer Sprachinsel Insel lag in Mähren, etwa 25 km nordöstlich von Brünn und 10 km nördlich von Austerlitz. Sie existierte bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Sie bestand aus acht kleinen Dörfern mit etwas mehr als 3.000 Einwohnern. Die Bewohner waren Nachfahren der zumeist bairischen Siedler, die im 12. vor allem aber im 13. Jahrhundert in das Land gekommen sind. Sie haben sich selbst für Nachkommen schwäbischer Siedler gehalten. In der „Topographie vom Markgrafthum Mähren“ von 1793 wird festgehalten, dass die Dörfer in der Gegend von Wischau nach mündlicher Überlieferung schwäbischer Abkunft sein sollen. Das meinten übrigens auch die Tschechen der Umgebung, die die Sprachinselbewohner “Švábi“ genannt, während sie die Deutschen allgemein als „Němci“ bezeichnet haben.

Dabei sind die Sprachinselbewohner keines Wegs die einzigen, die sich für Schwaben gehalten haben. Die Bewohner einer bairischen Sprachinsel in „Transkarpatien“, die bis 1918 zu Ungarn gehörte (heute Ukraine) bezeichnen sich ebenfalls als „Schwoba“, obwohl ihre Vorfahren nachweislich um 1850 aus Oberösterreich zugewandert sind.

Am bekanntesten wurden aber die Umsiedlungen von Schwaben nach Ungarn, die unter Kaiser Karl VI (1711 – 1740), Kaiserin Maria Theresia (1740 – 1780) und Kaiser Joseph II (1780 – 1790) planmäßig erfolgten. Die Bezeichnung „Donauschwaben“ wird erst seit 1922 für alle deutsche Siedler verwendet wurde, die unter den Habsburgern in das frühere Staatsgebiet Ungarns eingewandert sind.

Das trifft aber auf keinen Fall für die Wischauer Sprachinsel zu, weil die deutschen Zuwanderungen ja schon 500 Jahre früher erfolgt sind. Schließlich sind die Siedler nach Südmähren hauptsächlich aus Baiern und dem angrenzenden Niederösterreich gekommen. Darüber hinaus gab es aber auch Zuwanderer aus Schlesien und wohl auch aus schwäbischen Gebieten. Nach Heinrich Kirchmayr sollen nach der Pestepidemie von 1582 schwäbische Kolonisten ins Land gekommen sein.

Vielleicht ist aber doch etwas daran, dass sich unsere Vorfahren als Schwaben bezeichnet haben. Um den wirklichen Grund herauszufinden, muss man, so glaube ich, bis zum Ende des Römischen Reiches zurückgehen.

Der Hunneneinfall löste 375 bei den Goten, Wandalen, Langobarden und Burgundern eine Völkerwanderung aus, während die Alamannen, Franken, Thüringer zumeist ihre Stammesgebiete behielten und sogar vergrößern konnten. Die Alemannen waren seit dem 2./3. Jahrhundert im Vorfeld des Limes ansässig. Nach 454 dehnten sich die Alemannen in das Elsass und die Nordschweiz aus, aber auch gegen Osten über den spätrömischen Limes an der Iller und über Lech hinweg bis ins östliche Rätien.

Im Gegensatz zu den meisten germanischen Volksstämmen werden die Bajuwaren in keiner schriftlichen Quelle des ausgehenden Altertums erwähnt. Selbst bei Eugippius werden die Bajuwaren in der „Vita Sancti Severini, der Lebensgeschichte des Heiligen Severin († 482) nicht einmal erwähnt, obwohl sie einen ausführlichen Bericht über das letzte Kapitel der Römerherrschaft am östlichen Ende des bayerischen Donauraums enthält. Erst in der Mitte des 6. Jahrhunderts wird über dieses geheimnisvolle Volk erstmals berichtet, das zwischen Donau, Lech und den Alpen gelebt hat.

Die Theorie einer Einwanderung des bajuwarischen Volksstamms aus Böhmen während des 6. Jahrhunderts, erweist sich nicht mehr als stichhaltig. Heute herrscht allgemein die Meinung, dass sich gegen Ende der Römerherrschaft (476) und vor allem während der Regierungszeit des Ostgotenkönigs Theoderich (493–526) verschiedene germanische Volksgruppen im Voralpengebiet zwischen der verbliebenen romanisierten keltischen Bevölkerung niedergelassen haben. Als größte Gruppe dürften die Alamannen dann bei der bajuwarischen Stammesbildung eine wesentliche Rolle, wenn nicht gar die Hauptrolle gespielt haben.

Nach der bereits erwähnten Vita „Sancti Severini“ kamen die Alamannen in der zweiten Hälfte des 5. Jhs. verstärkt in das heutige Bayern bis Passau. Der Sieg der Franken über die Alamannen von 496/506 verursachte dann einen starken alamannischen Zustrom in den späteren bairischen Donauraum. Danach dürften sich die Alamannen wohl kaum wieder ganz in das spätere Schwaben zurückgezogen haben. 536 erfolgte die offizielle Abtretung beider Rätien durch den Ostgotenkönig Witigis an den fränkischen König Theudebert. 555 wird der bairische Herzog erwähnt, ein Zeichen für die Festigung der fränkischen Herrschaft auch östlich des Lechs. Im Gegensatz zum alamannischen Raum konnte das bairische Herzogtum aber eine relativ selbständige Abhängigkeit von den Franken erreichen.

Eine besondere Stütze findet die Annahme eines alamannischen Übergewichts im bairischen Raum durch die engen sprachlichen Beziehungen zwischen dem Alamannischen und dem Bairischen. So ist es nicht ungewöhnlich, dass die ältesten Ortsnamen in Bayern auf „ing“ und in den schwäbischen Gebieten auf „ingen“ lauten. So braucht man sich auch nicht zu wundern, dass in mehreren duzend Ortsnamen Altbaierns bis zur Traun in Oberösterreich die Silbe „Schwab“ enthalten ist.

So haben auch die Autoren des „Kleinen Bayerischen Sprachatlas“ festgestellt, dass sich Baiern und Alemannen im 8. Jahrhundert sprachlich wohl noch kaum unterschieden hätten. Die heutigen Dialektunterschiede hätten sich demnach erst aufgrund der mittelalterlichen Herrschaftsverhältnisse herausgebildet, die eine einheitliche Sprachentwicklung verhindert haben. Die Entwicklung könnte man wie folgt beschreiben: Baiern und Alamannen sind wie Geschwister, die sich aufgrund der Lechgrenze im Laufe von 1500 Jahren auseinander entwickelt haben.

Für die bairische Sprache lässt sich daher in seinem frühen Bestand eine enge Verwandtschaft, wenn nicht gar eine Identität mit dem Alamannischen feststellen. Das kann man am gemeinsamen Gerüst des Laut – und Formensystems der beiden oberdeutschen Dialekte erkennen. So bewahren das Schwäbische und das Bairische z.B. die mhd. Lautstände „ia“ und „ua“ so bei „fliang“ für fliegen, „schiam“ für schieben oder „giaßn“ für gießen bzw. „Kua“ für Kuh, „Huat“ für Hut oder „Fuata“ für Futter. Bei der Grammatik kann man u.a. feststellen, dass es in beiden Dialekten weder einen Genitiv noch ein Präteritum gibt .So sagt man im Wischauer Dialekt: „Da Plátln və də Rousn“ für „Die Blätter der Rose“ „Ich bi goungə“ für „ich ging“.

Man kann daher davon ausgehen, dass zur Zeit der bairischen Auswanderungen im 12. bis 13. Jahrhundert in die Wischauer Sprachinsel die schwäbischen Sprachelemente im bairischen Hauptsprachgebiet noch wesentlich stärker ausgeprägt waren.

An der Besiedlung der südbairischen (zimbrischen) Sprachinseln im 11. und 12. Jahrhundert, wie bei den „Dreizehn Gemeinden“ in den Lessinischen Bergen (Provinz Venedig) waren meist bairische Zuwanderer beteiligt. Dort findet man schwäbische Wörter, die auch im Wischauer Dialekt verwendet werden. So lauten die Wörter „khlai“ bzw. „khlái“ für klein oder „níənə“ bzw. „níanəds“ für nirgends. Es gibt auch die schwäbisch klingende Verkleinerungsendung auf „ale“, die nur in einem Dorf der Wischauer Sprachinsel (Kutscherau) verwendet wird, so bei „Akhale“ für kleinen Acker, „Khejbale“ für kleinen Käfer oder „Diandale“ für kleines Mädchen. Derartige Endungen sind auch in südbairischen Sprachinseln zu finden. So heißt es bei Schmeller, dem bekanntesten bairischen Sprachforscher, „mennele“ für Männchen, „dirnele“ für Mädchen oder „lempele“ für Lämpchen. Im Allgemeinen sind die schwäbischen Wörter in der Wischauer Sprachinsel wie auch in den südbairischen Sprachinseln aber nicht von schwäbischen Siedlern übernommen worden.

Der Hauptteil der folgenden Wörter dürfte vielmehr aufgrund der alemannischen Wurzeln bereits in die sich neu bildende bairische Sprache eingeflossen sein. Die Wörter „boich“ für weich, „zboi“ für zwei, „Loita“ für Leiter oder ich „bois für ich weis (neubairisch woach, zwoa, Loata oder ich woaß) kommen nämlich nicht nur in Schwaben, sondern auch in einigen bairischen Randgebieten und Sprachinseln vor. So stellt auch Ernst Schwarz beim Thema „Sudetendeutsche Sprachräume“ fest, dass das „oi“ als ältere bairische Gestalt zu betrachten sei, weil die Wandlung zu „oa“ in den bairischen Hauptgebieten erst später erfolgt ist.

Eine ähnliche Entwicklung hat es wohl auch beim Diphthong „ui“ gegeben, wie bei „Fuia - Feuer“, „huiə - heuer“ oder „tuiə – teuer“. Obwohl diese Lautung auch in Schwaben gebraucht werden, handelt es sich hier um eine alte bairische Ausspracheform; im neubairischen heißt es nunmehr „Faia, haia oder taia“. Die Wischauer Sprachinsel war damit für beide Diphthonge ein Rückzugsgebiet, in dem sich der alte mittelbairische Dialekt erhalten konnte. Ein weiteres Beispiel hierfür ist das „ch“, das im schwäbischen wie im Wischauer Dialekt u.a. bei den Wörtern „kschechə“ für geschehen, ksechə“ für gesehen oder „Zechə“ für Zehe kräftig gesprochen wird.

Als letztes will ich noch auf ein altes schwäbisches Element hinweisen und zwar auf das „sch“, das im Mittelbairischen allgemein verloren gegangen ist, das sich jedoch im Westen Oberbayern, in bairischen Randgebieten, aber auch in der Wischauer Sprachinsel weitgehend erhalten hatte. So sagte man „du biascht“ für du wirst und „du bischt“ für du bist. Da das „sch“ noch besonders im westlichen Oberbayern gesprochen wird, braucht man sich nicht zu wundern, die Münchner die Menschen des Münchner Norden früher sowieso nur als Schwaben bezeichnet haben.

 Das „sch“ hat sich in er Wischauer Sprachinsel auch bei den Modalverben „sollen“ und „sollten“ erhalten, so bei „ich schoul“ und „ich schult“ für „ich soll“ und „ich sollte“. Dass es sich hierbei um sehr alte Formen handelt, zeigt sich bei Andreas Schmeller, der diese Wörter in seinem zimbrischen Wörterbuch mit ich „schöll“ und ich „schölte“ erfasst hat. Selbst im Englischen lauten diese Wörter heute noch „shall“ und „shoult“.

Aufgrund meiner Ausführungen hatten unserer Vorfahren mit ihrer Meinung, wonach sie Schwaben seien, wohl nicht ganz unrecht. Wenn man aber unseren Altforderen zustimmen würde, dann könnte man ja gleich behaupten, dass die Baiern verkappte Schwaben seien. Damit würde man sich aber den gewaltigen Zorn der Altbaiern zuziehen.

Quellenhinweise:
Das Bairische Dialektbuch, Ludwig Zehetner
Kleiner Bayrischer Sprachatlas
Die Bajuwaren, Wilhelm Störmer
Süddeutschland in der frühen Merowingerzeit, Wolfgang Hartung

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Die Heilige Lanze

Die Heilige Lanze gehört zu den ältesten Stücken der Reichsinsignien des Heiligen Römischen Reiches. Sie soll ein Stück eines Nagels vom Kreuz Christi enthalten. Nach der Legende gehörte sie dem römischen Hauptmann Longinus, der mit ihr den Tod Jesu überprüfte. Tatsächlich ist sie aber eine normale Flügellanze des 8. Jahrhunderts und damit nicht identisch mit der Lanze von Golgatha. Zu den Reichsinsignien gehören Reichskrone, Reichsapfel, Reichsschwert, Reichskreuz und die Heilige Lanze.
Wie kam es, dass diese einfache Lanze ein Teil der Insignien werden konnte? Ihr Aufstieg begann mit den Ungarneinfällen. Die Ungarn kamen aus Asien, setzten sich noch vor in 900 Pannonien fest und überzogen mit überfallartigen Streifzügen weite Teile Europa mit Angst und Schrecken. Zuerst sind sie nach Oberitalien vorgedrungen und haben (899) ein Lombardisches Heer geschlagen. Bei der Verteidigung Mantuas hat sich die Heilige Lanze bereits als siegreich bewiesen. Sie wurde daher von dem Burgunderkönig Rudolph II. erworben. Das Großmährische Reich brach 906 unter dem Ansturm der Ungarn zusammen, es hat sich danach nie wieder erholt und kam 1030 als Reichslehen zu Böhmen.

Das Reich war in höchster Gefahr. König Heinrich I. war gezwungen, 924 einen Nichtangriffspakt schließen. In dieser Situation hörte er von der siegbringenden Lanze des Burgunderkönigs und erwarb sie 926 für viel Geld. Dank guter militärischer Vorbereitungen und im Besitz der siegbringenden Lanze wurden die Ungarn in Sachsen am 15.3.933, am Namenstag des heiligen Longinus besiegt. Damit bestätigte sich die Tradition der Longinuslanze. Die Lanze brachte dann auch für König Otto I. den Sieg bei der Entscheidungsschlacht 955 über die Ungarn auf dem Lechfeld bei Augsburg. Danach wuchs der Stellenwert der Heiligen Lanze gewaltig. Der Herrscher, der die Heilige Lanze besaß, galt nunmehr als unbesiegbar. Sie war das Zeichen dafür, dass seine Macht von Gott ausging.

Die Ungarneinfälle hatten die Bairische Ostausdehnung gestoppt. Nach dem Sieg über die Ungarn konnten die Baiern die von Herzog Tassilo III. begonnene Ausbreitung nach Osten wieder fortführen. Unter der Herrschaft der Babenberger Grafen drängten man bald über das Tullner Feld hinaus bis zur March. Damit begann die bairische Besiedlung in Südmähren.

Speer oder Lanze hatten für Fürsten schon in früheren Zeiten eine besondere symbolhafte Bedeutung. So braucht man sich nicht zu wundern, dass es mehrere Heilige Lanzen gegeben hat. So gab es im Byzantinischen Reich eine Heilige Lanze, die aber 1493 beim Fall Konstantinopels (heute Istanbul) an die Türken verloren ging. Auch in Frankreich gab es eine Heilige Lanze, die in Paris aufbewahrt wurde. Sie ist aber seit den Wirren der Französischen Revolution im Jahre 1789 verschollen.

Kaiser Otto III. (983 – 1002) wollte die an den Grenzen Mährens neu entstehenden Königreiche Polen und Ungarn an das Römische Reich und an die Römische Kirche binden. Als besonderes Zeichen übergab er im Jahr 1000 bei der Erhebung Gnesens zum Erzbistum eine Kopie der Heiligen Lanze an Herzog Boleslav von Polen. Die Replik gehört noch heute zum Krakauer Domschatz. Zur gleichen Zeit ging eine weitere Kopie an den ungarischen König Stephan I. (1000 – 1038). Für die neuen Lanzen sollen Blatteile des Originals abgestemmt worden sein um sie auch an der Kraft der Hl. Lanze teilhaben zu lassen. Dabei ist jedoch das Lanzenblatt gebrochen, wofür dann eine Silbermanschette gefertigt wurde.

Unter König Konrad II. (1024 – 1039) wurde ein großer Kreuzpartikel erworben. Danach entstand das Reichskreuz, das eigentlich nur als kostbares Behältnis zur Verwahrung des Kreuzpartikels und der Heiligen Lanze gedient hat. Das Reichskreuz war danach das Hauptstück der Reichsinsignien und wurde bei den Inventaren meist an erster Stelle aufgeführt – noch vor Reichskrone und Reichsapfel.

Ab dem 12. Jahrhundert verlor die Heilige Lanze weitgehend ihre staatrechtliche Bedeutung und wurde zur Reliquie. Für den Inhaber der Lanze galt sie aber dennoch als Inbegriff der Macht und Stärke. Er konnte nach außen weiterhin auf die göttliche Legitimation seiner Herrscherwürde verweisen.

Doch noch einmal hatte die Heilige Lanze eine dramatische Rolle übernommen. Am 25.11.1314 kam es zu einer Doppelwahl des deutschen Königs. Friedrich der Schöne von Österreich wurde in Bonn mit den Reichsinsignien gekrönt, sein Konkurrent Ludwig der Bayer in Aachen, jedoch ohne die Insignien. Ludwig der Bayer setzte alles daran, um an die Heilige Lanze zukommen, was ihm dann auch nach dem Sieg über Friedrich 1322 bei Mühldorf gelang. Die Hl. Lanze wurde im Alten Hof in München aufbewahrt, in dem ich 40 Jahre tätig war.

Nach dem Tod Ludwigs des Bayern wurden die Reichsinsignien 1349 Kaiser Karl IV. ausgehändigt. Der ließ sie sogleich nach Prag in die nahe Burg Karlstein bringen. Die Reliquien-Verehrung der Heiligen Lanze erreichte nunmehr ihren Höhepunkt, weil Prag auf Betreiben Karls IV. neben Jerusalem, Rom und Paris ein weiterer Mittelpunkt der Christusreliquien geworden ist, zumal der Pabst sogar ein eigenes Lanzenfest zugelassen hatte. Von der Nagelreliquie der Heiligen Lanze wurde ein Stück abgenommen, das heute noch im Prager Domschatz vorhanden ist. Zum Verdecken der Lücke wurde eine Goldmanschette angebracht.

Während der Hussitenkriege war die Sicherheit der Reichskleinodien nicht mehr gewährleistet. König Sigismund ließ sie 1422 zunächst nach Ungarn bringen. Da auch Ungarn von den Hussiten bedroht war, brachte man die Insignien 1424 in die Reichsstadt Nürnberg. Hier wurde die Verehrung der Heiligen Lanze fortgeführt, da der Pabst auch hier ein Lanzenfest genehmigt hat. Martin Luther war gegen jede Heiligen- und Reliquienverehrung. In der nunmehr evangelischen Stadt Nürnberg wurde daher die öffentliche Präsentation der Heiligen Lanze eingestellt. Soweit aber hochgestellte Persönlichkeiten in der Stadt waren, wurde die Besichtigung weiterhin erlaubt. Aus Angst, die Reichskleinodien könnten Napoleon in die Hände fallen, ließ sie Kaiser Franz II.,der spätere österreichischen Kaiser Franz I., 1796 zuerst nach Regensburg und 1800 in die Wiener Hofburg bringen.

In Nr. 1/1991 des Wischauer Heimatboten berichtete Hannes Legner, wie Kaiser Franz Joseph I. nach der Krönung vom 2.12.1848 in Olmütz auf seinem triumphalen Weg nach Wien auf der Kaiserstrasse anhielt, wo ihm auch die Bewohner der Sprachinsel ihre Aufwartung machten. Nachdem ich im Fernsehen einen Bericht über die Heilige Lanze gesehen hatte, kam mir die Idee für diesen Bericht. Ich fragte mich dabei, ob bei der Krönung des neuen Herrschers auch die Heilige Lanze dabei war. Daraufhin habe ich viele Bücher durchforstet, aber nichts über die Krönung erfahren. Da wird meist sehr ausführlich berichtet, so über die Oktober-Revolution in Wien, über die kopflose Flucht der kaiserlichen Familie (nur Sophie die Mutter Franz Josephs, hatte daran gedacht, auch Geld  mitzunehmen), über den Fluchtweg, der in Mähren zur Triumphstraße wurde, über die Abdankung Kaiser Ferdinands, über den Verzicht dessen Sohnes Franz Karl und über die Proklamation des neuen Kaisers zum Regierungsantritt

Mit keinem Wort wird die Krönung erwähnt. Bis ich dann doch noch fündig wurde. Ein französischen Autor hat bei einem Vergleich von Krönungen berühmter Herrscher festgestellt, dass Franz Joseph bewusst auf die Krönung verzichtet habe. Das fällt mir aber schwer zu glauben, da Franz Joseph ein konservativer Mensch war und zudem auch ein Kaiser von Gottes Gnaden sein wollte. Ich glaube daher, dass Franz Joseph nicht gekrönt wurde, weil die Reichsinsignien wegen der kopflosen Flucht in Wien geblieben sind, weil die Machtübergabe so nicht geplant war (sie ergab sich ja erst nach der Revolution), weil für den Kaiserwechsel nach der Rückeroberung Wiens höchste Eile geboten war und weil Franz Joseph in Wien schon als neuer Kaiser auftreten sollte.

