Brauchtum

Sitten und Bräuche aus der Wischauer Sprachinsel

Im Gegensatz zu dem eintönigen Leben des Durchschnittsstädters, das eigentlich nur von den sogenannten "programmäßigen Vergnügungen" unterbrochen wurde, war das Leben der Sprachinselbewohner umrankt von einem immergrünen Reigen altehrwürdigen Brauchtums, welches das harte, sorgenvolle Leben in sinniger Weise erhob  und verschönte. Eine schier überreiche Fülle von Bräuchen, genau abgestimmt auf die einzelnen Geschlechter und Altersstufen, überwölbte das Leben im Jahreskreis gleich einer weitgespannten Brücke von der zartesten Kindheit bis zu seinem Erlöschen.

Einträge ab 2005

Arbeit und Leben in der früheren Wischauer Sprachinsel

Erinnerungen an eine Zeit in der man das Getreide schon mit der Dreschmaschine gedroschen hat.

Schlachtfest in Lissowitz

Zuckerrübenanbau

Osterbrauch der Kinder zwischen 5 und 10 Jahren in Tschechen

Saatenreiten

Das Saatensprengen

Der Nachtwächter

Grossmutters Hausgans

Eine Dorfstraße als kleine Lebensader

Der 1. Mai - Von Hexen und bösen Geistern

Rebhuhnjagd

Frauenarbeit

Die Getreidegrube, eine Erinnerung aus meiner Kindheit

Winterfreuden in Gundrum

 

Arbeit und Leben in der früheren Wischauer Sprachinsel

Jänner Am Neujahrstag gingen die Kinder zu den nahen Verwandten um zum Neuen Jahr Glück zu wünschen. Als Dank erhielten sie ein Fünf- oder Zehnkronenstück, wofür Sie sehr dankbar waren. Die Landschaft war fast immer tief verschneit. Es war kalt und die Bäche und Teiche waren mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Es war die Zeit in der die Eiskeller mit Eis wieder aufgefüllt wurden. Kühlschränke und Gefriertruhen gab es noch nicht. Die Arbeit beschränkte sich zumeist nur auf das Versorgen der Tiere und das Melken der Kühe. An den Nachmittagen hielt man sich gerne auf der Ofenbank auf und ließ sich den Rücken von den Kacheln aufwärmen. Auch von den Kindern wenn Sie ausgefroren vom Schlitten- oder Schlittschuh fahren nach Hause kamen, war die wohlige Stelle am Kachelofen sehr begehrt.
Für die Bürgerschulkinder war es eine harte Zeit bei hohem Schnee und Kälte zu Fuß nach Lissowitz zu gelangen. Manchmal holte sie ein Bauer mit den Pferdeschlitten ab. Das Niederwild hatte es auch nicht leicht unter der Schneedecke Futter zu finden. Die Jäger bzw. Jagdgesellschaften, banden an den Baumständen Bündel Klee oder Heu für die Wildhasen fest und für die Rebhühner errichteten Sie Schutzhütten mit Körnerfutter. Die Feldhasen kamen bis an die Dorfränder, um fressbares zu finden um zu überleben. Man sah es an den Spuren, die Sie im Schnee hinterließen. Bei Schneeverwehungen wurde die Bevölkerung von Amtswegen aufgerufen um die Straßen frei zu schaufeln.