Kaiser Wilhelm I. hat bei der Reichgründung 1871 bewusst keine Ansprüche auf die Reichkleinodien gestellt, weil damit der Anschein erweckt werden konnte, dass das nunmehr protestantisch geprägte neue Deutsche Reich seine Legitimation aus dem Besitz des früheren Römischen und damit katholischen Reichs herleiten könnte.

Richard Wagner schuf 1882 mit Parsifal sein letztes Werk. Gral und Lanze sind die Handlungsträger der Oper. Der Heilige Speer steht für Gerechtigkeit und gegen Gewalt. Als sein Gegner Klingsor ihn gegen Parsifal schleudert, verharrt er in der Luft. Parsifal verwendet ihn aber nicht gegen seinen Angreifer. Der Speer wird dann auch zum Allheilmittel gegen Verwundungen und damit zur „heilenden“ Waffe. Nach dem 1. Weltkrieg schlich sich dann bereits völkisches Gedankengut ein, da wurde die Lanze bereits zum Wotanspeer. Die Wagneropern bei den Nazis dann auch einen Kultstatus erreicht. Die Heilige Lanze muss für Adolf Hitler einen hohen Stellenwert gehabt haben. Das zeigt sich daran, dass schon 5 Tage nach der Besetzung Österreichs vereinbart wurde, die Reichskleinodien nach Nürnberg in das Germanische Museum zu bringen. So konnte sich auch Hitler durch den Besitz des Wotanspeers als rechtmäßiger Herrscher fühlen. Nach außen hat er das aber vermieden. Das Dritte Reich durfte als neues 1000-jähriges Reich nicht den Eindruck erwecken, eine auch irgendwie geartete Fortführung des Heiligen Römischen Reiches darzustellen.

Nachdem die Amerikaner die Reichskleinodien nach dem 2. Weltkrieg an Österreich zurückgegeben hatten, erschienen zumeist in Amerika unzählige Bücher, die sich mit der Heiligen Lanze von Golgatha, vor allem aber mit dem Ende des 3. Reichs beschäftigten. Die Titel lauten “The Spear” oder “The Spear of Destiny”. Danach soll sich Hitler bereits in jungen Jahren dem Okkultismus und der Macht des Bösen verschrieben haben. Die heilige Lanze konnte sich auch In den vielen Comicserien etablieren. Da gibt es abenteuerliche Geschichten, dabei soll es u.a. Hitler mit der Heiligen Lanze gelungen sein, sogar die Welt zu zerstören (The Last Days of the Justice of America). Am bekanntesten wurde 1995 „Indiana Jones and the Spear of Destiny“. In dieser Serie hat eine Magdalena Hitler gegen Ende des 2. Weltkriegs die Heilige Lanze abgenommen und damit seine Macht gebrochen. Der Ursprung der Lanze gerät aber allmählich in den Hintergrund.

Mit den neuen Medien wurden zahllose Varianten auf dem Markt gebracht – bis hin zu Computerspielen und zur Esoterik. Bei den meisten Geschichten spielt aber immer öfter eine dunkle Macht, die von der Lanze ausgeht, eine größere Rolle, die bis zur Gefährdung der ganzen Welt hochgespielt wird. Die bis zum Ende der Sowjetunion von den USA aufrecht erhaltene Bedrohung ging bruchlos in die geschürte Furcht vor unsichtbaren Feinden über. Mit dem Einsatz der neuen Medien haben die Autoren die Heilige Lanze alsbald systematisch und erfolgreich entchristianisiert. Als Objekt besitzt die Lanze nunmehr ihre eigenen Kräfte, die jedoch zumeist als böse verstanden werden. Ein Lied der deutschen Popgruppe „Erste allgemeine Verunsicherung" bringt das auf den Punkt: Der Song lautet: „Das Böse ist immer und überall“.

Quellenhinweise: Franz Kirchweger: Die Heilige Lanze - Volker Schier und Corine Schleif: Die Heilige und die Unheilige Lanze -
Franz Herre: Kaiser Franz Joseph von Österreich

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Die Wischauer Sprachinsel im Spannungsfeld zwischen Tschechen und Deutschen, Preußen und Österreich

Die Baiern breiteten sich von ihrem Stammgebiet zwischen Regensburg und München vor allem nach Süden, Osten und Norden aus. Ab ca. 1000 überwanden sie die Kämme des Böhmer- und Oberpfälzer Walds. Das war problemlos, weil in diesen Gebieten noch keine Tschechen gelebt haben. Zu ersten Problemen zwischen Tschechen und Deutschen kam es, als die Baiern über die Osthänge der Mittelgebirge hinaus zu siedeln begannen. So berichtet Cosmas in der ersten Chronik Böhmens, dass Deutsche 1121 bei Pilsen eine Burg errichtet haben. Herzog Wladislaw besetzte umgehend die Burg und nahm die Deutschen gefangen.

Während der „Großen" Kolonisation hat der Einfluss der Deutschen in den Klöstern zugenommen. So wurden im 12. und 13. Jahrhundert wegen der Benachteiligung tschechischer Ordensleute Klagen beim König und sogar beim Pabst erhoben. Zuerst ersuchte man die Probleme durch die Trennung der Nationalitäten zu lösen. Später wollte König Karl IV. die Gegensätze durch das Zusammenwohnen ausgleichen, was wiederum zu neuen Klagen geführt hat. Probleme gab es natürlich auch außerhalb der Klöster. Als der Adel 1307 Heinrich von Kärnten zum König wählte, kam es zum ersten nationalen Kampf um Böhmen, weil dem damals bereits mehrheitlich deutschen Bürgertum ein Mitspracherecht im böhmischen Landtag vom zumeist tschechischen Adel verweigert wurde.

Seit der Kolonisation hatten den Deutschen aufgrund rechtlicher Vorteile oft einen höheren Wohlstand. Als ab der Mitte des 14. Jahrhunderts vermehrt Tschechen in die Städte zogen, traten wegen deren meist minderen Beschäftigung weitere soziale Gegensätze auf. Dieses Ungleichgewicht kam dann dem tschechischen Reformator Jan Hus entgegen. Seine Verbrennung 1415 in Konstanz löste in Böhmen und Mähren eine mächtige nationale Bewegung aus, die in den Hussitenkriegen endete. Böhmen wurde im Landesinneren großflächig tschechisiert. In Mähren war es weniger schlimm. Doch wurden auch die Dörfer um Wischau in den Jahren 1422-1433 mehrmals heimgesucht. Da ganze Dörfer ausradiert wurden, sind bereits damals die ersten Sprachbrücken zusammengebrochen.

Danach hatten die Tschechen in gemischten Orten oft den Vorrang. Ein Beispiel hierfür sind Deutsch Pruß und Pustomiersch nördlich von Wischau, die damals auch noch von Deutschen bewohnt waren. Bei der Auswertung eines Waisenregisters oder Währungsbuchs der Jahre 1535-1596 konnte Ernst Schwarz nachweisen, dass sich die tschechische Sprache bis etwa 1570 vor allem durch Mischehen durchgesetzt hat. In de Folgezeit gab es keine größeren Probleme. Zudem haben die Deutschen nach dem 30jährigen Krieg wieder die Bedeutung erhalten, die sie vor de Hussitenkriegen hatten. Die Tschechen bezeichnen die Zeit bis zum sogenannten „Erwachen“ als temno (die große Dunkelheit).

Friedrich II. von Preußen war ein Hasardeur und eigentlich ein Kriegsverbrecher und damit das Vorbild für Napoleon und Hitler. Kaum war er 1740 an die Macht gekommen, hat er sogleich Schlesien überfallen und drei Herzogtümern annektiert. Den Siebenjährigen Krieg hat er mit der Besetzung und Ausbeutung Sachsen finanziert. Durch Abtrennung Schlesiens entstand in den Ländern der böhmischen Krone erstmals eine tschechische Mehrheit. Das war bereits der Keim kommender Ereignisse. Im gleichen Maße wie Preußen erstarkte, wurde Österreich geschwächt und das Deutsche Reich weiter zerrüttet. 1785 hat Friedrich II. auch den letzten Versuch des Fürstenbunds zu einer Verfassungsreform vereitelt. Nachdem sich Preußen 1795 mit dem Sonderfrieden von Basel aus dem Kampf der deutschen Fürsten gegen Frankreich zurückgezogen hatte, war Deutschland nicht mehr in der Lage, Napoleon aufhalten. Das Deutsche Reich war am Ende. Der letzte deutsche Kaiser Franz II. bzw. Franz I. verzichtet 1806 endgültig auf die deutsche Kaiserkrone.

Es war ein Verhängnis für ganz Deutschland, dass die Wiener Revolution von 1848 genau an den Tagen ausbrach, als in Frankfurt über eine neue Verfassung beraten wurde. Da mit dem Zerfall Österreichs gerechnet wurde, beschloss man auf Betreiben Bismarcks, dass dem Bunde kein Land mit nichtdeutscher Bevölkerung angehören dürfe. Das war die Vorankündigung der „Kleindeutschen Lösung“. Die Tschechen nahmen die Wahlen zur Nationalversammlung zum Anlass, einen Slawenkongress nach Prag einzuberufen. Darauf folgten Demonstrationen, Gewalttaten und Unruhen, die vom Militär niedergeschlagen wurden.

In dieser Situation verhandelten erstmals freigewählte Vertreter der Völker im Reichstag von Kremsier über ein künftiges Zusammenleben der Völker. Dabei waren sich der Sprecher der Deutschen Ludwig von Löhner und der tschechische Historiker František Palacký einig, dass die Kronländer durch Sprachgebiete ersetzt werden sollten. In den Entwurf des Reichstags wurde aber nur eine teilweise Selbstverwaltung aufgenommen. Selbst dieser Entwurf wurde 1848 von Franz Joseph abgelehnt und damit der Beginn eines nationalen Ausgleichs verpasst.

Die Deutschen hatten im Vielvölkerstaat regiert, weil Habsburg in Deutschland regiert hatte. Den Deutschen wurde ihr Vorrang so lange nicht ernstlich streitig gemacht, als sie Teil eines großen Volkes und eines großen Reiches waren. Mit der sich abzeichnenden „Kleindeutschen“ Lösung waren die Deutschen in Böhmen und Mähren nun endgültig auf dem Weg zur überstimmbaren Minderheit. Die Deutschen Böhmens und Mährens huldigten aber weiterhin dem Liberalismus, verzettelten sich im Kampf gegen Kirche und Klerikalismus und verkannten völlig die Bedeutung des Nationalitätenproblems. Sie fühlten sich immer noch als staatstragendes Volk und pochten viel zulange auf ihre bisherigen Rechte in Politik und Wirtschaft.

Dazu kam eine Reihe folgenschwerer Fehlversuche von Änderungen und Neuordnungen des Habsburger Reiches, die man als die entscheidenden Ursachen für die Katastrophe von 1914-1918, aber auch für die Ereignisse von 1938, 1939 und 1945 ansehen könnte. 1860 erließ der Kaiser eine Verfassung, bei der die Gesetzgebung weitgehend bei den Kronländern lag. Die Slawen begrüßten die Verfassung. Das liberale deutsche Bürgertum lehnte sie ab und der Kaiser nahm sie wieder zurück. 1861 wurde eine neue Verfassung verkündet, die den Wünschen der Deutschen entgegenkam. Damit behielt das deutsche Bürgertum oft auch dann die Oberhand, wenn es in den gemischten Gebieten in der Minderheit war. Das Gemeindegesetz von 1862 brachte zwar eine weitgehende Gemeindefreiheit. Es stützte sich aber auf die Selbstverwaltung der besitzenden Bürgerschaft – das waren aber meist die Deutschen. Das „Sprachenzwang-Gesetz“ von 1864, das die Jugend der beiden Volksgruppen zum Lernen der anderen Landessprache veranlassen wollte, wurde von den Deutschen heftig bekämpft.

Dazu kam auch noch der Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland. Als Bismarck 1862 preußischer Ministerpräsident wurde, betrieb er verstärkt das Ausscheiden Österreichs aus dem „Deutschen Bund“. Der Krieg rückte näher. Aber auch die liberale Wiener Presse trieb zum Krieg und nährte trügerische Siegeshoffnungen. Österreich wurde 1866 bei Königgrätz vernichtend geschlagen – geschlagen wohl aufgrund einer Fehlentscheidung Kaiser Franz Josephs, der die Einführung der modernen Zündnadelgewehre persönlich abgelehnt hatte.

Die Folgen waren bitter: Österreich brauchte zwar kein Land abtreten, musste aber aus dem Deutschen Bund ausscheiden und die Neuordnung Deutschlands mit der Kleindeutschen Lösung anerkennen. In der Sprachinsel wütete die Cholera. Bismarck war jedes Mittel recht. Als seine Truppen Teile Böhmens besetzten, stellte er sich als Freund der Tschechen dar und riet Böhmen und Mähren mit einem offenen Brief zur nationalen Selbständigkeit. Palacký wies das Ansinnen jedoch schroff zurück. Darüber hinaus stützte er die Gründung einer ungarischen Legion unter dem Emigranten „Klapka“ und knebelte Bayern und Württemberg mit Geheimverträgen.

Der Kampf um die Vormachtstellung war für Bismarck auch der weitergeführte Kampf des Protestantismus gegen den Katholizismus. Waren im „Deutschen Bund“ die Katholiken noch in der Überzahl, so sank ihr Anteil bei der kleindeutschen Lösung auf 40 Prozent. Preußen unterstützte jahrelang massiv die „Los-von-Rom-Bewegung“ des „Gustav-Adolf-Vereins“ mit dem Ziel, einen Massenabfall der Deutschen von der katholischen Kirche zu erreichen und damit die Voraussetzung für eine evtl. Aufnahme in das Deutsche Reich zu schaffen, wo man keinen größeren Zuwachs an Katholiken wünschte. Durch das Unfehlbarkeitsdogma der katholischen Kirche sah Bismarck das neue Reich bedroht und inszenierte den sogenannten Kulturkampf vor allem mit Strafgesetzen. Sein Ziel war eine Nationalkirche. Er unterstütztre daher die Protestbewegung der Altkatholiken.

Nach 1866 wurde in Böhmen und Mähren auch weiterhin wertvolle Zeit vertan und Entscheidendes versäumt. 1867 trat eine neue Verfassung in Kraft, mit der die Gleichberechtigung der Bürger und Nationen festgelegt wurde. Da aber ein Sprachengesetz fehlte, blieb alles beim Alten. Dann haben die Deutschen die Sprachenverordnung von 1880 und auch den Ausgleichsversuch von 1887 abgelehnt; beides hätte zwar einen gewissen Machverlust, auf lange Sicht aber mehr rechtliche Sicherheit bedeutet. Ab 1884 forderten die Deutschen die Teilung Böhmens in ein deutsches und ein tschechisches Verwaltungsgebiet. Obwohl das die Tschechen bereits früher gefordert hatten, lehnten sie es nunmehr ab, weil sie sich mehr erhofft haben.

Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich wegen der Industrialisierung die Zahl der Arbeiter sprunghaft erhöht. Die Zuwanderung tschechischer Arbeiter in die großen Städte und in rein deutsche Gebiete wurde nicht nur von ihren Schutzverbänden, sondern auch von tschechischen, aber auch von deutschen Arbeitgebern gefördert, die wegen des höheren Gewinns oftmals billigere Tschechen eingestellt haben. Der wirtschaftliche und soziale Aufstieg der Tschechen stärkte nicht nur deren Selbstbewusstsein, sondern auch deren Nationalgefühl und Radikalismus. Als die Partei der „Jungtschechen“ unter Edvard Grégr 1887 die Landtagswahlen gewonnen hatte, mischten sich in ihre Agitationen alsbald die ersten Gedanken, wonach die Deutschen ggf. nach der Abtretung einiger westlicher Bezirke tschechisiert werden sollten. Nachdem die Tschechen in den Handelskammern von Prag, Pilsen und Budweis und 1883 auch im Böhmische Landtag die Mehrheit erreicht hatten, wurden ihnen nach und nach Zugeständnisse gemacht. Aber erst Jahre später, als den Deutschen die Gefahren über den Kopf wuchsen, haben sie viel zu spät versucht, ihre Interessen als Minderheit zu festigen und eigene Schutzbünde auszubauen, so 1894 mit dem „Bund der Deutschen“ oder dem „Deutschen Schulverein“.

1890 waren es die Tschechen, die den Ausgleich verhindert haben. Danach kam es vor allem in den gemischten Gebieten zu blutigen Zusammenstößen. Mit der Sprachenverordnung von 1897, nach der jeder Beamte die Kenntnis beider Landessprachen nachweisen sollte, wurde die Lage noch angeheizt. Im Landtag kam es zu Tumulten und in Prag wurde sogar das Standrecht verkündet. 1905 kam es in Mähren endlich zum Ausgleich, der den Nationen Mährens die völlige Gleichberechtigung gebracht hat. Das Ausgleichsgesetz hatte nur einen Fehler - es kam um Jahrzehnte zu spät. 1879 schlossen Deutschland und Österreich den Zweibund zur gegenseitigen Unterstützung. Mit Deutschland als Rückhalt konnte dann Österreich nach der Ermordung 1914 des Kronprinzen Serbien den Krieg erklären.

Auch in der Sprachinsel zeigte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein verstärkter Zuzug von Tschechen, deren Bevölkerungsanteil 1880 bereits 17 % betrug. Während in der „oberen“ Sprachinsel der Anteil der tschechischen Bewohner nur 12 Prozent erreichte, stieg deren Anteil in der „unteren“ Sprachinsel auf 29 Prozent. Als Gründe lassen sich das Aufkommen der Neu-Raußnitzer Möbelindustrie anführen, vor allem aber die verkehrsgünstige Lage der Dörfer Gundrum und Tschechen an der Kaiserstraße und an der Bahnlinie Brünn - Olmütz. Die untere Sprachinsel war daher gefährdet. Die Beispiele der nahen Dörfer Ringelsdorf (Kroužek) und Neu-Raußnitz (Rousinov), die noch Jahrzehnte zuvor als mehrheitlich deutsch bezeichnet wurden, zeigen wie schnell sich der deutsche in einen tschechischen Dorfcharakter ändern kann.

Slawische Priester und Lehrer waren in den gemischten Gebieten nicht unwesentlich an der Tschechisierung von Deutschen beteiligt. Im Vielvölkerstaat Österreich war ein solches Verhalten keineswegs ungewöhnlich. So haben z. B. deutsche Priester im Südtiroler Vintschgau, der früher auch von Rätoromanen bewohnt war, mit Nachdruck darauf hingewirkt, dass die Schulkinder nur noch deutsch gesprochen haben. Hierzu eine Episode aus meinem Heimatdorf: Die Dörfer Rosternitz und Swonowitz hatten keine Kirche; sie gehörten zur tschechischen Pfarrei Sankt Martin in Lultsch. Die Kirche war zu klein geworden. Es gab aber auch Reibereien mit den Tschechen (Lultscher Burschen sollen deutschen Mädchen die Zöpfe abgeschnitten haben). So hat man von 1856-1857 in Rosternitz eine eigene Kirche gebaut.

Mit der Zunahme der tschechischen Bevölkerung traten, wie Matthäus Wittek und Josef Legner in einem Aufsatz beschrieben haben, ab 1889 auch in der Sprachinsel erste wirkliche Spannungen auf, als der tschechischer Priester Alois Hlavinka zum Pfarrer in Kutscherau ernannt wurde. Als guter Seelsorger versuchte er auch die tschechischen Pfarrkinder zu erreichen und predigte daher neben der deutschen auch in tschechischer Sprache. Das brachte die Idee der bereits erwähnten. Viele Pfarrangehörige waren über die tschechische Predigt verärgert und verlangten die Absetzung des Pfarrers, der jedoch aus seelsorgerischen Gründen standhaft blieb. Mit dem Ruf „Los-von-Rom“ protestierten vor dem Pfarrhaus und zogen weiter zur Bezirkshauptmannschaft in Wischau, wo 150 Personen, insbesondere aus Hobitschau, den Übertritt zu einer anderen Konfession beantragt haben sollen. Dabei soll es tumultartige Szenen gegeben haben, die dann auch von der deutschen und von der tschechischen Presse aufgegriffen wurden.

Nach dem Besuch der Wischauer Sprachinsel verfasste Heinrich Kirchmayr 1880 eine sehr subjektive Artikelserie unter dem Titel „Besuch einer deutschen Sprachinsel Mährens“, in der er den Zustand der Dörfer eher negativ beurteilte. Dass sich die Sprachinsel in den nächsten Jahrzehnten doch noch positiv entwickelt hat, lag daran, dass sie sich u.a. mit Hilfe des Deutschen Schulvereins“ und des „Bundes der Deutschen“ gegen die Tschechisierung gestemmt hat. Die Dorfbüchereien wurden vor allen im Winter stark frequentiert; in Rosternitz wurde 1887 sogar ein Leseverein gegründet. Dass die Bevölkerung Neuerungen gegenüber durchaus aufgeschlossen war, bezeugt z.B. auch die Gründung des Radfahrvereins in Rosternitz im Jahre 1904. Der wirtschaftliche Aufschwung hatte u.a. an folgende Ursachen: Die Gründung von genossenschaftlichen Spar- und Darlehenskassen ab 1892, die Gründung der Zentralmolkerei in Brünn von 1901 und der Anbau von Zuckerrüben. Die Bauern nutzten aber auch die Vorteile neuer Geräte wie den eisernen Pflug, Sä-, Mäh- und Dreschmaschinen oder Kartoffelroder.

Trotz einiger Probleme haben die Deutschen und die Tschechen in der Umgebung von Wischau bis zum Ende des 1. Weltkriegs friedlich nebeneinander gelebt. Der Alltag in den Sprachinseldörfern war durchwegs deutsch geprägt. Es gab bis dahin auch noch keine tschechischen Schulen. Die tschechischen Zuwanderer eigneten sich Deutschkenntnisse soweit an, dass sie den dörflichen Alltag bewältigen konnten. Wenn sie als Dienstboten oder durch Heirat in einen deutschen Haushalt kamen, erwarben sie grundsätzlich den örtlichen Dialekt und verwendeten ihn auch als Alltagssprache. In den tschechischen Orten war es umgekehrt, wenn auch seltener, genau so der Fall. Mein Ur-, Urgroßvater „František Křivý“ war auch ein tschechischer Zuwanderer, hat sich den dörflichen Gepflogenheiten angepasst, schrieb sich dann „Franz Křiwy“ und wurde wie seine zahlreichen Nachkommen umgangssprachlich „Kschewe“ genannt. 01.07.2009

Quellenhinweise:
Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte
Bertelsmann Verlag: Deutsche Geschichte
Georg Grandaur: Des Dekan Cosmas Chronik von Böhmen
Dr. M. Gehre: Die deutsche Sprachinsel von Wischau und Austerlitz
Gustav Walter: Die Deutschen Sprachinseln bei Wischau und Neu-Raußnitz
                         in Mähren und ihre Landschaft
Elisabeth Plank: Bilder aus der Wischauer Sprachinsel
Wischauer Heimatbote

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Die Wiedertäufer in Südmähren (Neufassung vom 01.07.2009)

Im 16. Jahrhundert wurde Südähren zum gelobten Land für verfolgte Wiedertäufer. Die Gründe lagen bei den politischen und kirchlichen Entwicklungen in Deutschland und bei den besonderen strukturellen Bedingungen in Mähren. Die politischen Entwicklungen begannen bereits unter Kaiser Friedrich II, der sich wegen des Aufbaus seines sizilianischen Staates weitgehend den deutschen Fürsten unterwarf, indem er ihnen 1231 Gerichtsbarkeit, Münzrecht, Zollrecht, Marktrecht und Befestigungsrecht überlassen hat. Durch Gegenpäpste und die Gefangenschaft von Päpsten (1309 – 1376) in Avignon wurde zudem die Kurie geschwächt. Später konnte sich daher Kaiser Karl V. in Glaubensfragen nicht mehr durchsetzen, was zur geistigen Spaltung Deutschenlands geführt hat, die noch bis in die heutige Zeit hineinwirkt. In anderen Ländern dagegen konnten sich die Könige durchsetzen: So blieb Frankreich katholisch und England wurde anglikanisch.

Die Bewegung der Geister, die Jan Hus angeregt hatte, kam auch im 15. Jahrhundert nicht zur Ruhe. Neue Anstöße kamen im 16. Jahrhundert durch Luther, Calvin und Zwingli. Die Katholische Kirche war nicht in der Lage, mit Erneuerungen entgegenzuwirken. Dazu kamen langwierige Königswahlen und entsprechend schwache Könige, die immer mehr Rechte an die Stände abgeben mussten. Mähren wurde sogar von Ungarn aus regiert. Die Verlierer waren Krone und Kirche. Gewinner waren die Adeligen und die Grundherren, die spätestens 1470 die Kontrolle der königlichen Macht weitgehend übernommen und auch bis in das frühe 17. Jahrhundert halten konnten. Zeitgenossen zählten circa. 40 religiöse Gruppen. Die Katholiken waren in der Minderheit. Eine nicht unbedeutende Sekte gab es sogar in unmittelbarer Nähe der Sprachinsel. So berichtet Ritter von Gomperz in seinen „Historischen Notizen“ von den „Lulčer und Habrovaner Brüdern“ und deren Gründer Johann Dubčansky, der sich nie festnageln ließ. Als er sich 1535 vor dem König verantworten sollte, haben die mährischen Stände zu ihm gehalten, weil nach der Landesverfassung ein Mährer nur wegen Ehrenbeleidigung nicht aber aus religiösen Gründen vor den König zitiert werden dürfe.

Die Türken eroberten 1453 Konstantinopel, danach den Balkan und rückten bis Ungarn vor, Stoßtrupps sogar bis nach Schlesien. Das Deutsche Reich war in einer prekären Lage, religiös zerstritten und neben den Türken auch von Frankreich bedroht. In dieser Situation hat Ferdinand I. 1526 die Krone Böhmens geerbt. Er versuchte sofort, die Macht in Mähren zurückzugewinnen, scheiterte aber an der bereits verfestigten politischen und religiösen Opposition. Als katholischer Herrscher stand er aber in der Pflicht, die Christenheit gegen die Türken zu verteidigen. Dazu brauchte er aber die Unterstützung der mährischen Stände, die er aber ohne Zugeständnisse nicht bekommen konnte. Ferdinand milderte daher seinen Druck immer dann, wenn er Geld für die Abwehr der Türken brauchte. Selbst nach dem Fall von Münster, auf den ich später noch zurückkomme, haben die Stände die Maßnahmen Ferdinands gegen die Wiedertäufer abgelehnt. Damit bin ich bei den Täufern angelangt, die ab 1526 in Mähren Fuß fassen konnten. Die Täufer flüchteten nach Mähren, von dem damals die Kunde ging, dass dort niemand wegen seiner Religion verfolgt werde.

Die Täuferbewegung wurde 1525 von Konrad Grebel in Zürich gegründet. Die Täufer forderten die Erwachsenentaufe. Da die Bekehrten noch einmal getauft wurden, wurden die Täufer von den Gegnern als Wiedertäufer bezeichnet. Sie haben Messen, Bilderverehrung, Fastengebote und Zölibat abgeschafft. Sie hielten sich als die wahren Reformatoren, weil sie sich allein auf die Bibel berufen haben. Die neuen Gemeinschaften wurden meist von einzelnen Persönlichkeiten geprägt, so von Dr. Balthasar Hubmaier, geboren um 1480 in Friedberg bei Augsburg, war Schüler von Johannes Eck, wurde Pfarrer in der Schweiz, wo er eine eigene Täufergemeinde gründete. Wegen seiner Beteiligung am Bauernaufstand, der sich bis nach Österreich ausgeweitet hatte, sollte er nach Innsbruck ausgeliefert werden. Er flüchtete daher mit seiner Gruppe 1526 nach Nikolsburg unter den Schutz Leonhard von Liechtensteins. Hans Hut aus Thüringen wurde nach seiner Bekehrung schnell zum einflussreichsten Missionar in Süddeutschland. Er beeindruckte die Menschen durch mit genauen Vorstellungen über das jüngste Gericht, weil er das Ende der Welt für Pfingsten 1528 festsetzte. Als die Hinrichtungen zunahmen, zogen auch Hut und seine Gefährten 1527 nach Nikolsburg. Nachdem man in Tirol über tausend Mitglieder der Lehre gefoltert, gehängt, verbrannt oder ersäuft hatte, wurde der Pustertaler Jakob Huter, ein gelernter Hutmacher, 1528 zum Hauptorganisator der Tiroler Täufer.

Die grausamste Episode in der Geschichte der Wiedertäufer hat sich in Münster zugetragen, wo ein radikaler Zweig unter Johann von Leyden von 1534 - 1535 eine „Republik der Heiligen“ errichtet hatte. Die Täufer plünderten die Kirchen, führten die allgemeine Gütergemeinschaft und die Vielweiberei ein. Sie zwangen auch alle dazu, weil dadurch die Rückkehr verbaut wurde. Die Stadt wurde belagert, ausgehungert und nach 16 Monaten erobert. Nur wenige haben überlebt. Da die Forderungen der Täufer nach Reformen noch weiter gingen, entdeckte auch Martin Luther im Täufertum ein kirchenauflösendes Element. Die Täufer wurden nun auch von den evangelischen Landesherren bekämpft. Als Kaiser Karl V. 1529 die Wiedertaufe mit der Todesstrafe belegt hatte, zogen die Täufer reihenweise in den Tod oder entzogen sich durch die Flucht nach Südmähren.

Südmähren wurde für die Täuferbewegung zum gelobten Land, weil sich Adeligen und Grundherren mit der Ansiedlung von Täufern eine Steigerung ihres Wohlstands erhofften. Die neuen Bewohner waren als Handwerker durch Können und Fleiß der bodenständigen Bevölkerung weit überlegen und damit für ihre Grundherren besonders wertvoll. Im Gegenzug erhielten die Verfolgten religiöse Freiheit und Schutz. Soweit die Täufer als Arbeiter für die Grundherren verpflichtet wurden, haben sie trotz guter Arbeit meist nur ein Drittel oder ein Viertel des landesüblichen Lohnes erhalten. So hat sich der Raum Lundenburg – Znaim – Wischau in der Blütezeit zu einem Zentrum der Täufer mit rund 70 Gemeinden entwickelt.

 

 

 

 

Ab 1528 wurde in Austerlitz die ganze Habe geteilt. Damit wurde in Mähren die erste Täufergemeinde geboren, die nachweislich eine Gütergemeinschaft mit gemeinsamer Kasse praktizierte. Es entwickelte sich ein christlicher Kommunismus, der dann von Huter perfektioniert wurde. Es wurde gemeinsam gewirtschaftet, gearbeitet und gegessen. Arbeitslose und Kranke wurden unterstützt. Die Siedlung der Täufer war ein großer Bruderhof mit einer festen Ordnung, dem sogenannten Haushaben. Es lebten dort durchschnittlich 400 - 600 erwachsene Mitglieder. Der Bruderhof bestand aus mehreren Häusern, in denen die Schule, der Speisesaal mit gemeinsamer Küche, eine Krankenstube, aber auch die Schmiede, Weberei oder Schreinerei untergebracht waren. Der Hof hat sich weitgehend selbst versorgt. Jeder konnte den Beruf erlernen, zu dem er fähig und körperlich in der Lage war. Das galt auch für die Frauen, die weitgehend gleichberechtigt waren. Die Handwerker hatten ein hohes Niveau. Für die Arbeit gaben sie sich eine eigene Ordnung mit Qualitätskontrolle, wobei Produktion und Qualität im Mittelpunkt standen – nicht wie bei den Zünften die juristische Rechte. Die Gewerbebetriebe hatten bereits den Charakter von industriellen Großbetrieben mit Arbeitsteilung. Bei vielen Artikeln, wie Messer oder Stoffe, die in der Welt begehrt waren, waren sie konkurrenzlos.

Die privaten Platzverhältnisse waren zumeist äußerst beengt. Für die Ledigen gab es große Schlafstuben. Selbst für die Verheirateten gab es nur winzige Kojen in großen Sälen. Die Säuglinge wurden oft schon nach sechs Wochen von ihren Eltern getrennt und kamen in ein Säuglingszimmer, wo sie von der Mutter dreimal täglich gestillt wurden. Meist erfolgte die Trennung von den Eltern spätestens nach zwei Jahren. Die Kindererziehung erfolgte im Kollektiv. Beim täglichen Religionsunterricht erhielten die Kinder die Bildung für das Leben in der Gemeinschaft. Die Rute wurde zur Hand genommen, um das erforderliche Maß von Disziplin, Demut, Selbstaufgabe und Gehorsam zu erzielen. Daneben lernten die Schüler auch Lesen und Schreiben. Sie wurden auf keine höhere Schule geschickt, weil man befürchtete, dass sie von der Lehre abgelenkt würden. Dennoch war das Bildungsniveau der Täufer höher als das der übrigen Bevölkerung. Auch wenn auf den Bruderhöfen ein gewisser Wohlstand herrschte, war klar, dass ihre Art zu leben, nicht jedermanns Sache sein konnte. Jeder wurde daher vor der Taufe darauf hingewiesen, dass das eingebrachte Eigentum nicht mehr zurückgegeben werde.

Das Experiment, eine Gemeinde aus einer Vielzahl von Flüchtlingen unterschiedlicher Herkunft zu formen, führte bereits 1527 zu ersten Spannungen. Huts Botschaft für das baldige Weltende störte den sozialen Frieden, zumal Hubmaier mehr praxisorientiert war. Beide lebten nicht lange. Sie wurden noch im gleichen Jahr verbrannt – Hut in Augsburg, Hubmeier in Wien. Auch die Nachfolger konnten sich nicht einigen. Die Schwertler durften bleiben, weil sie für die Verteidigung auch mit der Waffe eintraten, die Stäbler mussten 1528 Nikolsburg verlassen und zogen nach Austerlitz. Als Jakob Huter 1529 nach Austerlitz kam, wuchs die Gemeinde rapide, vor allem durch Tiroler Flüchtlinge. Es kam daher zu neuen Spannungen. Eine Gruppe zog 1531 nach Auspitz, das dem Kloster Maria Saal unterstand. Aus dem gleichen Grund kam es nach zwei Jahren schon wieder zur Spaltung.

Jakob Huter wurde nun zum unumstrittenen Führer der Täufer, dass man später oft nur noch von den Hutterern gesprochen wurde. Nach dem Fall von Münster wurde mit neuen Maßnahmen Ferdinands gerechnet. Da fingen schon einige Grundherren an, sich zu bereichern. So auch die Äbtissin des Klosters Maria Saal, die von der Auspitzer Gemeinde ein Darlehen erzwingen wollte. Da ihr das verweigert wurde, mussten die Täufer nach Schakowitz weiterziehen. Huter musste nach Tirol fliehen. Er wurde verraten, festgenommen, gefoltert und 1536 in Innsbruck verbrannt. Das war dann auch die schwerste Zeit für die Hutterer. Sie wurden wie gehetztes Wild getrieben, mal in die Slowakei, mal nach Ungarn und wieder zurück nach Mähren. Aber schon bald wurden neue Bruderhöfe gegründet, so in Butschowitz, Poppitz, Rakowitz und erneut in Schakowitz und Austerlitz.

Die goldene Zeit der Täufer begann 1564, als nach dem Tod Ferdinands I. der halbherzig katholische Kaiser Maximilian II. und der schwache Kaiser Rudolf II. regierten. Sie hielt bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts an. Das hatte dann auch einen starken Zuzug zur Folge. Die Gemeinschaft mit dem Hauptort Neumühl zählte bald an die 30.000 Mitglieder. Auf den Bruderhöfen gab es bereits eine Gesundheitsfürsorge, die als vorbildlich bezeichnet werden könnte. Das begann bereits bei den Kindern mit einer beachtlichen Hygiene. So wurden die Schulmütter angewiesen, sich nach der Reinigung eines kranken Kindermunds die Hände mit Wasser und sauberem Tüchlein zu reinigen. Die Ärzte hatten landesweit einen guten Ruf. So ließ sich auch Kaiser Rudolf II. zweimal von einem hutterischen Arzt behandeln und sogar Kardinal Dietrichstein, der wohl schärfste Gegner der Gemeinschaft, beschäftigte einen Täufer als Hausarzt.

Nach der Gründung des Jesuitenordens im Jahre 1534 hat Rom mit Reformen begonnen. Ihr Einfluss wirkte sich für die Hutterer allmählich negativ aus. Katholische Pfarrer begannen gegen die Hutterer zu hetzen, mit dem Vorwand, die heimischen Handwerker zu schützen. Sie streuten Gerüchte über gehortete Schätze aus, die dann prompt von einigen Grundherren zum Anlass für Pachterhöhungen genommen wurden. Dann ging über Mähren der Stern des Franz von Dietrichstein auf, der 1599 zum Kardinal ernannt, Bischof von Olmütz, Generalkommissar und Statthalter von Mähren wurde. Mit dieser Machtfülle hat er sich an die Spitze der Gegenreformation gestellt. Der Bruderstreit der Habsburger hat dem schwachen Rudolf II. alsbald alle Macht gekostet hat. Die Stände nutzten dies und trotzten dem König den berühmten Majestätsbrief ab, der neben der Duldung der reformierten Lehre vor allem die Unterwerfung des Monarchen unter die Gewalt der Stände bedeutete.

1619 haben die böhmischen und mährischen Stände Ferdinand II. als böhmischen König abgesetzt und Protestanten Friedrich von der Pfalz zum König gewählt. Als das Heer der Stände 1620 am Weißen Berg verloren hatte, wurde Ferdinand II. wieder als König eingesetzt. Der 30-jäjhrige Krieg war voll im Gange und die Gegenreformation setze ein. Kardinal Dietrichstein leistete ab 1621 gründliche Arbeit. Bei Widerstand wurde mit Gewalt nachgeholfen. Mit am härtesten traf es die Wiedertäufer. Mit einem Erlass stellte sie Kardinal Dietrichstein vor die Wahl, Mähren zu verlassen, beim Verbleib das Leben zu verlieren oder in den Schoß der Katholischen Kirche zurückzukehren. Die meisten haben das letztere Angebot angenommen, zumal auch wirtschaftliche Förderungen zugesagt wurden. Etwa 12.000 gingen ins Exil, meist in die Slowakei und nach Siebenbürgen. 1634 hatte Dietrichstein sein Werk vollbracht. Er meldete den Abschluss der Gegenreformation nach Rom, wonach er 150.000 Nichtkatholiken bekehrt habe. Mähren war jetzt zu 100 Prozent katholisch. Die Gemeinden der Täufer waren in Mähren ausgelöscht.

Nach dem Sieg von 1683 über die Türken vor Wien wurde es im Gefolge der Jesuiten für die Täufer in der Slowakei schwierig. Das gleiche galt, als Siebenbürgen 1691 Habsburger Kronprovinz wurde. Alle Bestrebungen für mehr Toleranz waren vergeblich – auch später unter Kaiser Joseph II., der eigentlich als Toleranzkaiser galt. Als der Druck zu groß wurde, sind die meisten Täufer katholisch geworden. Andere zogen über Rumänien in die Ukraine, von wo sie 1874 nach Nordamerika ausgewandert sind. Die Hutterer leben heute auf Bruderhöfen in Nordamerika wie vor 400 Jahren.

Von den Bruderhöfen ist in Südmähren fast nichts geblieben. Soweit Gebäude die Zeit überdauerten, sind sie im letzten Jahrhundert verfallen. Geblieben sind in einigen Orten, wie Landshut, unterirdische Gänge, die den Hutterern als Schutz gedient haben. Außerdem findet man noch Museumstücke mit Habanergeschirr. Das Leben der Täufer war aber das Vorbild für den sogenannten Jesuitenstaat bei den Indios in Südamerika und für den Kommunismus, der sich später in Europa etablieren konnte. Die Wiedertäufer waren auch in mancher Hinsicht Vorbild für die heutigen Staaten, so für die kollektive Kindererziehung im Kommunismus und nun auch in den modernen Industriestaaten, für die Lehrlingsausbildung, für die freie Berufswahl, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für die Abschaffung der Ständeordnung und für die moderne arbeitsteilige Wirtschaft mit Qualitätskontrolle

Auf den ersten Blick fallen einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Leben auf den Bruderhöfen und der Sprachinsel ins Auge: So gab es weder reiche noch arme. Alle hatten Arbeit und Beschäftigung und ein relativ gutes Einkommen. Bei der Kleidung gab es keinen Prunk. Es gab viele gemeinschaftliche Arbeiten. Die Erziehung der Kinder erfolgte zur Gemeinschaft. Der Glaube wurde durch eine feste religiöse Ordnung geprägt. Auch die kleinen Buben trugen Röcke, bis sie sauber waren. Das wenigste, das ich hier angeführt habe, dürfte aber unmittelbar auf die Täufer zurückzuführen sein, zumal es ja in den Dörfern keine direkte Berührung gegeben hatte. Ich glaube aber, dass die Jesuiten bei der Gegenreformation neben dem „rechten Glauben“ auch viel praktische Lebenshilfe vermittelt und damit das Gemeinschaftsleben der Dörfer wesentlich beeinflusst haben, indem sie so manche Elemente des Täufertums integriert haben.

Viele Autoren verweisen auf Familiennamen, die auch in Tirol verbreitet sind. Die Hutterer, die wieder katholisch geworden sind, hat man aber aus Sicherheitsgründen auf das Land verteilt. Damit dürften nur wenige Sprachinselbewohner direkt auf Tiroler Vorfahren zurückgehen. Manche Autoren vermuten, dass die stärkere Reibung bei der Aussprache, die in der Sprachinsel oft auch mit einer stärkeren Behauchung verbunden ist, auf die sprachliche Berührung mit den Tiroler Hutterern zurückzuführen sei. Ich glaube aber, dass es sich bei Wörtern wie „khua“ für kein bzw. Kuh oder „klott“ für glatt um einen älteren mittelbairischen Sprachgebrauch handelt, den bereits frühere Siedler mitgebracht haben.