Feber Im Februar war es zu Hause zumeist noch immer kalt und die Landschaft und Dörfer waren zugeschneit. Wie mit einem Leichentuch zugedeckt. Im Winter des Jahres 1928/29 sank das Thermometer fast auf – 30 Grad. Das hatte zur Folge, dass viele Wasserpumpen einfroren und Obstbäume erfroren. In unserem Garten erfroren zwei große Nussbäume. Man wusste sich zu helfen indem man die Äste bis fast an den Stamm absägte. Die Bäume schlugen im Frühjahr wieder aus und gediehen. Die größeren und mittleren Bauern schlachteten zur Versorgung der Familie und der Dienstboten noch einmal ein fettes Schwein. Der Speck wurde gewürfelt und in großen Töpfen ausgelassen auf dem Sparherd. Die Grieben Krampl wurden gemahlen zu Kramplschmalz. Es war ein sehr begehrter Brotaufstrich im Frühjahr zur Feldarbeit.
Das Schweinefleisch wurde eingesalzen, alos gepökelt, und in einem Holzbottich eingelegt. Um es bis in den Sommer hinein haltbar zu machen wurde es dann im Rauchfang oder Selchofen geräuchert. Dazu wurde nur Buchenholz verwendet.
In den Februar fiel auch die Zeit der großen Bälle in unseren Dörfern. Höhepunkte waren die Bälle des Musikvereins und der Feuerwehrball, dazu spielten die Musiker der örtlichen Musikvereine. Faschin wurde an zwei Tagen gefeiert. Maskiert hatte man sich wenig, denn zum Tanz trug man ja die schöne Sonntagstracht.
Eine Woche nach Fasching war der Fleischsonntag. Da trafen sich die Mädchen und Burschen in einem Wirtshaus und kochten das von den Bauern geschenkt bekommene Rauchfleisch zum Schmaus ab. Getanzt wurde aber  nicht mehr.
Im Februar kamen auch zumeist die jungen Fohlen zur Welt.

März Im Monat März, wenn der letzte Schnee weg geschmolzen war und die Ackerkrume zu trocknen begann, begann die Arbeit auf den Feldern. Während Korn und Weizen schon im Herbst eingesät worden sind, säte man Gerste und Hafer erst jetzt mit der Sähmaschine ein. Der über den ganzen Winter sich angesammelte Stallmist konnte nun auf die Äcker gefahren und eingeackert werden. Alljährlich im Frühjahr wurden unsere Häuser und Stallungen von den Frauen und Mädchen mit Kalkweiß gestrichen. Dagegen die Sockel schwarz mit Ruß. Unsere Dörfer sahen dann frisch und blitz-blank sauber aus. Auch die Stämme der Obstbäume wurden gegen Schädlinge weiß mit Kalk gestrichen. Strohdächer wurden, sofern noch welche vorhanden waren, die über den Winter Schaden genommen hatten, von Fachleuten mit dem langen Kornstroh ausgebessert. Das waren Tschechen, denn im Dorf konnte es niemand. Jetzt holte man mit Fuhrwerken aus den großen Wäldern bei Ratschitz
-Racice- oder Ruprecht –Ruprechtov- Brennholz für den Jahresbedarf. Das in den kleinen Wäldern der Sprachinseldörfer anfallende Holz konnte den Bedarf nicht decken. Zusätzlich verwendete man zum Heizen und Kochen auch Steinkohle. Diese wurden in Mährisch Ostrau und in den Rossitz Segen Gottes bei Brünn gefördert. Die von Ostrau hatte eine weit höhere Heizkraft. Der Vorrat an Futterrüben ging zu Ende und es mussten nun die aus Erdgruben herausgeholt werden. Ebenso war es mit den Kartoffeln. Die in den feuchten kühlen Gruben eingelagerten Erdfrüchte waren frisch und ohne Verlust von Feuchtigkeit.
Bei den Pferden wurden die Hufeisen vom Schmied abgenommen und durch Sommerhufeisen ersetzt. Die spitzen Eisenstollen hatten nun ausgedient.