Meine Vorfahren mütterlicherseits stammen gemäß den Nachforschungen meine Tante Anna Legner - Slatka Antsch - (geb. Springer aus Rosternitz Nr. 11) aus Tirol und waren somit mit großer Wahrscheinlichkeit Wiedertäufer. Die Familie erwarb 1620 in Ringelsdorf (Kroužek) einen Bauernhof mit 70 Metzen, dessen frühere Bewohner an Cholera gestorben waren. Die näheren Umstände des Zuzugs sind nicht bekannt. Hatte die Familie Streitigkeiten mit der Täufer-Gemeinde oder hatte sie in die eigene Tasche gewirtschaftet, vielleicht war es die Gefahr der sich anbahnenden Gegenreformation, die das Ausscheiden aus der Gemeinschaft bewirkt hat? Sicher ist auf jeden Fall, dass die Familie damals nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Grundherrschaft den ausgestorbenen Bauernhof in Ringelsdorf übernehmen konnte.

Wann die Familie Springer dann in die Sprachinsel gekommen ist, kann man heute nicht mehr lückenlos nachvollziehen. Laut meiner Tante hat ein Lorenz Springer aus Ringelsdorf 1770 eine Maria Hartl aus Gundrum Nr. 6 geheiratet und ist dann nach Gundrum Nr. 36 gezogen. Danach hat sein Sohn Paul 1795 die Anna Dochnal von Rosternitz Nr. 11 geheiratet und ist zu ihr gezogen. Die Familie dürfte in Gundrum jedoch bereits früher Fuß gefasst haben. In den „Mähr.-Schl. Heimatheften“ Nr. 3 von 1930 sind die Namen der Grundbesitzer aller Sprachinseldörfer erfasst, und zwar nach dem Lahnenverzeichnis von 1656 – 1669, sowie nach den Katastererfassungen von 1749 und 1775. Danach erscheint der Name „Mertl Springer“ erstmals im Lahnenverzeichnis von Grunrum Nr. 19 mit „Andreas Springer“ als Vorbesitzer. Der Name „Lorenz Springer“ Gundrum Nr.36 wird im Katasterverzeichnis von 1749 aufgeführt und ein „Martin Springer“ erscheint dann 1775.

Da der Name Springer ansonsten in keiner der Auflistungen erscheint, kann man davon ausgehen, dass wohl alle heutigen Springerfamilien der Wischauer Sprachinsel auf die festgestellten Familien von Ringelsdorf und Gundrum zurückgehen.

Quellenhinweise:
Werner Pakull: Die Hutterer in Tirol
Bernd G. Längin: Die Hutterer
Heinz Kelbert: Die fortschrittlich-demokratische Erziehung und Berufsbildung in den Gemein-
                        schaften der Wiedertäufer im Mittelalter
Ritter von Gomperz: Historischen Notizen über Lulč, Habrovan und Hobitschau
Bertelsmann Verlag: Deutsche Geschichte

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Die Bernsteinstraße und die Wischauer Sprachinsel

Schon seit der Vor- und Frühgeschichte hat es historische Handelsstraßen gegeben, die von den Hochkulturen des Mittelmehrraums zu entfernten Ländern geführt haben, um von dort die begehrten Luxusgüter einzuführen. Am bekanntesten ist wohl die Seidenstraße, die das antike Antiochia (Antakya) im östlichen Mittelmeer mit der Provinz Hwangho in Nordostchina verbunden hat. Sie   war der Haupthandelsweg von Europa nach China, der erst nach der Entdeckung des Seewegs durch Magellan im 16. Jahrhundert schnell an Bedeutung verlor. Ein weiterer frühgeschichtlicher Handelsweg führte vom adriatischen Mittelmeer bis zur Ostsee. Er wird Bernsteinstraße genannt, weil auf ihm der Bernstein am schnellsten und günstigsten transportiert werden konnte. Der Stein war schon bei den alten Ägyptern und Phöniziern ein beliebter Schmuck. Bei den Griechen hieß er Elektron. Der Vorteil des Fernwegs lag zum einen daran, dass von Aquilea an der Adria bis nach Carnuntum an der Donau wegen der Umgehung der Ostalpen keine hohen Pässe zu überwinden waren, zum anderen war danach wegen des niedrigen Scheitelpunkts der Mährischen Pforte (315 m) bis zum Samland nur noch ein Höhenunterschied von etwa 150 m zu überwinden. Mähren war daher schon seit jeher ein Durchgangsland. Schließlich war der mährische Teil des Fernwegs die wichtigste nordsüdliche Handelsverbindung im östlichen Mitteleuropa. Sie dürfte schon seit der Bronzezeit als Handelsweg eine gewisse Rolle gespielt haben. Sie hatte auch als Wanderbahn für Völker eine große Bedeutung. So sind bereits um 1000 v.Ch. die Illyrer nach Süden durchgezogen. Um 400 v.Chr. waren es die Kelten, die wie später die bairischen Siedler, ihren Weg von der Donau bis zur Mährischen Pforte genommen haben. Dass die Wischauer Sprachinsel so nah an der historischen Bernsteinstraße liegt, war mir bis vor kurzem nicht bekannt. Den meisten Bewohner der Sprachinsel dürfte es ebenso ergehen.

Um die Zeitenwende hat die Bernsteinstraße einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung genommen, weil das Römische Reich mit seiner Ausdehnung bis zur Donau weitgehend den Schutz des Handelswegs garantieren konnte. Das belegt unter anderem auch die Handelreise des Großkaufmanns Plinius des Älteren (23 – 79 n.Chr.). Die historisch nachgewiesene Route auf römischem Gebiet führte bereits als fest ausgebaute Straße von Aquilea an der nördlichen Adria, am Rande der Ostalpen entlang, bis zum Donauübergang bei Carnuntum. Die ehemals keltische Siedlung Carnuntum war die Hauptstadt der römischen Provinz Pannonien und hatte damals 50.000 Einwohner. Danach durchquerte der Handelsweg auf den von F. Freising als 1 – 3 bezeichneten Trassen das Gebiet Mährens. Da der günstigste Weg unter anderem an den Schwerpunkten der früheren Besiedlungen, an Talrändern oder über flache Höhenrücken mit geringen Höhenunterschieden und meist günstigem Schotteruntergrund verlaufen ist (Flusstäler wurden wegen Nebel und Hochwassergefahr möglichst gemieden), verlief laut F. Freising nach einem Vergleich der Trassen die Hauptroute ab Carnuntum über  Gänserndorf, Nikolsburg (Mikulov), Raigern (Rajhrad), Mödritz (Modřice), Kowalowitz (Kovalovice), Lultsch (Luleč) 300 m, Wischau (Vyškov), Olschan (Olšany), Olmütz (Olomouc), über die Mährische Pforte (Moravská braná) 315 m, Mährisch Ostrau, Tschenstochau und Lodsch bis zum Samland (Ostpreußen). Ab Raigern existierte eine Abkürzung, die über Ottmarau (Otmarov), Pratz (Prace) bis zur Einmündung hinter Kowalowitz führte. Mit einer weiteren Abkürzung ab Prödlitz (Prodek) wurde auch Olmütz umgangen.

Die Reisezeit war von der Jahreszeit abhängig. Der Winter kam daher nicht in Frage, weil eine Überwinterung einen großen Zeitverlust und vor allem auch eine Gewinnminderung bedeutete. Durch den Schnee und die ablaufenden Hochwasser waren die Ferntransporte nur von Mai bis Anfang Oktober möglich. Bei der Durchquerung der Furten durfte das Wasser nicht mehr kalt sein, weil sonst die Gesundheitsschäden für Mensch und Tier zu hoch gewesen wären. Auch die Kriege wurden nur während dieser Zeit geführt, im Winter gab es eine Zwangspause, das galt sogar für den Mittelmeerraum. Für die tägliche Fahrtleistung auf der Bernsteinstraße gibt es keine exakten Angaben. Es existieren aber eine Reihe von Aufzeichnungen aus anderen Gebieten, wonach die Tagesleistungen auf den ausgebauten römischen Straßen mit etwa 25 km, auf den Naturstraßen in anderen Gebieten mit maximal 20 km anzusetzen sind. Die Strecke von Aquilea bis Carnuntum betrug etwa 400 km und von Carnuntum bis zum Samland etwa 900 km. Die reine Gesamtfahrzeit betrug aufgrund der genannten Tagesleistungen 122 Tage. Wenn man dann auch noch Zuschläge für schlechtes Wetter, Wagenreparaturen und Umwege dazurechnet, konnte jährlich nur eine Fahrt durchgeführt werden.

Gegen die Völkerwanderungen war Rom dann allerdings machtlos, so als die Wandalen um 170 n.Chr. und die Langobarden um 350 über die Mährische Pforte nach Süden gezogen sind. Dennoch ist es Rom immer wieder gelungen, die Herrschaft über die nördlichen Provinzen zurückzugewinnen. Mit der Absetzung des letzten Kaisers Romulus Augustulus 476 durch Odoakar endete dann aber nicht nur das weströmische Reich, sondern auch weitgehend der Fernhandel auf der Bernsteinstraße. Nachdem jedoch der Ostgotenkönig Theoderich 493 Odoakar erschlagen hatte, wurde er zum Herrscher über ganz Italien, wozu auch noch die Donauprovinzen gehört haben. Da das Land nunmehr mit Hilfe der römischen Beamtenschaft nicht nur vorbildlich verwaltet, sondern auch für einige Zeit zur inneren Ruhe und wirtschaftlichen Blüte geführt wurde, konnte sich auch der Handel auf der Bernsteinstraße noch einmal erholen. Als jedoch Theoderich 526 starb, endete die Herrschaft der Ostgoten und damit auch der Fernhandel für mehrere Jahrhunderte.

Im Mittelalter hat dann Venedig die Rolle Aquileas übernommen. Der Fernhandelsweg führte ab dem 13. Jahrhundert nunmehr aufgrund verbesserter wegebautechnischer Maßnahmen von Venedig über Villach, Bruck an der Mur und über den Semmering (985 m) zum nunmehrigen Donauübergang Wien, der damit auch Carnutum abgelöst hat, weiter über Poysdorf auf die Trasse 3 der historischen Bernsteinstraße Richtung Nikolsburg und dann auf deren abgekürzte Route 3a über Raigern, Ottmarau, Pratz, Kowalowitz, Lultsch, Wischau, Olmütz zur Mährische Pforte. Damit dürften der historische und der mittelalterliche Fernweg Venedigs in Mähren weitgehend identisch verlaufen sein. Für die Trassen 1 und 2 konnte kein mittelalterlicher Fernweg nachgewiesen werden. Auch dieser Umstand spricht dafür, dass die Trasse 3 als Hauptroute angesehen werden kann. Erst durch den Straßenzwang im 14. Jahrhundert verlagerte sich der Fernhandel auf den zwar weiteren, aber sicheren und nunmehr besser ausgebauten Weg über Brünn. Unter Kaiser Karl VI. (1711 – 1740) wurde die Straße zwischen Brünn und Olmütz als Allee neu angelegt und seither auch Kaiserstraße genannt. Unter Kaiser Franz Josef (1848 – 1916) wurden Brünn und Olmütz auch durch eine Eisenbahnlinie verbunden. Beide Trassen hielten sich in etwa an die Linienführung der Bernsteinstraße. Erst die spätere Autobahn, die gegen Ende des 20. Jahrhunderts gebaut wurde, musste auf das vorhandene Gelände keine Rücksicht mehr zu nehmen.

Zwischen Lultsch und Rosternitz, meinem Geburtsort, treffen innerhalb von nur zwei Kilometern alle Fernwege zusammen, wobei erst die Kaiserstraße und die neuzeitliche Autobahn den nur 300 m hoch gelegenen Wasserscheidepass von Lultsch nicht mehr benutzen. Die Wasserscheide mit dem Windberg (394 m) als höchste Erhebung trennte auch
die „Obere“ von der „Unteren“ Sprachinsel. Die Bäche fließen entweder nach NO zur Hanna und March oder nach SW zur Zwitta - Schwarza – Thaja  und March. Die beiden Gebiete waren daher früher, von Fußwegen abgesehen, nur über Lultsch und später über die Kaiserstraße zu erreichen.

Die Wischauer Sprachinsel lag etwas abseits von der historischen Bernsteinstraße, aber auch vom mittelalterlichen Fernhandelsweg Venedigs. Deren Nutzen lag vor allem beim Fernhandel, von dem die abseits gelegenen Dörfer der Sprachinsel aber nicht profitiert haben. Schließlich lagen die nächstgelegenen Dörfer Gundrum, Tschechen und Rosternitz bereits drei bis vier Kilometer entfernt. Erst nach dem Bau der Kaiserstraße, die jetzt näher an die Sprachinsel heranrückte, konnten auch die Tschechener und Gundrumer Bauern mit Vorspannleistungen aus dem Fernhandel einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen. So berichtet Heinrich Kirchmayr in seiner Artikelserie „Besuch einer deutschen Sprachinsel“, dass diese Vorspannleistungen nicht nur bis zur Mährischen Pforte, sondern sogar bis zur Oder und Weichsel geführt haben. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie fiel dieser Verdienst dann aber wieder weg, zumal keines der Dörfer einen eigenen Bahnhof erhalten hatte.

Wie kaum anderswo waren es aber die unzähligen kriegerischen Auseinandersetzungen, wofür der Fernweg in NS-Richtung bestens geeignet war, von denen die Dörfer jahrhundertlang bedroht waren. All das hatten die ersten bairischen Siedler wohl nicht erwartet, die im 11. und 12. Jahrhundert über die Donau und auf der Bernsteinstraße in der Gegend von Wischau angekommen sind und sich zwischen der slawischen Bevölkerung niedergelassen haben. Das galt auch für die späteren Kolonisten, die zur Wiederbesiedlung von Mähren ins Land geholt wurden. Neben den Baiern waren es vor allem Schlesier, die über die Mährische Pforte eingetroffen sind. Man lockte die Siedler mit besonderen Anreizen, wie persönliche Freiheit und jahrelanger Befreiung von den damals üblichen Lasten.

Bei den Kriegen früherer Zeiten spielten Hunger und Krankheiten die größte Rolle, weil bei den Feldzügen kaum Proviant mitgeführt wurde. So waren vor allem berittene Jäger mit dem Verpflegungsnachschub beschäftigt. Sie drangen in die Dörfer ein und beraubten die Bauern unter Androhung von Gewalt, um Getreide, Futter und Vieh; wer sich weigerte, wurde gnadenlos umgebracht. Nach dem Abzug der Soldaten verblieben meist nur noch Verwüstung und Hunger. Die Bauern flüchteten daher bei Herannahen von Gefahren – wenn denn genug Zeit verblieb – mit ihren Familien, samt Vieh und Hausrat in die nahen Wälder hinter Lultsch. Wenn der Feind gar noch die Wälder durchstreifte, verblieben als letzte Zuflucht nur noch der Weg bis in die Höhlen der Macocha. Das könnte wohl auch einer der Gründe für die besondere Beliebtheit der Wallfahrt nach Kiritein (Křtiny) gewesen sein.

Es gab aber auch einen schrecklichen Feind, der auf der Bernsteinstraße aus dem Süden eingedrungen ist. Es war die Schwarze Pest, die sich 1348 vom Orient kommend mit unheimlicher Geschwindigkeit ausgebreitet hat. Die Pest wütete mehrere Jahre. 1350 kam es noch zu einem Kälteeinbruch, dem einige Missernten folgten. Dadurch sind so viele Menschen gestorben, dass man sie in Massengräbern beerdigen musste. Die Bevölkerung wurde vielerorts so stark dezimiert, dass viele Ortschaften beinahe ausgestorben sind. In den folgenden Jahrhunderten sind dann immer wieder Pest und Cholera ausgebrochen, wobei die Bevölkerung stets aufs neue dezimiert wurde, so 1582, 1645, 1680, 1831 und letztmals 1866 nach der Schlacht bei Königgrätz (Hradec Králové).

Aber meist waren es Kriege, zum Teil sogar von weltpolitischer Bedeutung, von denen die Wischauer Dörfer immer wieder heimgesucht wurden. So fegten bereits die Mongolen unter Dschingis Khan wie ein Orkan aus Blut, Feuer und Grausamkeit von Ostasien bis nach Europa und besiegten unter Großkahn Batu am 8.4.1241 bei Liegnitz (Schlesien) ein Heer aus Polen, Schlesien und Mähren. Danach sind die Mongolen wochenlang durch Mähren  gezogen und haben eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Unter Bischof Bruno von Olmütz (1245 – 1281) besiedelten vor allem bairische Kolonisten auch viele von Mongolen verwüstete ehemals mehrheitlich slawische Dörfer. Dass die Mongolen auch die Dörfer um Wischau heimgesucht haben, beweist ein Grab eines mongolischen Fürsten, das auf dem nahen Berg „Žuráň“ samt Leiche, Rüstung und Streitross gefunden wurde. Kaum hatte sich die Bevölkerung wieder erholt, geriet sie im Machtkampf um die deutsche Königskrone zwischen Ottokar II. und Rudolf von Habsburg wieder in große Nöte, als 1278 die Hilfstruppen aus Polen dem böhmischen König für den Kampf auf dem Marchfeld zu Hilfe geeilt sind.

In den Jahren von 1419 – 1436 wurden die deutschen Dörfer um Wischau von Hussiten mehrmals heimgesucht. Da zum Teil ganze Dörfer ausradiert wurden, sind bereits die ersten Sprachbrücken zusammengebrochen. 1457 wurde Matthias ungarischer König. Er kämpfte sogleich gegen den Hussitenkönig Georg um die böhmische Königskrone. Dabei wurde 1464 die Stadt Wischau erstürmt und 1468 die nahe Burg Ratschitz belagert, waren wohl auch die Dörfer um Wischau betroffen, wie auch 1469, als Wischau von Heinrich, dem Sohn Georgs, geplündert und eingeäschert wurde. Seit 1529 (Belagerung von Wien) sind türkische Stosstrupps immer wieder bis nach Schlesien vorgedrungen, Die Bedrohungen der Dörfer waren erst nach 1683 zu Ende, als mit Hilfe des polnischen Königs Sabieski das von Staremberg verteidigte Wien von den Türken befreit wurde. Man kann aber davon ausgehen, dass die Bauern von dem zweimal durchziehenden polnischen Heer beraubt worden sind. Ähnliches dürfte auch 1709 bei der abenteuerlichen Flucht des schwedischen Königs Karl XII. in die Türkei und auch 1714 bei seiner Rückkehr nach Schweden passiert sein.

Obwohl die Dörfer um Wischau von der Reformation nicht betroffen waren, wurden sie im Dreißigjährigen Krieg mehrmals heimgesucht. Nach der Überlieferung sollen die Schweden in Rosternitz und Swonowitz 1645 derart gehaust haben, dass die Dörfer beinahe verödet waren. Kaum war Friedrich II. 1740 König von Preußen, begann er sofort seinen Machtbereich zu vergrößern. Immer wieder streiften preußische Korps über die Grenzen und benutzten die neue gebaute Kaiserstraße als Schnellstraße und erhoben Kontributionen. 1742 wurde Wischau geplündert. 1758 wurde das befestigte Olmütz berannt und Wischau erneut geplündert. Dann sammelten sich wieder kaiserliche Heere, die über die Mährische Pforte in Schlesien eindrangen; aber auch da hatten die Bauern wieder die größte Last zu tragen. Kaiserein Maria Theresia musste auf den größten Teil Schlesiens verzichten. In der nunmehrigen Überzahl der Tschechen lag bereits der Keim kommender Verhängnisse.

In der Pfarrchronik von Kutscherau ist dokumentiert, wie die Bauern in der Woche vor dem 2.12.1805 das Plündern und Wüten von Soldaten erdulden mussten. Demnach haben zuerst französischen Soldaten vor allem Hafer und Heu, weggeschleppt und zudem auch noch eine Kriegssteuer erhoben. Dann kamen die Russen und nahmen mit, was sie noch aufspüren konnten. Beim Ringen um die Vormachtstellung in Deutschland haben die Preußen am 3.7.1866 bei Königgrätz gewonnen und die Österreicher bis in das Marchtal verfolgt. Preußische Soldaten haben die Sprachinseldörfer besetzt und als traurige Begleiterscheinung die Cholera hinterlassen. Österreich musste aus dem „Deutschen Bund“ ausscheiden. Der nunmehr einsetzende wirtschaftliche und soziale Aufstieg der Tschechen wurde von den Deutschen nicht ernst genommen. Sie huldigten dem Liberalismus, verzettelten sich im Kampf gegen den Klerikalismus und verkannten völlig die Bedeutung des Nationalitätenproblems. Sie fühlten sich weiterhin als staatstragendes Volk und pochten auf ihre alten Rechte. Damit wurde wertvolle Zeit vertan, Entscheidendes versäumt und auf lange Sicht auch durchsetzbare rechtliche Sicherheiten verpasst. Der Mährische Ausgleich von 1905 kam dann auch viel zu spät.

Das Ende der Wischauer Sprachinsel begann sich bereits nach dem 1. Weltkrieg abzuzeichnen, als auch das deutsche Sprachgebiet mit einer Reihe von Tschechisierungsmaßnahmen entnationalisiert werden sollte. Als die deutschen Reichstruppen am 18.3.1939 in die Dörfer eingerückt sind, wurden sie daher von der deutschen Bevölkerung jubelnd als Befreier begrüßt. Die Identität der bäuerlichen Bevölkerung wurde auch während der NS-Zeit von 1939 - 1945 bedroht, als schon viele in der Stadt und auf dem Fliegerhorst gearbeitet, sich bereits modisch gekleidet und damit die Tracht abgelegt haben. Der Krieg dauerte für die Dörfer bis zum bitteren Ende. Die Ostfront erreichte die Gegend um Wischau erst in den allerletzten Kriegstagen. Für die Bewohner begann damit wohl die schlimmste Zeit ihres Lebens. Es kam zu Plünderungen, Verwüstungen, Übergriffen und Vergewaltigungen.

Deutsche und Tschechen haben in der Umgebung von Wischau Jahrhunderte lang friedlich nebeneinander gelebt. Um so unverständlicher und schrecklicher war es dann für die Bewohner der Sprachinsel, als sie bereits ab Mitte Juni 1945 von Haus und Hof vertrieben, enteignet und zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Die endgültige Vertreibung erfolgte 1946. Dann wurden sie unter Mitnahme von ein paar Habseligkeiten zu einem Lager in Wischau gebracht. Von dort ging es per Lastwagen wiederum zu einem Lager in Brünn, sinnigerweise auf der Strecke der Bernsteinstrasse, auf der dereinst die meisten Vorfahren in das Land gekommen sind. Danach wurden die Menschen zum Güterbahnhof gebracht und in Viehwaggons verladen. Die Züge fuhren über Prag nach Süddeutschland. Mit der Vertreibung der Deutschen ist eine Jahrhunderte lange Tradition einer reichen bäuerlichen Kultur zu Ende gegangen. Die Wischauer Sprachinsel wurde damit für immer ausgelöscht.

Quellenhinweise:
Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte, Verlag des Franklin Vereins, Budapest 1917: Ungarn, Heinrich Kirchmayr. Besuch einer deutschen Sprachinsel, F. Freising: Die Bernsteinstraße aus der Sicht der Straßentrassierung, Gustav Walter: Die deutschen Sprachinseln bei Wischau u. Neu-Raußitz in Mähren u. ihre Landschaft, Pfarrer Anton Meixner: Pfarrchronik von Kutscherau, Pfarrer Johann Michal: Geschichte des Kutscherauer Pfarrbezirks, Chronik der Stadt Wischau, Wischauer Heimatbote

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Vorgeschichte der Tschechisierungsmaßnahmen von ihren Anfängen bis 1918

Wenn man von den Tschechisierungsmaßnahmen in der Tschechoslowakei spricht, meint man im Allgemeinen die Maßnahmen, die nach dem Ende des ersten Weltkriegs unter der von den Tschechen beherrschten Staatsgewalt vor allem gegen die deutsche, aber auch gegen die ungarische Volksgruppe geführt wurden. Dabei wird leicht vergessen, dass die erste große Tschechisierung bereits 600 Jahre zurückliegt, und dass die ersten Auseinandersetzungen zwischen den beiden Volksgruppen bereits vor etwa 900 Jahren ihren Anfang genommen haben.

Die erste Einwanderung der bairischen Siedler ab ca. 1000 über die Kämme des Oberpfälzer- und Böhmerwalds waren noch problemlos, weil sie in Gebiete erfolgte, in der noch keine Tschechen gelebt haben. Als jedoch die Kolonisten über die Osthänge der Mittelgebirge hinaus zu siedeln begannen, regte sich bereits der erste Widerstand. So berichtet Cosmas († 1125) in der ersten Chronik Böhmens, dass Deutsche 1121 beim Dorf Bela (Biela, Weissensulz, Kreis Pilsen) die Burg Pfraumberg errichtet haben. Als Herzog Wladislaw davon erfuhr, besetzte er sofort die Burg und nahm die Deutschen gefangen. Die spätere "große" Kolonisation unter Ottokar II. (1253 – 1278) wurde dann bereits von Bischöfen beargwöhnt. So beklagte der Bischof Jakob von Gnesen 1285 mit einem Schreiben an den Papst das Vordringen der Deutschen. Unter Heinrich von Kärnten, der 1307 zum König ausgerufen wurde, rissen alsbald anarchische Zustände ein. Zum ersten nationalen Kampf um Böhmen kam es, als das deutsche Bürgertum ein Mitspracherecht im Landtag forderte, das jedoch vom zumeist tschechischen Adel verweigert wurde.

Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts zogen vermehrt Tschechen in die Städte wie Brünn oder Prag, in denen dann wegen deren zumeist minderen Beschäftigung erste soziale und nationale Gegensätze aufgetreten sind; zudem hatten die rechtlichen Vorteile seit der Kolonisation den Deutschen zumeist einen höheren Wohlstand beschert. Das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Tschechen und Deutschen kam dann dem tschechischen Reformator Jan Hus sehr entgegen. Seine Verbrennung am 6.7.1415 in Konstanz löste in Böhmen und Mähren eine mächtige nationale Bewegung aus, die ihren Höhepunkt in einem Vernichtungsfeldzug gegen alles Deutsche erreichte. Gräuel geschahen auf beiden Seiten. Da die Hussiten jedoch den ländlichen Raum beherrschten, hatten sie weit mehr Gelegenheit, ihren Fanatismus auszutoben. Innerböhmen war so schlimm betroffen, dass dort mit Ausnahme von Prag und Budweis fast nur noch Tschechen gelebt haben.

Die Dörfer um Wischau wurden in den Jahren 1422 - 1433 heimgesucht, weil sie deutsch waren, zu Klöstern gehörten und katholisch geblieben sind. In Innermähren verblieben aber einige größere, zum Teil auch noch zusammenhängende deutsche Sprachgebiete. Da jedoch auch hier ganze Dörfer ausradiert wurden, sind bereits damals die ersten Sprachbrücken zusammengebrochen. Gestärkt durch die hussitische Revolution hatte die tschechische Sprache in den zweisprachigen Orten oft den Vorrang. Als Beispiel für eine Sprachverschiebung verweise ich auf das Gebiet nördlich von Wischau: 1904 hat K. Lechner Proben aus dem Waisenregister oder Währungsbuch von Deutsch Pruss (Nemecke Prusy jetzt Pustimerske Prusy) für den Zeitraum 1535 - 1596 veröffentlicht. Daraus ist ersichtlich, dass die Orte Deutsch Pruss und Pustomiersch (Pustimer) zum Teil noch von deutscher Bevölkerung bewohnt waren. Bei der sprachlichen Auswertung konnte Ernst Schwarz nachweisen, dass sich aber die tschechische Sprache bis 1570 vor allem durch Mischehen durchsetzen konnte.

Danach gab es zwischen Deutschen und Tschechen Jahrhunderte lang keine größeren Probleme. Kaum jedoch war Friedrich II. 1740 in Preußen an die Macht gekommen, vergrößerte er sofort seinen Machtbereich durch die Annexion von drei schlesischen Herzogtümern. Durch die Abtrennung dieser Landesteile entstand in den Ländern der böhmischen Krone erstmals eine tschechische Mehrheit. In der nunmehrigen Überzahl der Tschechen lag bereits der Keim kommender Verhängnisse. Als dann in der Reformära Maria Theresias und Josefs II. (1748 – 1790) auch noch versucht wurde, dem Gesamtstaat eine einheitliche Verwaltung mit deutscher Amtssprache zu geben, wuchs der Widerstand der Tschechen und stärkte deren Nationalbewusstsein, das dann nach der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) noch gesteigert wurde, weil durch den Sieg des russischen Kaiserreichs nunmehr ein großes Brudervolk in die Geschicke Mitteleuropas erfolgreich eingegriffen hatte.

Zu einem weiteren Riss zwischen Deutschen und Tschechen kam es, als deutsche Abgeordnete 1848 an der Nationalversammlung in Frankfurt teilgenommen und die Tschechen im Gegenzug einen Slawenkongress nach Prag einberufen haben. Es folgten Demonstrationen und Unruhen, die vom Militär niedergeschlagen wurden. Eine Welle des tschechischen Nationalismus bedrängte nunmehr die Belange der deutschen Bevölkerung. Zum ersten Mal verhandelten frei gewählte Vertreter der Völker im Reichstag von Kremsier über ein künftiges Zusammenleben. Dabei waren sich der deutsche Sprecher Ludwig von Löhner und der tschechische Historiker František Palacký einig, dass die Kronländer aufgehoben und durch Sprachgebiete ersetzt werden sollten. In den Entwurf des Reichstags wurde aber nur eine teilweise Selbstverwaltung für die Kreise aufgenommen. Selbst dieser Entwurf wurde von Kaiser Franz Josef 1848 abgelehnt und damit der nationale Ausgleich verpasst.

Es war ein Verhängnis für ganz Deutschland, dass die Wiener Oktoberrevolution von 1848 genau an den Tagen ausbrach, als in Frankfurt über entscheidende Artikel der Reichsverfassung beraten wurde. Da man mit dem Zerfall Österreichs rechnete, beschloss man, dass dem Bunde kein Land mit nichtdeutscher Bevölkerung angehören dürfe. Als Otto von Bismarck 1862 preußischer Ministerpräsident wurde, rückte der Krieg um die Vormacht in Deutschland näher. Österreich wurde 1866 bei Königgrätz, (Hradec Králové) vernichtend geschlagen und musste aus dem "Deutschen Bund" ausscheiden. Die Deutschen hatten im Vielvölkerstaat Habsburg regiert, weil Habsburg in Deutschland regiert hatte. Den Deutschen wurde ihr Vorrang daher, solange nicht ernstlich streitig gemacht, als sie Teil eines großen Volkes und eines großen Reiches waren. Mit der Durchsetzung der "kleindeutschen" Lösung sind die Deutschen in Böhmen und Mähren nunmehr aber endgültig zur überstimmbaren Minderheit geworden.

Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich mit der raschen Industrialisierung die Zahl der Arbeiter sprunghaft erhöht. Die tschechischen Arbeiter waren genügsamer und arbeiteten auch für geringere Löhne. Ihr Fleiß, ihre Zähigkeit und ihr mit Geduld und Selbstbescheidung gepaarter Ehrgeiz halfen ihnen, auf kleinbürgerlicher Grundlage ein Unternehmertum aufzubauen, das immer mehr an Boden gewann. 1863 wurde der "Sokol" (Falke) gegründet, eine dem deutschen Turnerbund nachgebildete Organisation, die aber mehr auf militärische Erziehung und Disziplin bedacht war. Die Zuwanderung tschechischer Arbeiter in die großen Städte und in ursprünglich rein deutsche Gebiete wurde nicht nur von ihren Schutzverbänden und tschechischen Arbeitgebern gefördert, sondern auch von deutschen Arbeitgebern, die zur Gewinnmaximierung oftmals den billiger arbeitenden Tschechen den Vorrang gegeben haben. Mit der wachsenden Wirtschaftskraft hatte sich der tschechische Radikalismus eine gute Presse geschaffen und damit auch politisch an Boden gewonnen. Nachdem die Partei der "Jungtschechen" unter Edvard Grégr 1887 die Landtagswahlen gewonnen hatte, mischten sich in deren Schimpfkanonaden alsbald die ersten Gedanken, wonach die Deutschen tschechisiert werden sollten - Gedanken, die dann nach dem ersten Weltkrieg einen furchtbaren Widerhall finden sollten, als der tschechische Sozialdemokrat Bechynje einmal sehr offen die Absicht der tschechischen Politik dargelegt hat, wonach in 20 bis 25 Jahren das geschlossene deutsche Sprachgebiet soweit mit Tschechen durchsetzt werde, dass die Deutschen keine Gefahr mehr für die Republik bedeuten würden.

Dazu kam auch noch, dass sich die Tschechen bereits seit der Opposition gegen Metternich mit Feudaladel und mit der Katholischen Kirche verbündet hatten. Die Deutschen huldigten dafür immer noch dem Liberalismus und verzettelten sich im Kampf gegen Klerikalismus und Katholischer Kirche und verkannten völlig die Bedeutung des Nationalitätenproblems. Die slawische Priesterschaft war vor allem in den gemischten Gebieten nicht unwesentlich an der Tschechisierung von Deutschen beteiligt. Im Vielvölkerstaat Österreich war ein derartiges Verhalten keineswegs ungewöhnlich. So haben zum Beispiel deutsche Priester im Südtiroler Vintschgau, das früher zum Teil auch noch von Rätoromanen bewohnt war, mit Nachdruck darauf hingewirkt, dass die Schulkinder nur noch deutsch gelernt und gesprochen haben.

Der wirtschaftliche und soziale Aufstieg der Tschechen stärkte nicht nur deren Selbstbewusstsein, sondern auch deren Nationalgefühl. Sie hielten sich alsbald auch für die ursprüngliche Bevölkerung des Landes. Sie begründeten ihren Vorrang gegenüber den Deutschen damit, dass den Tschechen mit ihrer Einwanderung im 6. und 7. Jahrhundert das ältere Heimatrecht gegenüber den später zugewanderten deutschen Kolonisten zustehe. Die Deutschen fühlten sich dagegen immer noch als Staatstragendes Volk und pochten viel zulange auf ihre bisherigen Rechte in Politik und Wirtschaft. Erst als ihnen die Gefahren über den Kopf wuchsen, haben die Deutschen dann viel zu spät versucht, ihre Interessen als Minderheit zu festigen und eigene Schutzbünde auszubauen, so mit dem 1894 gegründeten "Bund der Deutschen" oder dem "Deutschen Schulverein".

1867 trat eine neue Verfassung in Kraft, mit der die Gleichberechtigung der Bürger und Nationen festgelegt wurde. Da aber ein Nationalitäten- und Sprachengesetz fehlte, versuchten sich beide Bevölkerungsgruppen gegenseitig zu majorisieren, die Tschechen aufgrund ihrer Überzahl, die Deutschen aufgrund ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Überlegenheit. In den nächsten Jahren wurde daher wertvolle Zeit vertan und Entscheidendes versäumt. So haben die Deutschen die Sprachenverordnung von 1880 und auch den Ausgleichsversuch von 1887 abgelehnt; beides hätte zwar für die Deutschen einen gewissen Machtverlust, auf lange Sicht aber rechtliche Sicherheit bedeutet. Nachdem die Handelskammern von Prag, Pilsen, Budweis und auch der Böhmische Landtag tschechische Mehrheiten erhielten, wurden den Tschechen nach und nach Zugeständnisse gemacht. 1890 waren es dann die Tschechen, die den Ausgleich verhindert haben. Danach kam es vor allem in den gemischten Gebieten zu blutigen Zusammenstößen, die dann von der Sprachenverordnung von 1897, wonach jeder Beamte die Kenntnis beider Landessprachen nachweisen sollte, nochmals angeheizt wurden. 1905 kam es dann in Mähren endlich zu einem Ausgleich, der den Nationen Mährens die völlige Gleichberechtigung gebracht hat. Das Ausgleichsgesetz könnte man daher als Musterlösung bezeichnen - es kam allerdings um Jahrzehnte zu spät.

Von allen deutschen Sprachinseln Mährens ist die Wischauer am meisten geschrumpft. Von den einst 60 Dörfern sind letztlich nur noch acht kleine Ortschaften mit rund 3500 Einwohner verblieben. Ein Grund war wohl auch, dass es keine einheitliche Verwaltung gegeben hat. Die Dörfer gehörten zu drei Gerichtsbezirken: Tschechen zu Austerlitz, Kutscherau und Lissowitz zu Butschowitz sowie Gundrum, Hobitschau, Tereschau, Rosternitz und Swonowitz zu Wischau. Zudem wurden die Dörfer 1866 nach der Schlacht von Königgrätz von preußischen Soldaten besetzt, die ihnen als traurige Begleiterscheinung die Cholera hinterlassen haben, die unter der Bevölkerung zahlreiche Opfer forderte. Kaiser Franz Joseph veranlasste, dass Menschen aus dem Reichsgebiet zum Teil bis aus Tirol in den Dörfern um Wischau angesiedelt wurden. Darüber hinaus zogen aber auch verstärkt tschechische Arbeiter und Handwerker in die Sprachinseldörfer. Wegen der wachsenden Zahl von tschechischen Bewohnern wurden nunmehr auch tschechische Gottesdienste abgehalten, so in Kutscherau an jedem dritten und in Gundrum an jedem vierten Sonntag.

Beim Thema "Geschlossene Gesellschaft" habe ich beschrieben, wie sich die Bewohner der Sprachinsel gegen die schleichende Tschechisierung gestemmt und sich im Laufe der Zeit zur Wahrung ihrer Identität gegenüber der tschechischen Bevölkerung abgeschirmt haben. In einer Art "Arche-Noah-Situation" blieben die Menschen in einem Geflecht unmittelbarer Beziehungen innerhalb der Dorfgemeinschaft mit seiner traditionellen, bodenständigen, vorindustriellen und noch feudal angehauchten auf die Gemeinschaft ausgerichtete dörfliche Lebensweise eingebunden und haben ein besonderes Gemeinschaftsgefühl entwickelt, das von einem "Wir-Bewusstsein" getragen fast alle Lebensbereiche umfasst hat. Ein Zeichen, fast ein Symbol hierfür war das "Tatzl" (Halskrause) der noch täglich getragenen weiblichen Tracht, das erst seit etwa 1820 von einigen deutschen und tschechischen Volkstrachten übernommen wurde, damals aber noch liegend getragen. Das "stehende" Tatzl wurde in der Sprachinsel nach etwa 50 Jahren wohl als Abgrenzung gegenüber der damals auch noch von Tschechinnen getragen Halskrause eingeführt. Aufgrund dieser weitgehend noch intakten geschlossenen Gesellschaft erreichte der Anteil der tschechischen Bewohner in der "oberen Sprachinsel" bis 1880 nur 12 Prozent. In der "unteren Sprachinsel" mit den Dörfern Gundrum und Tschechen betrug deren Anteil wegen ihrer verkehrsgünstigen Lager an der Kaiserstraße und an der Bahnlinie Brünn-Olmütz jedoch bereits 29 Prozent. In den beiden Dörfern haben die Frauen ihre Tracht nur noch an hohen Feiertagen getragen; die Männer hatten die Tracht schon ganz abgelegt.

Quellenhinweise: Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte   -   Das Große Bertelsmann Lexikon 2001    -   Wolfgang Wann: Der Rattenfänger von Hameln   -    Georg Grandaur: Des Dekan Cosmas Chronik von Böhmen   -    Dr. M. Gehre: Die deutsche Sprachinsel von Wischau und Austerlitz    -   Wischauer Heimatbote

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Gedanken zur Heimat (Neufassung vom 25.5.2007)

Früher dachte ich immer nur, dass die Zeit vergeht. Mit der Zeit erkannte ich aber, dass auch ein Ort vergeht. Das wurde mir im Jahre 2001 bei meinem ersten Besuch meines Geburtsortes Rosternitz in der früheren Wischauer Sprachinsel ganz deutlich vor Augen geführt. Die Zeit und der Ort vergehen. Der Ort ist nur eine andere Seite der Zeit. Als ich zum ersten Mal nach der Vertreibung meinen Geburtsort wieder gesehen habe, in dem ich auch die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht hatte, fand ich nicht mehr den Ort von damals vor. Das Dorf mit dem nunmehr tschechischen Namen „Rostěnice“ ist nicht mehr meine Heimat.

Heimat ist ein sehr weiter Begriff, der von jedem Menschen ganz unterschiedlich ausgelegt wird; für mich gehören dazu Kinder, Freunde, Verwandte, Nachbarn und Bekannte, aber auch Kirche, Gesangsverein, Stammtisch und vieles andere mehr. Da ich fast mein ganzes Leben in Bayern und in München verbracht habe, sind das Land Bayern und die Landeshauptstadt München meine neue Heimat geworden. Zuerst suchte ich nach einer Ersatzheimat, einem Ort der Geborgenheit, des Einklangs mit dem Himmel und der Erde, bis ich 1975 mit meiner Familie in das Olympiadorf gezogen bin, das alsbald zu meiner Heimat geworden ist. Die alte Heimat war lange Zeit weit entfernt, fast  wie in einem anderen Erdteil. Sie hat mich einfach nicht besonders interessiert. Es lag wohl auch daran, dass ich zu sehr mit der Schule, mit der Ausbildung, mit dem beruflichen Fortkommen und mit der Familie beschäftigt war.

Das Olympiadorf ist für Menschen aus allen Teilen Deutschlands, aber auch vielen Ländern Europas zu einem neuen Zuhause geworden. Es ist aber auch die Heimat von mehr oder weniger „entwurzelten“ Menschen, die ihr früheres Zuhause aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen verloren haben. Vor allem wegen der Insellage des Olympiadorfes ist bereits nach wenigen Jahren ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl gewachsen - begünstigt durch die Selbstverwaltungsstruktur von 17 Eigentümergemeinschaften, aus denen sich sehr schnell ein breit gefächertes Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl entwickelt hat. Aufgrund einer ganz eigenen, heute bereits historisch gewachsenen, schon fast symbolträchtigen Identität, hat sich im Laufe der Jahrzehnte viel Neues gebildet. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich in den ersten Jahren bei der Integration von etwa 10.000 Menschen auf relativ kleinem Raum ergeben hatten, ist das „Dorf“ zu einem Schmelztiegel verschiedener Betätigungen geworden, angefangen von den Kirchen, Vereinen bis hin zu diversen Kulturgruppen, die sich zu einem Mikrokosmos einer Bürgergesellschaft verschmolzen haben, der den Bewohnern Verwurzelung, Geborgenheit und Identität verleit.