April Auf den Wiesen mussten die Maulwurfshügel geebnet werden und in den Gemüsegärten wurde die Erde gelockert, gerecht und fein gekrümelt zur Aufnahme des Samens und der jungen Pflänzchen. Aus den Jauchgruben wurde mit Handpumpen die Jauche in spezielle Holzfässer gepumpt und zur Düngung auf den Wiesen ausgebracht. Die Kartoffeln, die man nur für den Eigenbedarf pflanzte, wurden in den nun schon warmen Boden eingelegt.
Überall rührte sich Leben auf den Höfen. Die Kücken und die kleinen Gänschen schlüpften aus den Eiern und die Schwalben kehrten aus der Ferne zurück, sowie auch die Wachteln, denn an Nahrung fehlte es jetzt für sie nicht. Auch auf den Feldern und Wiesen schlüpften jetzt die jungen Rebhühner oder Fasanen.
Ostern fiel zu meist in den Monat April. Am Karfreitag wurden die Glocken abgestellt. Man ging zur Trauermette in die Kirche und gedachte der Leiden Jesus Christus. Das Herrgottküssen war angesagt in der Kirche. Dazu waren zwei Kreuze ausgelegt. Betend kniete man davor und küsste die fünf Wunden des Heilands. Als Kind war man dabei sehr aufgeregt und küsste ehrfurchtsvoll die Wunden. Zu Ostern wurden auch das Feuer und Wasser geweiht. Die Palmkätzchen schon am Palm-Sonntag. Am Karsamstag wurde die Auferstehung Christi feierlich in der Kirche gefeiert. Dabei ging die Gemeinde in Prozessionsform dreimal um die Kirche herum. Man war sehr gerührt. Am Ostermontag versammelten sich die Burschen hoch zu Ross zum Saatreiten vor der Kirche. Der Pfarrer erteilte ihnen den Segen und überreichte den ältesten Burschen ein großes Kreuz. Damit Ritt er an der Spitze des Zuges die Gemarkung ab. Man erbat eine gute Ernte und Schutz vor Unwetter, Blitz und Hagel.
Zu Ostern wurden rot gefärbte Eier mit einem Gerät ornamentartig kunstvoll verziert. Zumeist um sie zu verschenken. Die Mütter buken in der Gugelhupfform Osterkuchen – Osterbuchta – die besonders gut schmeckten und sehr lange haltbar waren.
Am Abend des letzten Tages im April brachen zumeist die Kinder junge Holunderzweige ab und stellte diese an den Fensterwinkel außen zum Schutz vor Hexen, obwohl man nicht mehr an Hexerei glaubte.

Mai Morgens wurden die Holunderzweige, die vor Hexen schützen sollten, von den Fenstern weggeräumt. Es waren keine Hexen gekommen.
Der Monat Mai war ausschlaggebend für das Wachstum und Gedeihen der Feldfrüchte. Das altbekannte Sprichwort: Ist der Mai kühl und naß, füllt der Bauer Scheune und Fass, hatte auch damals seine Gültigkeit. So wuchs und blühte es in den Gärten und auf den Feldern. Auch auf den kilometerlangen Kirschbäumen war eine Blütenpracht. Als letzte Feldfrucht wurde der Kukuruz gepflanzt –Mais- denn er war besonders frostempfindlich und die Eisheiligen konnten ja noch kommen.
Der 1. Mai war in der damaligen neu gegründeten Tschechoslowakei seit 1918 ein gesetzlicher Feiertag. Weil wir Deutschen uns aber mit diesem Staat noch nicht identifiziert hatten, hielten wir uns an dieses Gebot nicht und arbeiteten ostentativ auf unseren Äckern. Es konnte dann vorkommen, dass ein tschechischer Gendarm aus Hobitschau den verantwortlichen Bauern mit einer Geldbuse bestrafte. In der Nacht zum 1. Mai stellten die Burschen zumeist in der Dorfmitte über Nacht eine geschmückten Maibaum auf. Für die Kinder erschien das wie ein kleines Wunder. Über Nacht solch ein hoher Maibaum. Wie war das möglich?
An den Abenden flogen immer sehr viele Maikäfer. Sie waren sehr gefräßig und setzten sich auch in die Obstbäume. Morgen noch bevor ich in die Schule ging, begab ich mich in unseren Garten, um Maikäfer zu schütteln. Das merkte unser Hahn und folgte mir in den Garten mit seiner Hühnerschar. Die Maikäfer fielen wie reife Früchte von den Bäumen und für die Hühnerschar war das ein gefundenes Fressen. Ob es sich auf die Qualität der Eier auswirkte?
In den Abendstunden flogen sehr viele Fledermäuse hakenschlagend in der Luft und fingen so ihre Nahrung. Als Buben hatte man Zeit es zu beobachten.
Maiandacht war auch angesagt. Ich glaube auch an den Werktagen. Zumeist gingen dann nur alte Leute und Kinder in die Kirche. Die anderen waren noch mit der Versorgung der Tiere beschäftigt. Oft nahm man einen Fliederstrauß mit in die Kirche, das duftete so schön.
In bestimmten Abständen fanden drei Bittgottesdienste statt. Die Prozession ging von der Kirche aus in verschiedene Richtungen hinaus in die Fluren. An Feldkreuzen wurden Andachten gehalten mit der Bitte um eine gute Ernte. Gott schütze uns vor Blitz, Hagel, Unwetter und alles was die Ernte beschädigt.
Im Mai wurden die Burschen eines bestimmten Jahrganges in Wischau gemustert. Man sagte assentiert. Mit einem geschmückten Wagen brachte ein Bauer die Burschen zur Assentierung und wieder in das heimatliche Dorf nach Hause. Die tauglich befundenen hatten rund um den Hut einen bunten Sträußel. Die nichttauglichen trugen keinen Kopfschmuck. Auf den Wagen stehend und singend fuhren die schon angeheiterten Rekruten durchs Heimatdorf. Jedes Jahr gab es auch einen Rekrutenball. Die Rekruten wurden einzeln von zu Hause mit Musik abgeholt und zum Tanzboden geleitet. Mit Beginn des 2. Weltkrieges war es bei der Musterung still geworden. Man zog etwas bedrückt in heimatliche Gefilde.