Ich hatte daher auch nie das Bedürfnis, wo anders zu leben. Die Gedanken an die alte Heimat sind letztlich nur noch die Erinnerungen eines alternden Mannes an seine Kindheit. So sind die Gefühle der Menschen an ihre alte Heimat schon allein wegen ihres Alters verschieden. Als unsere Familie vertrieben wurde, war ich noch nicht einmal sechs Jahre alt. Meine Erinnerungen bestehen daher nur aus vielen kleinen Ausschnitten, vergleichbar mit Teilen eines Puzzles, das ich nicht mehr zusammenfügen kann, weil ich keine durchgehenden Erinnerungen habe. Dazu kommt noch, dass ich manchmal nicht mehr sicher bin, ob ich ein bestimmtes Ereignis tatsächlich selbst erlebt habe oder ob eine Erinnerung vielleicht nur auf Erzählungen beruht. Bei älteren Menschen ist das natürlich anders. Sie haben ein festes Heimatbild, können sich an vieles erinnern, sei es an die Schulzeit, an Erlebnisse und sonstigen Begebenheiten in der Familie, in der Nachbarschaft, im Dorf oder auch an politische Ereignisse. Derartiges kenne ich meist nur aus Erzählungen, Büchern oder aus Berichten im Wischauer Heimatboten. Die älteren Menschen neigen in ihren Erinnerungen oft dazu, ihren heimatlichen Ort und das frühere Zusammenleben der vertrauten Menschen zu verklären. Die meisten mussten sich aber irgendwann eingestehen, dass ihnen ihr früheres Zuhause zur Fremde geworden ist; bei ihren Besuchen fühlen sie sich zunehmend wie Touristen.

Aber irgendwann, meist um die Lebensmitte verstärkt sich bei den meisten Menschen das Interesse an ihren Wurzeln. Bei mir war es ein Schlüsselerlebnis, als ich vor Jahren zufällig im „Münchner Merkur“ einen Artikel über die „Zimbern“ gelesen habe. Darin wurde über die südbairischen Sprachinseln in Oberitalien berichtet, wo zum Teil noch heute ein altertümliches Bairisch gesprochen wird. Ich sah gewisse Parallelen zum Dialekt der Wischauer Sprachinsel, zumal beide Zuwanderungen aus den altbairischen Stammgebieten erfolgt sind. Der Artikel hatte mich so angeregt, dass ich mich wieder mit der alten Heimat beschäftigt habe. Die viele ältere Olympiadorfbewohner erinnern sich, wie mir schon oftmals bestätigt wurde, ebenfalls öfter an die Wurzeln ihrer Kindheit und fühlen sich in ihren Gedanken und Empfindungen verstärkt mit ihrer alten Heimat verbunden.

Die Menschen, die ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verlassen mussten, haben sich aber von ihrem früheren Zuhause oftmals bereits gefühlsmäßig sehr weit entfernt, auch wenn dort noch Verwandte und Bekannte aus der Jugendzeit leben. Selbst wenn sie sich früher einmal vorgenommen hatten, im Ruhestand wieder an ihren Ursprung zurückzukehren, so ist das nach 30 oder 40-jähriger Abwesenheit meist kaum mehr möglich, weil sie sich in ihrem neuen Zuhause schon so sehr verwurzelt haben, dass sie sich in der alten Heimat bereits wie Fremde fühlen. Bei den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen ähneln sich die Gedanken und Erinnerungen an die alte Heimat. Da ihnen aber die Rückkehrmöglichkeit zumeist schon aufgrund von realpolitischen Gegebenheiten verwehrt bleibt, hat bei ihnen die Sehnsucht nach den Wurzeln meist eine größere Bedeutung, zumal die Gedanken an die Vertreibung, auch wenn sie bereits 60 Jahre zurückliegt, oft mit traumatisierten Erinnerungen verbunden sind. Die Gedanken an die unbeschwerten Tage der Kindheit und Jugendzeit sind aber dennoch ein wohltuender Balsam für Herz und Seele. Für viele ist es daher ein Trost, wenn sie ihre alte Heimat besuchen, an den Ursprung ihrer Erinnerungen zurückkehren und sich, wenn auch nur für eine kurze Augenblicke, in ihr Kindheitsparadies zurückversetzen können.

Es war eine große Tragödie, die nach einem Jahrhunderte langen Anlauf die deutsche und nicht zuletzt auch die tschechische Bevölkerung nach dem Ende des 2. Weltkriegs getroffen hat; und es lasten immer noch dunkle Wolken über dem Schicksal beider Völker. Es ist daher sehr wichtig, dass die Menschen im Kleinen anfangen, ein gut nachbarschaftliches Verhältnis suchen und alles tun, was zur Aussöhnung führt und Frieden stiftet. Bei meinen Fahrten in die alte Heimat habe ich immer wieder festgestellt, dass dabei auch der katholische Glaube, dem die frühere und weitgehend auch die jetzige Bevölkerung der Sprachinsel angehört, eine wichtige Rolle spielen kann. Glaube verbindet; das spürt man immer ganz besonders bei den gemeinschaftlich gefeierten Gottesdiensten in der Kirche von Rostěnice, die stets auf Tschechisch und Deutsch abgehalten werden. Nirgendwo wird die Annäherung der Menschen spürbarer. Schließlich haben in dieser Kirche meine Eltern die Taufe, Erstkommunion und Firmung empfangen und auch geheiratet. Zudem liegen auf dem Friedhof meine Groß- und Urgroßeltern begraben. Ich selbst wurde hier geboren und getauft. Das Gleiche gilt aber auch für die nunmehrigen Bewohner, die ja zumeist auch schon in Rostěnice geboren und getauft wurden.

Ein Höhepunkt zwischen den Beziehungen der beiden Volksgruppen war am 5.Juli 2004 die Einweihung des renovierten früheren Volkshauses von „Rosternitz“ zum nunmehrigen Gemeindehaus von „Rostěnice“ mit dreisprachigem Festgottesdienst, Blasmusik, Trachtengruppe, Festzug, kirchlichem Segen und großem Festprogramm. Die Einweihung des Neubaues vor fast achtzig Jahren dürfte etwa einen ähnlichen Verlauf genommen haben. Die Ansprache von Rosina Reim, bei der sie mit versöhnenden Worten einen großen Bogen von der Eröffnung des deutschen „Volkshauses“ 1925 bis zur Wiedereröffnung als tschechisches Gemeindehaus gesponnen hat, wurde mit sehr großem Beifall aufgenommen. Wie gut sich das Verhältnis zwischen den früheren und nunmehrigen Bewohnern bereits entwickelt hat, zeigt die Tatsache, dass im oberen Stockwerk des Gemeindehauses von Rosina Reim ein kleines, aber viel beachtetes Sprachinsel-Museum eingerichtet werden konnte, das auch bei den anwesenden Tschechen ein sehr reges Interesse gefunden hat.

Ich fühle mich auch nicht mehr als vertriebener Erbe des einstigen elterlichen Bauernhofs, der Jahrhunderte lang der Treue meiner Vorfahren als Eigentum anvertraut war. Mein Elternhaus, in dem ich auch geboren wurde, ist nicht mehr mein Haus, zumal es zwischenzeitlich bereits abgerissen wurde. Aufgrund von nunmehr bereits geschichtlichen Tatsachen liegt der Besitz heute in den Händen von Marie Slavíková, der jetzigen Bürgermeisterin und ihrer Familie. Die Menschen, die darin leben, sind es, die ein Haus zu dem machen, was es ist; sonst ist es nur ein totes Gemäuer voller Erinnerungen. Es fällt mir zugegebenermaßen manchmal schwer, mit ansehen zu müssen, dass jetzt andere Menschen leben, wo ich geboren bin und wo einst meine Heimat war. Aber es ist auch an der Zeit, das Lamentieren zu beenden und den jetzigen Bewohnern ihre Heimat gönnen, weil man sie für die Vertreibungen von 1945 und 1946 nicht verantwortlich machen kann. Bei alledem sollte man auch nicht vergessen, dass sie mehr als vier Jahrzehnte die kommunistische Diktatur zu ertragen hatten.

Damit hat die Zeit nunmehr auch eine europäische Dimension bekommen. Wenn die Idee eines vereinten Europa wirklich mit Leben erfüllt werden soll, dann muss man auch für das Heimatrecht der heutigen Bevölkerung eintreten, weil sie das Recht haben dort zu leben. Es ist daher wichtig, dass die Menschen, die schon vor Jahren im Kleinen angefangen haben, ein gut nachbarschaftliches Verhältnis zu suchen, auch weiterhin alles tun sollten, was zur Aussöhnung zwischen den Deutschen und den Tschechen führt, wie das besonders eindrucksvoll bei der Wiederherstellung des früheren „Volkshauses“ von Rosternitz zum nunmehrigen „Gemeindehaus“ von Rostěnice geschehen ist.

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Frühgeschichte Südmährens     Wischau - alter Kulturboden

Für die erste bairische Besiedlung habe ich für die Umgebung von Wischau bisher keinen Nachweis gefunden. Da aber z.B. die Auswanderungen aus dem heutigen Niederbayern in die Gebiete der "Sieben und der Dreizehn Gemeinden" in Oberitalien (Provinz Venedig) ab 1050 und die Auswanderungen bairischer Bergleute aus der Oberpfalz in das weiter entfernte Nösnerland im nördliche Siebenbürgen um 1150 nachgewiesen sind, kann man davon ausgehen, dass die ersten bairischen Siedler im 11., spätestens im 12. Jahrhundert auch in der Gegend von Wischau angekommen sind und sich zwischen der slawischen Bevölkerung niedergelassen haben. Nirgendwo waren die bairischen Herzöge Träger des Siedlungswerks (es gab auch keinen Lokator), es waren vielmehr Klöster und Gutsherren, weltliche und geistliche nebeneinander. Dort wo Slawen bereits Fuß gefasst hatten, blieben sie unbehelligt sitzen wie einst die Romanen im Alpenvorland und in Tirol – und vor allem: Es gab kein Austreiben von Slawen wie jenseits der Elbe. Die nächsten, nunmehr aber bereits planmäßig durchgeführten Kolonisationsbestrebungen begannen im 12. Jahrhundert unter Wratislav II. mit dem Ziel, dem Lande Böhmen die gleiche Kultur- und Ertragsstufe zu geben, wie die deutschen Nachbarn sie aufwiesen. Das beruhte auch auf die Gründung neuer Orden (Zisterzienser, Prämonstratenser, usw.), denn mit den Klostergründungen kamen nicht nur Ordensleute sondern in deren Gefolge auch deutsche Siedler ins Land. Nach 1176 berufen sich die Zuwanderungen auf den Freiheitsbrief für die Prager Deutschen "Wisst, dass die Deutschen freie Leute sind" von Herzog Sobieslav I.

Unter Führung von Dschingis Khan (er war der größte Barbar, ein Zerstörer und Mörder, aber auch ein sehr fortschrittlichster Herrscher seiner Zeit) fegten die Mongolen in kurzer Zeit wie ein Orkan aus Blut, Feuer und Grausamkeit von Ostasien bis nach Mitteleuropa, wo dann sein Enkel Großkhan Batu am 8.4.1241 bei Liegnitz ein schwaches Heer aus Polen, Schlesien und Mähren vernichtend geschlagen hat. Danach erreichte der Mongolenzug auf dem Weg nach Süden auch das Land um Wischau. Daraufhin dürften wegen der teilweisen Entvölkerung vieler Dörfer, im Gebiet der Wischauer Sprachinsel mit damals wohl noch mehrheitlich slawischer Bevölkerung - über die March und die Thaya kommend - weitere bairische Siedler eingetroffen sein. Da an der Wiederbesiedlung neben dem Bischof Bruno von Olmütz (1245 – 1281) aus dem Hause der Grafen von Schaumburg – Holstein vor allem Klöster beteiligt waren, sind auch Menschen von weiter her, z.B. Schwaben aus Württemberg, zugewandert. Unter Ottokar II. (1253 – 1278) setzte dann die große Kolonisation mit ungeheuerer Wucht ein. Diese Zuwanderungen gingen von den benachbarten Ländern, aber auch weiter entfernten Stämmen aus. Die bairischen Besiedlung beschränkte sich jedoch auf die Fortführung der bisherigen Kolonisationsgebiete. In Südmähren rückten die Siedler über Niederösterreich bis Olmütz vor. Es bildete sich ein relativ geschlossenes Sprachgebiet über Brünn, Wischau und Deutsch – Pruss (Nemecke Prusy jetzt Pustimerke Prusy). Im Jahre 1348 ist die schwarze Pest, vom Orient kommend, nach Süditalien eingedrungen. Sie verbreitete sich mit unheimlicher Geschwindigkeit über das Abendland und raffte in wenigen Jahren mehr als ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahin. Südmähren war von der Pest besonders betroffen. Nach dem Abflauen der Pest begann unter Kaiser Karl IV die Wiederbesiedlung der dezimierten und zum Teil bereits verwilderten Landstriche. Die Dörfer der Sprachinsel waren schon seit vielen Jahren geistlichen Orden unterstellt. So gehörte das Dorf Kutscherau zum Zisterzienserkloster Saar, das Dorf Lissowitz zum Deutschen Ritteroden, die Dörfer Hobitschau, Rosternitz, Swonowitz und Gundrum zum Altbrünner Nonnenkloster "Maria Saal". So ist es wohl nicht verwunderlich, dass aufgrund der Verbindungen zu den Mutterklöstern im heutigen Bayern die Neuankömmlinge größten Teils aus altbairischen, aber auch aus schwäbischen und fränkischen Gebieten gekommen sind. Es müssen aber auch Siedler aus Schlesien gekommen sein, was sich an der Beeinflussung des Dialekt in der Sprachinsel bemerkbar gemacht. Unsere bairischen Vorfahren kamen in ein Land, dessen Täler bereits seit Jahrhunderten vor Christi Geburt bewohnt waren. Das älteste namentlich bekannte Volk waren die Illyrer, Angehörige der gleichen Volksgruppe, die später auf der westlichen Balkanhalbinsel aufgetaucht sind und deren Sprachgut heute nur noch im Albanischen fortlebt. Sie wurden um ca. 400 v.Chr. von den keltischen Bojern abgelöst, die dem Land Böhmen auch seinen Namen vererbt haben. Nach dem Abzug der Bojer zur Donau um etwa 60 v.Chr. kam es zur Einwanderung der germanischen Sweben, die in Böhmen als Markomannen und in Mähren als Quaden aufgetreten sind. Markomannen und Quaden haben sich Jahrhunderte lang gegen Rom behaupten können. In den sogenannten Markomannenkriegen von 169 – 180 n. Chr. drangen sie sogar über die Donau vor und zogen über die Alpen bis nach Oberitalien, wo sie auch befestigte Orte angriffen und zerstört haben. Kaiser Marc Aurel sah sich daher gezwungen, seine Residenz nach Vindobona (dem heutigen Wien) zu verlegen, um die Operationen persönlich gegen die Markomannen leiten zu können. Die Römer erreichten zwar in den folgenden Jahrzehnten mehrmals Siege und Verpflichtungen zur Tributzahlung, aber es gelang ihnen nicht, Böhmen und Mähren als Provinz einzurichten. Um cirka 350 drängten die Langobarden, die bis dahin in Norddeutschland zwischen Elbe und Oder gelebt hatten, nach Böhmen, nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches (476) unter König Godeoc dann nach Südmähren und Niederösterreich (dem ehemaligen Norikum), nach 500 weiter bis nach Ungarn (ehemals Pannonien), bis sie dann 568 in Oberitalien ihr endgültiges Reich errichtet haben, das bis 774 Bestand hatte. Die Markomannen ihrerseits wichen in die südlich gelegenen alten Römergebiete aus. Im 6. und 7. Jahrhundert kamen dann aus dem Osten Slawen in die größten Teils frei gewordenen Räume Mährens, rückten bis Böhmen und sogar bis zu den bayerischen Flüssen Regnitz und Pegnitz im heutigen Mittelfranken nach. Sie wurden aber alsbald von den ebenfalls nachrückenden Awaren unterworfen.

Den böhmischen und mährischen Slawen gelang es unter dem Fürsten Samo nur für eine kurze Zeit (630 – 658) die Unterdrückung abzuschütteln. Sein Reich zerfiel und kam sogleich wieder unter die awarische Herrschaft, bis Karl der Große mit dem Feldzug von 805 die Awaren endgültig besiegen konnte. Die Herzöge der tschechischen Slawen Böhmens waren dann zunächst dem fränkischen Kaiser zu Heeresfolge und Tributleistungen verpflichtet. Daraus wurde aber alsbald ein Lehenverhältnis. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts erscheint das Herzogtum Böhmen bereits als Reichslehen. Aufgrund dieses festen Bundesverhältnisses zu Deutschland und weil die Herzöge die Aufgabe des Grenzschutzes übernommen hatten, konnten sie für Böhmen eine weitgehende Selbständigkeit erhalten. Unter der fränkischen Oberhoheit gelang es Svatopluk, die slawischen Morawer mit der Gründung des Großmährischen Reiches zu einigen, das jedoch bereits im Jahre 906 durch den Ungarneinfall zwar nicht zerstört, jedoch wesentlich geschwächt wurde. Nach kurzer Zugehörigkeit zu Polen kam Mähren dann 1030 mit Billigung des Deutschen Kaisers als Reichslehen unter der Herrschaft des Herzogs Bretislav zu Böhmen. Die Hunnen haben dann 375 n.Chr. mit ihrem Eindringen in Europa eine Kettenreaktion von Völkerbewegungen nach Westen ausgelöst. Dieses Jahr wird allgemein als Beginn der Völkerwanderung bezeichnet, obwohl gerade Böhmen und Mähren, wie bereits in den beiden vorhergehenden Absätzen beschrieben, schon in früheren Jahrhunderten mehrere Zu- und Abwanderungen erlebt hatten. Wegen seiner zentralen Lage im Herzen Europas und seiner günstigen Verkehrslinie von der Ostsee über Weichsel und Oder, durch die Mährische Pforte (Porta Moravica), durch das Tal der March zur Donau war Mähren schon seit alters her als Teil der Bernsteinstraße ein Durchgangsland. So dürften zum Beispiel die Wandalen im 2. Jahrhundert von Schlesien nach Ungarn durchgezogen sein. Einen ähnlichen Weg haben dann im Jahre 1241 die Mongolen nach der Schlacht von Liegnitz genommen. Die Hunnen und die von ihnen unterworfenen germanischen Stämme sind auf ihren Raub- und Eroberungszügen mehrmals durch die römischen Provinzen und auch in Mähren eingedrungen.

Dass Südmähren schon sehr früh besiedelt worden ist, beweisen Ausgrabungen in Wischau. Es ist der Verdienst des G. Krivánek, der von 1945 bis 1962 als Maschinist bei der ehemaligen Marek`s Ziegelei, später der Ziegeleien G. Kliments, eine Vielzahl prähistorischer Hinterlassenschaften geborgen hat. Einige Fundstücke stammen aus der Glockenbecher Kultur (Ende der Jungsteinzeit um 1800 v.Chr.), sowie aus der Uneticer und Velaticer Kultur (Ende der Bronzezeit bis frühe Urnenfelderzeit um 1000 v.Chr.). Velatice liegt übrigens nur 20 Km von Wischau Richtung Brünn entfernt. Diese Funde belegen eine sehr frühe Besiedlung der Gegend um Wischau. G. Krivánek hat als Amateur die wichtigsten Gräber sehr gut beschrieben und katalogisiert. Seine Berichte enthalten aber nicht alle notwendigen Angaben, da es ihm schon allein wegen des Charakters der "Grabung mit dem Bagger" nicht möglich war, alle Proportionen der Gräber exakt zu erfassen. Innerhalb der Gesamtzahl der geborgenen Skelette, Waffen, Schmuckstücke und sonstigen Grabbeigaben kommt dabei aber den Grabfunden aus dem 5. Jahrhundert, also der beginnenden Völkerwanderungszeit, eine besondere Bedeutung zu. Während verhältnismäßig zahlreiche Gräber mit Waffen und stilreiner Keramik elbgermanischer Prägung auf die langobardische Phase hinweisen, deuten die Gräber aus dem ersten Drittel des 5. Jahrhunderts auf die donauländische provinzialrömische Nähe der Provinz Norikum hin. Als historisch sehr interessant gelten dabei die gefundenen Schädeldeformationen, die auf die charakteristischen Züge des reiternomadischen Kulturkomplexes der hunnischen Machtkonzentration im Donauraum hindeuten. Die Schädeldeformationen, ursprünglich ein Brauch in den asiatischen Steppen, hatten sich bereits ab dem 3. Jahrhundert im Schwarzmeergebiet und an der unteren Donau verbreitet. Sie wurden wohl von den Hunnen angenommen, von deren tangierten Germanenstämmen akzeptiert und dann in Mitteleuropa von den Langobarden und sogar von den Burgundern vor allem als Frauenmode übernommen. Mit der Gesamtzahl von achtzehn Gräbern, die zum Großteil den Plünderungen früherer Jahrzehnte entgangen waren, zählt das Wischauer Grabfeld zu den bedeutenden Entdeckungen seiner Art in Mähren. Anfang der siebziger Jahre ist es dem Wischauer Museum gelungen, die Sammlung der archäologischen Funde von einem Privatsammler zu erwerben.

Quellenhinweise: Benno Hubensteiner: Bayerische Geschichte - Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte - Bertelsmann Verlag: Deutsche Geschichte - Jaroslav Tejral: Völkerwanderungszeitliches - Gräberfeld bei Vyškov (Mähren)

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Wischauer Sprachinsel - Geschlossene Gesellschaft   (erweiterte Fassung vom 7.3.2003)

Obwohl die deutsche Kolonisation auch für viele tschechische Bauern eine Verbesserung der Wirtschafts- und Rechtslage gebracht hatte, war in manchen Gegenden der Unterschied aber weiterhin recht krass. Dies kam dem tschechischen Reformator Jan Hus sehr entgegen, dessen Kampf gegen die Deutschen durch glühenden Nationalismus und die Gleichsetzung von Religion und Nation gekennzeichnet war. Die Todesnachricht von Jan Hus, der am 6.7.1415 in Konstanz trotz Zusicherung freien Geleits verbrannt wurde, löste in Böhmen und Mähren eine mächtige nationale Bewegung aus, die von 1419 – 1436 ihren Höhepunkt in einem Vernichtungsfeldzug gegen die Deutschen erreicht hat. Die Wischauer Gegend wurde mehrmals heimgesucht, weil die Bewohner Deutsche waren, zu Klöstern gehörten und katholisch geblieben sind. Da zum Teil ganze Dörfer ausgelöscht wurden, sind bereits damals die ersten Sprachbrücken zusammengebrochen.

Eine weitere folgenschwere Entwicklung bahnte sich an, nachdem Martin Luther am 31.10.1517 in Wittenberg seine 95 Thesen angeschlagen hatte. Von der Reformation war das Gebiet um Wischau dann eigentlich nicht betroffen; dennoch hatte der 30-jährige Krieg (1618 - 1648) schwerwirkende Auswirkungen. Städte und Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt. Den Bauern wurde Vieh und Getreide entwendet und Saaten verwüstet, sodass viele Menschen verhungerten. Im Gefolge brachen Seuchen aus. Durch die Dezimierung bzw. völligen Ausrottung vieler Ortschaften setzte sich das Auseinanderdriften der deutschen Sprachgebiete fort. Das Deutschtum war dann in den folgen Jahrhunderten stetig auf dem Rückzug. Das früher relativ geschlossene Sprachgebiet schrumpfte immer mehr zusammen. Von den einst 60 Dörfern sind letztlich nur noch 8 kleine Ortschaften mit rund 3500 Einwohner verblieben. Einige Namen tschechischer Nachbardörfer weisen noch auf das frühere deutsche Sprachgebiet hin, z.B.: Richtarov (Richtersdorf), Manerov (Mannersdorf) oder Nemcan (übersetzt Deutschdorf). Es liegt in der Natur der Sache, dass eine kleine Volksgruppe ohne Minderheitenschutz in einer großen Gruppe aufgeht. Die Bewohner der Sprachinsel haben sich aber dagegen gestemmt und haben sich im Laufe der Zeit zur Wahrung ihrer Identität immer mehr gegenüber der tschechischen Bevölkerung abgeschirmt. In einer Art "Arche-Noah-Situation" entwickelten sie zusammen mit dem katholischen Glauben so manche Riten und Bräuche aus alten Zeiten zu einem allgemeinen Lebensentwurf - zu einem ständig gelebten Lebensinhalt. Sie schlossen sich nach innen zusammen und grenzten sich damit von der tschechischen Umwelt ab. Das dürfte auch der Grund sein, dass sich die vorindustrielle noch feudale angehauchte auf die Gemeinschaft ausgerichtete Lebensweise bis in das 20. Jahrhundert erhalten konnte. Die Sprachinsel entwickelte sich zu einer geschlossenen Gesellschaft, die dazu geführt hat, dass andere Menschen sofort als Fremde zu erkennen waren. Ein Fremder hatte es daher schwer zurechtzukommen. Er musste, um in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, sich völlig integrieren; das betraf insbesondere den altbairischen Dialekt, die Kleidung, die Sitten und Gebräuche, sowie die Beachtung ungeschriebener Regeln. Das fing beim Dialekt an, bei dem sich die altbairischen Sprachelemente des 11. und 12. Jahrhunderts weitgehend erhalten haben, weil aufgrund der Insellage die späteren Lautverschiebungen des bairischen Stammlandes nicht nachvollzogen worden sind. So wird unter anderem noch das "W" als "B" (Wald – Bold, Wasser – Bossa) und das "B" als "P" (Bach – Pooch, Baum – Paam) gesprochen. Darüber hinaus haben sich sehr viele alte Wörter erhalten wie z.B. die Bezeichnungen der Männer während ihres Lebens: Puabal, Pua, Knecht, Mou, Ei(n)dl und Vetter; die Frauen wurden Diandal, Diandl, Dian, Bai, Ah(n)dl oder Pasl genannt. Die Bezeichnung "Knecht" oder "Dian" bezog sich dabei nicht auf die berufliche Tätigkeit, da die Jugendlichen ab dem 16. Lebensjahr bis zur Heirat "Dian" oder "Knecht" genannt wurden. Mit "Pasl" oder "Vetter" wurden alle Verwandten angesprochen, die älter als man selbst waren. Die Tracht der Frauen in den "oberen" Dörfern, eine der schönsten und farbenprächtigsten Mitteleuropas, lässt zum Teil noch Elemente aus dem Mittelalter bzw. der Renaissance erkennen. Sie war im wahrsten Sinne des Wortes eine Volkstracht, die alle Frauen von der Wiege bis zum Bahre getragen haben (die Tracht der "unteren" Sprachinsel war bereits nach dem 1. Weltkrieg größtenteils aus dem Alltagsleben verschwunden). Die Mädchen und Frauen waren sofort als Bewohnerinnen ihrer Gemeinde und als Angehörige der deutschen Volksgruppe zu erkennen und setzten sich damit deutlich von der tschechischen Umwelt ab, die bereits längst zur "modischen" Kleidung übergegangen war. Die Tracht wurde damit im Sinne der nationalen Differenzierung als "deutsch", die moderne Kleidung als "tschechisch" oder "herrisch" empfunden. Das "Tatzl" oder "Kresl" (Halskrause), das wohl auffallendste Element der weiblichen Tracht, das an die modische Form der "Maria-Stuard-Zeit" erinnert, wurde erst um etwa 1820 von verschiedene deutschen und tschechischen Volkstrachten Mährens übernommen; es wurde damals auch noch liegend getragen. Das Tatzl hat seine jetzige stehende Form erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts als Abgrenzung gegenüber der damals auch noch von Tschechinnen getragen Halskrause erhalten. Die Menschen lebten in einem gesunden Lebensrhythmus weitgehend noch in Harmonie mit der Umwelt, haben noch den Wechsel der Zeiten erfahren: Morgen, Mittag, Abend, Tag, Nacht, Werktag, Sonntag, Feiertag, Woche, Monat, Jahr, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Der katholische Glaube war ein wesentlicher Bestandteil des Gemeindelebens. Er durchwirkte alles Leben und bestimmte jeden Augenblick in jedem Winkel des Daseins. Religion und Leben waren weitgehend eins. Die katholische Kirche schlug damit eine kontinuierliche Brücke über die Jahrhunderte und hat letztlich mit der Beeinflussung vieler Sitten und Bräuche zum Erhalt der Sprachinsel nicht unwesentlich beigetragen. Dazu gehörte auch ein Netzwerk von ungeschriebenen Regeln und ritualisierten Verhaltensweisen, die das Leben der Menschen von der Geburt bis zum Tod bestimmt haben. Der Rhythmus von Werktag und Sonntag, von Brauchtum und Sitte bestimmte mit seiner Lebendigkeit den Ablauf des gesamten Jahres, er war damit eine große Hilfe bei der Bewältigung des Alltags und ließ die Menschen förmlich spüren, dass das Leben mehr ist als nur Arbeit und Plage. Sie fühlten sich sicher, geborgen und zufrieden. Sie hatten das Gefühl, gebraucht zu werden. Die Vertrautheit der Gemeinschaft gab den Menschen einen großen Halt. Änderungen erfolgten zumeist mit Vorsicht und in langsamen Schritten. Die Psyche blieb dadurch meistens stabil. Die kirchlichen und weltlichen Gemeinschaften haben ein besonderes Gemeinschaftsgefühl entwickelt, das von einem "Wir-Bewusstsein" getragen fast alle Lebensbereiche der Menschen umfasst hat. Das Miteinander und das Füreinander waren daher wichtige Komponenten im Lebensentwurf der Menschen. Die Einbindung aller Menschen in die Gemeinschaft bewirkte aber auch ein niedriges Aggressionspotential und eine selbstgenügsame Lebenslust, die wiederum einem gesunden Selbstwertgefühl, gepaart mit Genugtuung und Freude, zu Gute gekommen ist. Die meisten haben daher ihr Leben als Ganzes bejaht. Es waren wohl die kleinen Freuden, die über das Jahr verteilt, am Ende das ganze Leben mit allen Höhen und Tiefen umschlossen haben. Darauf dürften auch die Heiterkeit und Fröhlichkeit, die man den Sprachinslern nachgesagt hatte, zurückzuführen sein.

Die enge Einbindung in die Gemeinschaft hatte natürlich auch Nachteile; sie bedeutete für den einzelnen auch Kontrolle und Einengung; sie verhinderte jedes Außenseitertum, blockierte teilweise die Entfaltung zur Individualität und dämpfte die Kreativität der Menschen; sie hatte aber auch eine gewisse ausgleichende Wirkung: Die Aktiven wurden etwas gebremst, die Passiven dagegen etwas gestützt. Die meisten Menschen waren mit dem Leben in der Gemeinschaft aber zufrieden. Nur wenige gingen weg, weil ihnen das Leben in den Dörfern zu eng geworden ist oder weil sie den Anspruch auf ein "eigenes Leben" durchzusetzen wollten. Wenn jemand die Sprachinsel verlassen hat, so hatte dies zumeist wirtschaftliche Gründe. Sie hatten kein Auskommen, keine Möglichkeit zur Einheirat oder sie konnten aufgrund ihrer Schulbildung (z.B. Studium) keine heimatnahe Beschäftigung finden; nach dem 1. Weltkrieg waren es vor allem Handwerker. Trotz ihres neuen Wohnorts (häufig Brünn, früher auch Wien) haben sie ihre Dörfer so oft wie möglich besucht. Sie kamen gerne an den Festtagen oder zur "Sommerfrische" in der Erntezeit und blieben dadurch auch weiterhin mit ihrer alten Heimat verbunden. Eine wichtige Zäsur für das Leben der Wischauer Sprachinsel brachte dann aber das Ende des 1. Weltkriegs. Am 28.10.1918 bildete sich unter den dominierenden Tschechen ein Nationalrat, der unter Berufung auf die "14 Punke Wilsons" einen unabhängigen tschechoslowakischen Nationalstaat als "eine Schweiz" proklamierte. Die Tschechen begannen umgehend, die deutschen Gebiete planmäßig zu tschechisieren. Da auch die Wischauer Sprachinsel betroffen war, wäre sie, schon allein wegen der geringen Zahl seiner Bewohner, auf längere Sicht untergegangen. Die Wischauer Sprachinsel hätte aber auch ohne die Tschechisierungsmaßnahmen und ohne die gewaltsame Vertreibung der Jahre 1945 und 1946 höchstwahrscheinlich seine althergebrachte bäuerlich geprägte Identität auf Dauer nicht erhalten können. Die ersten Ansätze waren bereits in der Zeit von 1939 - 1945 zu erkennen, als schon viele in der Stadt und auf dem Fliederhorst gearbeitet, sich bereits "herrisch" gekleidet und damit die Tracht abgelegt haben. Der Trend hätte sich mit der Industrialisierungswelle in der Nachkriegszeit fortgesetzt. Die heutige Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft hätte das ihrige getan. Die meisten Bauern hätten aufgeben und einer Arbeit außerhalb der Dörfer nachgehen müssen. Im Gegenzug wären wohl im Zuge der Mobilisierung vermehrt Tschechen zugezogen. Der altbairische Dialekt, das vielschichtige Brauchtum und das Tragen der eigenständigen Tracht waren Kinder einer einzigartigen altbairischen bäuerlichen Kultur. Mit dem Ablegen dieser Besonderheiten hätten die Dörfer ihre Identität verloren und als Sprachinsel trotz eventueller Schutzmaßnahmen nicht überleben können.

Quellenhinweise: Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte,   Otto Stibor: Hier waren wir einst zu Hause,    Elisabeth Plank: Bilder aus der Wischauer Sprachinsel,   Wischauer Heimatbote

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Hexerei und Aberglaube in der Wischauer Sprachinsel

Im letzten Jahrhundert ist der Aberglaube stark zurückgegangen. Trotz unserer aufgeklärten Gesellschaft hat sich aber eine abergläubische Grundanschauung im Sinne eines magischen Weltbezugs bis in unsere Zeit erhalten und erfährt gegenwärtig sogar eine Neubelebung. Ich will hier auf einige gängige abergläubische Anschauungen und Praktiken hinweisen. Sie umfassen nahezu alle Lebensbereiche, werden allerdings von vielen Menschen oft nicht mehr als wirklich real wirksam angesehen: Ein vierblättriges Kleeblatt zu finden, verheißt Glück, ebenso die Begegnung mit einem Rauchfangkehrer. Eine schwarze Katze, die einem von links begegnet, kündigt dagegen ein bevorstehendes Unglück an. Dazu zählen unreflektiert weiter gegebene Sprachgewohnheiten wie "Spinne am Morgen, bringt Kummer und Sorgen" oder "Den Vogel, der am Morgen singt, frisst am Abend die Katz". Abergläubische Einstellungen zeigen sich aber auch im angstbesetzten Einhalten oder Vermeiden von bestimmten Formeln, Zahlen und Zeiten: Freitag, der 13. wird als Unglücksbringer gefürchtet. Dreimalige Klopfen auf Holz ("Unberufen, toi, toi, toi") soll nachteilige Wirkungen des Beredens guter Eigenschaften ausschließen; den gleichen Sinngehalt bringen auch die stereotype Redeweisen zum Ausdruck: "Ich will es nicht verschreien" oder der häufig geäußerte Abschiedswunsch "Hals und Beinbruch", der eine Unternehmung natürlich ohne körperlichen Schaden beenden soll.

Mit dem Zerfall haltgebender und sinnstiftenden Traditionen und Weltbilder verliert das Leben für viele Menschen seine frühere Selbstverständlichkeit. Die verdrängten Urängste, Dämonenfurcht und Aberglaube leben aber, nur zeitgemäß gewandelt, in den Seelen der Menschen weiter, obwohl sie meinen, die Natur beherrschen zu können. Viele entwurzelte Menschen fühlen sich vom modernen Leben überfordert. Sie vertrauen bei ihrer Suche nach Heil und Sinn des Daseins auf den Aberglauben, flüchten in eine der unzähligen Therapiegruppen, zu Sekten, zu Schamanen, in die längst unüberschaubare gewordene esoterische Subkultur oder mixen sich ihr persönliches Religionsmenü aus New Age, Wiedergeburt oder Hinduismus zusammen. Nach demoskopischen Erhebungen sagten 77 Prozent der Befragten, dass sie Horoskope lesen. Darüber hinaus würden für die entsprechende Literatur jährlich mehrere Millionen Euro ausgegeben. Weitaus mehr Frauen als Männer seien aber geneigt, die Astrologie ernst zu nehmen und vor allem: Sie richteten sich auch eher danach. Zu denken geben dürfte auch, dass allen katholischen und evangelischen Theologen zusammen zahlenmäßig mehr als doppelt so viele "Hellseher" und "Wahrsager" gegenüberstehen. Spezialbuchhandlungen profitieren mit fragwürdigen "Lebenshilfen" vom Glücksverlangen der Menschen. "Moderne" Hexen bieten ihre Künste an. Pendeln, Heilsteine, Amulette und Talismane werden als passiv oder aktiv wirksame Mittel zum Erfolg angepriesen. Im Herbst 2002 konnte man lesen, dass der Schauspieler Klausjürgen Wussow bei einer derartigen Veranstaltung in Berlin zusammengebrochen sei. In wirtschaftlich schwieriger Zeiten wie der jetzigen, wenden sich sogar Kapitalanleger immer häufiger zur astrologischen Beurteilung von Aktien an entsprechenden "Experten"; an die 20 Anbieter von astrologischen Börsenprognosen sind bereits im Internet zu finden.

Wenn man auf Seite 89 des Heimatbuchs "Bilder aus der Wischauer Sprachinsel" über Hexen und böse Geister und entsprechenden Berichte in den Ausgaben des "Wischauer Heimatboten" liest, könnte man meinen, dass die Bewohner der Wischauer Sprachinsel besonders abergläubisch gewesen seien. Das stimmt natürlich nicht. Aber gerade in abgelegenen Gegenden, wie im Bayerischen Wald oder in abgeschotteten Gegenden, wie in der Wischauer Sprachinsel, hatte sich so mancher Geister- oder Hexenglaube bis in das 20. Jahrhundert erhalten. Die älteren Leute waren noch überzeugt, den Anfechtungen des "Leibhaftigen" und seinen Helfern, den Hexen und bösen Geistern ausgeliefert zu sein. Seit jeher galten die Hexen als Krankheitsverursacher für Mensch und Tier. Ich erinnere mich noch gut an eine Nacht nach einer Hochzeit, als wir den Geschichten meiner "Pasl Antsch" (Anna Legner vom Gasthaus Slatka in Rosternitz) gelauscht haben. Da wimmelte es von Hexen und Hexenmeistern, die die Kühe verhext haben sollten, dass sie plötzlich keine oder blutige Milch gegebnen hätten. Sie hat auch Berichte über Hexenaustreibungen anklingen lassen; auf nähere Einzelheiten ist aber nicht eingegangen. Obwohl der bajuwarische Volksstamm rasch christianisiert wurde, haben christliche und heidnisches Vorstellungen noch lange nebeneinander bestanden. Die Katholische Kirche hat viele heidnische Riten mit dem christlichen Glauben harmonisch vereint als Brauchtum fortleben lassen wie die Wallfahrten, Bittgänge und Umritte. Ich will hier nur auf zwei Besonderheiten hinweisen: Bei der Fronleichnamsprozession trugen die jungen Mädchen Kränze aus grünen Kräutern, die nach der Weihe auf dem Dachboden aufgehängt, das Haus vor Blitzschlag schützen sollten. Das nächste Beispiel zeigt noch die Vermischung von Glauben und Aberglauben: Nachdem sich am Karfreitag die Hausbewohner mit dem "Jordan-Bossa" Gesicht und Hände zum Andenken an das Blut Jesu Christi gewaschen hatten, sollen die Frauen früher beim anschließenden "Getsemane-Beten" für einen reichen Erntesegen die Obstbäume mit der Hüfte angestoßen haben.

Die folgenden Bräuche beruhen ebenfalls auf vorchristliche Wurzeln, als Urgewalt und Dämonen noch mit Krach und Radau bekämpft wurden: In Rosternitz führte am Karsamstag eine Prozession dreimal um Kirche und Friedhof herum; mit Böllerschüssen wurde die Auferstehung Jesu Christi kundgetan, wobei der Musikverein zugleich einen besonders dramatischen Tusch spielte. Am Heiligen Abend haben die Jäger mit Salutschüssen auf die Geburt des Jesuskindes aufmerksam gemacht. Dann ging der Viehhirte Peitschen knallend von Haus zu Haus. Beide Bräuche dürften wohl auf die Raunächste unserer bajuwarischen Vorfahren zurückgehen; sie dienten ursprünglich als Schutz gegen das Treiben böser Mächte. Aus Angst vor Wetterhexen vertraute man früher auf das Wetterläuten. Nach Gründung der Feuerwehren ist der Brauch aber allmählich eingeschlafen und wurde um 1910 dann gänzlich eingestellt. Gründe für den Aberglauben früherer Zeiten dürften zum Teil die Unkenntnis von natürlichen Zusammenhängen, mangelnder Hygiene und einseitiger Ernährung oder auch in der unzureichenden ärztlichen Versorgung zu suchen sein. So hat zum Beispiel meine "Tante" Rosl, eine Schwester meines Vaters, die in das Egerland geheiratet hatte, beim Zusammensuchen der Unterlagen für den ab 1939 benötigten Ariernachweis festgestellt, dass vier von den neun Geschwistern meines Urgroßvaters im Kleinkindalter am Fraisen gestorben sind. Die Menschen standen schwierigen Situationen wie Unglück, Krankheit und Tod machtlos gegenüber und vertrauten daher neben dem Gebet auch auf abergläubische Praktiken. Hierzu einige Beispiele: Am Vorabend zum 1. Mai, der Hexennacht, steckte man Weißdorn- oder Hollerzweige zur Abwehr von Hexen in die Fensternischen. Die Neugeborenen wurden in den ersten Wochen in ein weiches Kissen "eingefaschelt". In die Schnürung aus bunten Bändern wurde ein Rosenkranz eingeflochten, den das Kind dann sechs Wochen bei sich haben musste. Das Gesicht wurde mit einem Tüchlein bedeckt, damit das "Kisselkind" von keinem bösen Blick "überschaut" werden konnte. Kranke Pferde hat man mit der Innenseite eines getragenen Männerhemdes abgerieben; das soll tatsächlich geholfen haben. Der "Drud" war ein gefürchteter nächtlicher Ungeist, der sich für alle unsichtbar am Bettrend niederließ, den Schläfer mit Alpträumen quälte und bedrückte; er war nur durch inniges Beten und viel Weihwasser zu vertreiben. Der bekannte bayerische Sprachforscher Johann Andreas Schmeller hatte festgestellt, dass mit dem Wort "Maien" ursprünglich im Safttrieb stehende Zweige oder Bäumchen gemeint waren. Das "Maiaustragen" am "Moisunntich," das von den Schulmädchen mit einem geschmückten Fichtenbäumchen durchgeführt wurde (bei der "Moifrau" von Rosternitz wurde die Spitze des Bäumchens mit einer Trachtenpuppe geschmückt), dürfte bis auf die Kelten zurückgehen, die den Göttern im Frühjahr mit Bändern geschmückte Bäumchen als Opfer gebracht haben. Mit dem Brauch des "Todaustragens" am 4. Fastensonntag, den die größeren Mädchen mit einer festlich gekleideten Puppe begangen haben, wurde angezeigt, dass der Winter bezwungen ist. Mit dem Aufstellen des Maibaums in den Dörfern wurde symbolisch der Lebensbaum erneuert. Der Brauch dürfte auf alte Fruchtbarkeitskulte unserer altbairischen Vorfahren zurückgehen. Das interessanteste Ritual hatte sich zum Ende der Getreideernte noch weitgehend in seiner Ursprünglichkeit gehalten; es erinnert an die früheren Opfergaben an die Getreidedämonen zum Erhallt der Fruchtbarkeit der Felder. Beim "Ausdrusch" wurde das letzte "Mandl" vorläufig auf dem Acker zurückgelassen, um das Weiterleben der Getreidedämonen sichern. Da nach altem Volksglauben mit dem Schnitt auch die Getreidedämonen ihr Leben gelassen haben, musste es auch eine Neuzeugung geben. Die letzte Fuhre, die man vom Feld heimgefahren hat, wurde daher als "Braut" mit einer Strohpuppe versehen und wegen des Fortbestands der Dämonen nicht mehr gedroschen. Der "Hochzeitszug" mit Brautpaar und Brauteltern, der sich noch in einigen Gegenden Mährisch Schlesiens erhalten hatte, war in der Sprachinsel aber schon verloren gegangen. Die Raunächte unserer bajuwarischen Vorfahren zwischen dem Thomasfest (21. Dezember) und der Nacht vor Heiligdreikönig waren auch Los- und Orakeltage; daran erinnerte noch der folgende Brauch: Am Heiligen Abend versammelte sich die Familie, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. Mit verbundenen Augen musste man auf einen von drei Tellern deuten, unter denen ein Geldstück, ein Stück Brot oder etwas Erde lag. Das Geld bedeutete, keine Geldsorgen zu haben; das Brot versprach keinen Hunger; gefürchtet wurde aber der Teller mit Erde, weil diese als Hinweis auf Krankheit oder Tod gedeutet wurde. Bei der Hochzeit hatte die Braut während des Brautaussingens zu weinen, weil sie ansonsten während des späteren Ehestands viele Tränen verlieren würde. Am Freitag galt auch ein Tanzverbot, weil freitags zu tanzen von Gott bestraft würde. Nach der Besetzung der Resttschechei hat die NSDAP das neue Hochgefühl der Sprachinsler geschickt ausgenutzt. Da wurden auch freitags Feste mit Musik und Tanz gefeiert. Niemand ahnte, dass mit dem baldigen Überfall Hitlers auf Polen das Ende der Sprachinsel bereits vorprogrammiert war. Aber auch Himmelserscheinungen wurden entsprechend gedeutet: Als am 18.3.1938 ein Nordlicht zu sehen war, sagten die Älteren, dass dies Hungersnot oder Krieg bedeutete; zum 1.10.1938 trat das "Münchner Abkommen" in Kraft, das dann Hitler am 15.3.1939 mit seinem Einmarsch in die "Resttschechei" gebrochen hat; nach einem weiteren halben Jahr begann der 2. Weltkrieg. Abschließend will ich noch auf ein uraltes Ritual verweisen: Der Verstorbene wurde zunächst auf einer Bank im Vorhaus aufgebahrt. Alle Verwandten, Nachbarn, und Freunde waren am Abend vor der Beerdigung dabei, wenn der Tote von der Bank in die "Truhe" (Sarg) umgebettet wurde. Bei diesem Ritual haben die Anwesenden das Vaterunser und den Rosenkranz gebetet und dabei Heiligenbildchen von Wallfahrtsorden wie Kiritein oder Nemcan in die Truhe gelegt; man achtete aber darauf, dass die Bildchen nicht mit zu vielen Gebeten versehen waren, damit der Tote im Jenseits nicht zu viel Beten musste. Damit schließt sich der Kreis zu unseren bajuwarischen Vorfahren, die bis zum 10. Jahrhundert Grabbeigaben mitgegeben haben.

Quellenhinweise: Benno Hubensteiner: Bayerische Geschichte,    Elisabeth Plank: Bilder aus der Wischauer Sprachinsel,    Herder Verlag: Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen,    Hertha Wolf-Beranek: Die Vegetationsdämonen in den Sudetendeutschen Gebieten,    Wischauer Heimatbote

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Tschechisierungsmaßnahmen in der Tschechoslowakei ab 1919

Nach dem 1.Weltkrieg ist das Staatsgebiet der österreichisch-ungarischen Monarchie unter Berufung auf die "14 Punkte Wilsons" in mehreren neuen Staaten aufgegangen, weil es angeblich ein nicht lebensfähiger Nationalitätenstaat gewesen ist. Bei der Friedenskonferenz von Versailles erreichte es Beneš unter Berufung auf die 14 Punkte Wilsons trotz der Bedenken mehrerer Mitglieder der Entente, dass mit dem Vertrag von St. Germain vom 10.9.1919 dem neuen tschechoslowakischen Staat neben den deutschen Gebieten slowakische und auch rein ungarische Gebiete ohne Volksabstimmung zugeschlagen wurden. Gleichzeitig trat der Vertrag zum Schutz der Minderheiten in Kraft. Die neu gegründete "Tschechoslowakei" wurde damit wiederum ein Vielvölkerstaat, dem die folgenden Volksgruppen angehört haben:

Tschechen 7,4 Millionen 49,66 %   -   Deutsche 3,5 Millionen 23,49 %    -   Slowaken 2,3 Millionen 15,44 %     -   Magyaren 0,7 Millionen 4,69 %   -    Karpato-Ukrainer 0,5 Millionen 3,36 %   -   Polen, Rumänen und   weitere Minderheiten 0,5 Millionen 3,36 %   Gesamt 14,9 Millionen 100,00 %

Obwohl die Tschechen bei der Friedenskonferenz versprochen hatten, den neuen Staat als "eine Schweiz" einzurichten, begünstigte die zentralistische Verfassung von 1920 die Tschechen. Die Währungs-, Wirtschafts- und Handelspolitik der Tschechoslowakei bevorzugte dann auch planmäßig die tschechischen Gebiete und behandelte nicht nur die deutschsprachigen, sondern auch die slowakischen Bezirke wie Kolonialgebiete. Die für die Karpato-Ukraine festgelegten Autonomieregelungen wurden nicht praktiziert. Selbst die slowakischen Autonomieforderungen wurden nicht befriedigt. Mit einer Reihe von Tschechisierungsmaßnahmen sollten ab 1919 die geschlossenen deutschen Sprachgebiete durch die Ansiedlung tschechischer Bürger entnationalisiert und damit auf längere Sicht zerstört werden. Eine der ersten Maßnahme war die Verdrängung der Deutschen von den Arbeitsplätzen des öffentlichen Dienstes. Unter dem Vorwand von Sprachprüfungen, bei denen z.B. bei einfachen Arbeitern nicht nur die Beherrschung der tschechischen Umgangssprache, sondern auch tschechische Literaturkenntnisse und komplizierte Fragen der Grammatik geprüft wurde, entfernte man im Laufe weniger Jahre Zehntausende deutsche Angestellte und Arbeiter aus dem Dienst bei der Bahn, der Post und bei den staatlichen Monopolen (z.B. Tabakfabriken). Die Wirtschaftspolitik förderte planmäßig die tschechischen Gebiete und begünstigte besonders tschechische Unternehmen, die sich in deutschen Siedlungsgebieten niedergelassen haben. Die Auswirkungen zeigten sich dann in den dreißiger Jahren, als von den 600 bis 700.000 Arbeitslosen der Tschechoslowakei allein drei Viertel Deutsche waren, obwohl ihr Anteil nur knapp ein Viertel der Gesamtbevölkerung betragen hatte. Die wachsenden Verelendung weiter deutscher Siedlungsgebiete führte fast zwangsläufig zu einer Radikalisierung der Sudetendeutschen. Aufgrund der bäuerlichen Struktur waren die Dörfer der Wischauer Sprachinsel jedoch in einer relativ günstigen Lage. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler ernannt. Die schnelle Beseitigung der Arbeitslosigkeit im deutschen Reich wirkte sich alsbald bei den von Krisen heimgesuchten Sudetendeutschen dann als stärkstes Werbemittel für die Nationalsozialisten aus. Die "Sudetendeutsche Partei" unter Henlein geriet nunmehr total unter den Einfluss der radikalen nationalsozialistischen Kräfte.

Neben den tschechischen Unternehmen, die der Staat in den deutschen Siedlungsgebieten besonders gefördert hat, wurden planmäßig auch tschechische Bürger angesiedelt, die dann von diesen Unternehmen bevorzugt als Angestellte und Arbeiter eingestellt worden sind. Von derartigen Tschechisierungsmaßnahmen waren auch die Dörfer der Wischauer Sprachinsel betroffen: In Kutscherau wurden ein tschechisches Weisenhaus und Häuser für etwa 100 tschechische Bürger errichtet. In Gundrum wurden die vorhandenen Bauplätze an tschechische Bürger vergeben. In Hobitschau wurde der in Privatbesitz befindliche Meierhof durch eine Landreform an tschechische Bürger aufgeteilt. Eine weitere Tschechisierungsmaßnahme war die planmäßige Dezimierung das deutschen Schulwesen durch Maßnahmen der Gesetzgebung und der Regierung. Im Laufe von nur 5 Jahren wurden mehr als 4000 deutsche Schulklassen geschlossen. So wurde z.B. 1919 die deutsche Bürgerschule von Wischau aufgehoben, die als "Mittelschule" auch von Kindern der acht Sprachinseldörfern besucht wurde. Da der Besuch der Bürgerschule auch die Voraussetzung für den Besuch einer Oberschule war, waren die Sprachinseldörfer gezwungen in Gemeinschaftsleistung eine eigene Schule in Lissowitz zu bauen, für die auch alle Sachkosten aufzukommen waren. Eine weitere Voraussetzung für die Errichtung dieser Schule war eine Mindestklassenstärke von 30 Schülern. Bei Unterschreitung der geforderten Schülerzahl wurde die Schließung der Schule angedroht. Hand in Hand mit der Bedrängung des deutschen Schulwesens ging der Ausbau eines kostspieligen tschechischen Schulwesens, wobei die tschechischen Schüler aufwendig gefördert wurden. So wurde z.B. in Kutscherau für nur 100 tschechische Bürger auch eine tschechische Bürgerschule eingerichtet. Per Dekret wurden zur Auslastung der Schule tschechische Kinder der umliegenden Ortschaften gezwungen, die neue Bürgerschule zu besuchen – eine Lösung, die von beiden Seiten missvergnügt aufgenommen wurde. Die Einrichtung von zumeist tschechischen Minderheitsschulen aufgrund eines eigenen Gesetzes war ebenfalls ein Teil der systematisch betriebenen Tschechisierungspolitik. Damit wurde das Wesen des völkerrechtlich verbindlichen Minderheitenschutzes zumeist in das genaue Gegenteil verkehrt. Von den etwa 1400 Minderheitsschulen waren mindestens 90 Prozent tschechische Schulen. Sie dienten aber meistens nicht, eine vorhandenen tschechischen Minderheit zu schützen, sondern haben oftmals erst eine Minderheit geschaffen. Ein tschechischer Lehrer wurde z.B. in ein deutschsprachiges Gebiet an eine neue tschechische Schule versetzt; seine Kinder waren dann oftmals zunächst die einzigen Schüler.

Abschließend will ich hier noch auf weitere Tschechisierungsmaßnahmen in den Dörfern der Wischauer Sprachinsel hinweisen, die das Verhältnis der Deutschen zu den Tschechen belastet haben. So wurde zum Beispiel die Schule in Tereschau geschlossen, während in Gundrum eine tschechische Schule gegründet wurde. Es gab aber auch viele "kleinere" Maßnahmen, die ggf. durch einen gewissen "Übereifer" einzelner Beamten durchgeführt wurden. So wurden in Gundrum die deutschen Aufschriften an Häusern übertüncht. Selbst deutsche Vornamen wurden tschechisiert; meine Eltern wurden bei der Hofübergabe als "Jan" für "Johann" und "Kristina" für "Christine" im Grundbuch eingetragen.

Quellenhinweise:  Emil Franzel: Sudetendeutsche Geschichte,   Das Große Bertelsmann Lexikon 2001,    Elisabeth Plank: Bilder aus der Wischauer Sprachinsel,   Wischauer Heimatbote

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Die Geschichte der ehemaligen deutschen Sprachinsel bei Wischau

Nach dem Zusammenbruch des weströmischen Reiches ist um 500 nach Christi im Gebiet zwischen Regensburg und München durch die Verschmelzung verschiedener germanischer Gruppen mit der verbliebenen romanischen Bevölkerung der bajuwarische (bairische) Volksstamm entstanden. Aufgrund der jugendlichen Kraft begann das neue Volk alsbald das Siedlungsgebiet auszuweiten. Noch vor Ende des 6. Jahrhunderts stiegen bairische Siedler über die Alpenkette und gewannen bereits um 650 die Rebhänge um Bozen und Meran. Nach einer Serie von Klostergründungen begann unter dem Herzog Tassilo III (757 - 788) die Besiedlung im Osten. Überall gingen Rodung und Siedlungswerk mit der Ausbreitung des Christentums Hand in Hand. Unter der Herrschaft der Babenberger drängten die Siedler über das Tullner Feld hinaus bis zur March und Leitha, sowie über die Alpen nach Kärnten bis zur Muhr und Raab. In einer Urkunde von 996 fällt dann zum erstenmal der Name "Ostarichi" (Österreich). Die ersten bairischen Siedler dürften spätestens im 12. Jahrhundert in die Gegend um Wischau gekommen sein. Die erste Katastrophe ereignete sich bereits 1241, als Großkhan Batu (ein Enkel von Dschingis Khan) bei seinem wochenlangen Durchzug die Gegend um Wischau heimsuchte. Danach sind wegen der Entvölkerung vieler Dörfer weitere bairische Siedler in das Land gekommen. Die schwarze Pest von 1348 hat dann die Bevölkerung erneut dezimiert. An der Wiederbesiedelung waren neben dem Bischof von Olmütz vor allem Klöster beteiligt. Die neuen Siedler kamen nunmehr nicht nur aus Altbaiern, sondern auch aus Franken und vor allem aus Schlesien. Zwischen Brünn und der Umgebung von Wischau bildete sich ein relativ geschlossenes Sprachgebiet. Als der tschechische Reformator Jan Hus trotz Zusicherung freien Geleits 1415 vor den Toren Konstanz verbrannt wurde, löste die Todesnachricht einen Vernichtungsfeldzug gegen die Deutschen aus. Das Land um Wischau wurde in den Jahren 1422/23, 1428 und 1433 heimgesucht, weil es von Deutschen besiedelt war, zu Klöstern gehörte und katholisch geblieben ist. Da zum Teil ganze Dörfer ausradiert wurden, sind bereits damals die ersten Sprachbrücken zusammengebrochen. Von der Reformation eigentlich nicht betroffen wurde das Gebiet um Wischau, während des 30jährigen Krieges (1618 - 1648) dennoch mehrmals heimgesucht. Den Bauern wurde Vieh und Getreide entwendet, daß viele Menschen verhungerten oder an Seuchen starben. Durch die Dezimierung bzw. völligen Ausrottung vieler Ortschaften setzte sich das Auseinanderdriften der Sprachgebiete fort. Mit Friedrich II, der später der Große genannt wird, begann der Kampf Preußens gegen Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland. Friedrich II erzwang nach zwei Kriegen die Herausgabe der wirtschaftlich wichtigsten schlesischen Gebiete. Durch die Teilung Schlesiens entstand in den Ländern der böhmischen Krone eine tschechische Mehrheit. In der nunmehrigen Überzahl der Tschechen lag bereits der Keim kommender Verhängnisse. Den Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland konnte dann Preußen 1866 bei Königsgrätz aufgrund technischer Überlegenheit (Zündnadelgewehr) für sich entscheiden. Österreich mußte aus dem Deutschen Bund ausscheiden un die Führungsrolle Preußens in Deutschland anerkennen. Das führte zu einer weiteren Schwächung der deutschen Volksgruppen in Böhmen und Mähren. Die deutschen Dörfer nahe Wischau waren verstärkt auf dem Rückzug und bildeten nunmehr endgültig die nach ihr benannte Sprachinsel.

Von den einst 60 Dörfern verblieben letztlich nur noch acht kleine Ortschaften mit ca. 3500 Einwohnern. Die Menschen haben sich daher im Laufe der Jahrhunderte zur Wahrung ihrer Identität immer mehr gegenüber der tschechischen Bevölkerung abgeschirmt. Die Wischauer Sprachinsel entwickelte sich zu einer geschlossenen Gesellschaft, die dazu geführt hat, daß andere Menschen sofort als Fremde zu erkennen waren. Ein Fremder hatte es somit sehr schwer, zurechtzukommen. Er mußte, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, sich völlig integrieren. Das betraf insbesondere den altbairischen Dialekt, die Kleidung, die Sitten und Bräuche, sowie die Beachtung der ungeschriebenen Regeln.

Sprache Der Dialekt der Bewohner hat aufgrund der Insellage die Hauptmerkmale der bairischen Sprache des 11. - 13. Jahrhunderts erhalten. Es werden daher unter anderem noch ein "B" für das "W" und ein "P" für das "B" gesprochen. Der Dialekt wurde von allen Bewohnern als Umgangssprache benutzt; schriftdeutsch wurde nur in Schule und Kirche gesprochen.

Sitten und Bräuche Im Laufe von Jahrhunderten haben sich viele weltliche und kirchlich beeinflußte Sitten, Bräuche und Rituale für den gesamten Jahreskreis entwickelt, die von den stets katholisch gebliebenen Bewohnern bis zum Schluß gepflegt wurden.

Regeln für das Zusammenleben Im Laufe der Zeit haben die Bewohner ein Netz fester ungeschriebener Regeln aufgebaut, die das gesamte Leben in den Dörfern - praktisch von der Wiege bis zum Grabe - bestimmt haben. Die Menschen fühlten sich den alten Traditionen verpflichtet, sie waren aber durchaus bereit, Neuerungen anzunehmen. Eine wichtige Zäsur für das Leben in der Sprachinsel brachte dann das Ende des 1. Weltkriegs, als unter Ausschluß der Deutschen ein tschechoslowakischer Nationalstaat gegründet wurde. Dazu kamen alsbald staatlich gelenkte systematisch betriebene Tschechisierungsmaßnahmen, die die Sprachinsel in ihrem Bestand bedroht haben. Die deutsche und die tschechische Bevölkerung hat in der Umgebung von Wischau Jahrhunderte lang friedlich nebeneinander gelebt. Um so unverständlicher und schrecklicher war es für die Bewohner der Sprachinsel, als sie sofort nach dem Ende des 2. Weltkriegs im Gefolge der russischen Soldaten von Tschechen von Haus und Hof vertrieben, in umliegende tschechische Dörfer evakuiert oder in das KZ nach Wischau gebracht wurden. Auch mußten sie - wie vorher die Juden im "100jährigen Reich" einen Stern, an der Kleidung ein "N" tragen, womit sie als Deutsche sofort zu erkennen waren. Die endgültige Vertreibung erfolgte dann 1946 - nach Absegnung durch die Potzdamer Konferenz - ohne Gesetz nur aufgrund des sogenannten "Benes-Dekrets" als "Überführung in ordnungsgemäßer und humaner Weise". Die deutschen Bewohner erhielten neue Tauf- und Geburtsscheine auf tschechischem Formular, die mit folgenden Stempelaufdruck versehen wurden: "Trvale evakuov« n z Republiky  Ceskoslovenske" (Dauernd evakuiert aus der Tschechoslowakischen Republik). Dann wurden sie unter Mitnahme von ein paar Habseligkeiten zum Bahnhof gebracht und per Viehwaggons in die Gegend von Dingolfing, Schrobenhausen, Aalen, Stuttgart und Karlsruhe transportiert. Für die Tschechen, die Gewalttaten und Verbrechen vor allem an den Deutschen, aber auch an Ungarn und an eigenen Landsleuten verübt hatten, erging 1946 eine Generalamnestie.

Mit der Vertreibung der Deutschen ist eine Jahrhunderte lange Tradition einer reichen bäuerlichen Kultur zu Ende gegangen. Die Wischauer Sprachinsel wurde damit für immer ausgelöscht.

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