Juni Im Juni war es schön warm und es war noch an der Zeit mit der Heuernte zu beginnen. Am Tag zuvor wurden noch am Abend die Sensen gedengelt auf einem Dengelstock. Am nächsten Tag ging es dann in aller Frühe hinaus auf die Wiesen, denn im Tau mähte es sich leichter. Das Gras wurde gemäht, zerstreut zum Trocknen. Am nächsten Tag gewendet und zu Heuschobern aufgesetzt. Am dritten Tag wieder zerstreut und nach Hause gefahren. Das gleiche geschah auch mit dem Klee. Das waren der Rotklee, wir sagten der Steierische, die Esparsette und die Luzerne. Letzterer war der ertragreichste weil er dreimal gemäht werden konnte mit der Mähmaschine. Zum Füttern der Kühe und Pferde wurde jeden Tag Grünfutter heimgeholt. Zur Heu- und Kleernte brauchte man Tagwerkerinnen.
Fronleichnam war ein hohes katholisches Fest – der Leib des Herren -. An vier bestimmten Hoftoren wurden reich geschmückte Altäre aufgestellt. Von der Kirche aus ging die Gemeinde in Prozession zu diesen Altären. Am Tag zuvor wurde auf einer bestimmten, blumenreichen Wiese gemäht und damit der Weg der Prozession sozusagen geschmückt. Der Geistliche schritt unter einem Baldachin mit der Monstranz und Hostie an der Spitze des Zuges zu den Altären und heilt Andachten. Dieses hohe kirchliche Fest war sehr beeindruckend und hat mich im Glauben befestigt. Inzwischen waren an den Straßenrändern nach Hobitschau und Kutscherau die Kirschen reif an denen man sich als Kinder unerlaubt gütlich tat. In dieser warmen Jahreszeit wuchs alles sehr schnell. Das Getreide hatte schon Ähren und die Hackfrüchte wie Kartoffel, Zucker- und Futterrüben und Mais wurden noch einmal, bevor die richtige Ernte begann, durchgehackt, kultiviert sowie vom Unkraut befreit. Nun ließ man es mit der Arbeit etwas ruhiger angehen, beobachtete das Reifen des Getreides und wartete auf die Getreideernte, den Schnitt im kommenden Monat. Trotz der vielen Arbeit wurde in Kutscherau, so sagte man mir, wurde Peter und Paul gefeiert. Es war der letzte Tanz vor der Erntezeit.

Juli Am 1. Juli begannen für alle Schüler gleichzeitig die langersehnten Ferien, die erst am 31. August endeten. Spielgeräte für Kinder gab es nur wenige. Das waren Klicker, Kügelchen aus Ton, Holzreifen den man mit einem Stäbchen anschob und Stoff- oder auch Gummibälle. Die Kinder aber waren sehr erfinderisch. Heute würde man sagen kreativ. Sie ließen sich immer etwas einfallen. Das konnten spontane Spiele in einer Scheune, Dachboden, Straße oder im Dorfbach bzw. Teich sein. Anleitungen von den Erwachsenen benötigten sie nicht. Dazu hätten die vor lauter Arbeit in dieser Jahreszeit keine Zeit gehabt.
So etwa zwischen dem 17. bis 20. Juli begann die Getreideernte, wir sagten der Schnitt. Zuerst wurde die Gerste, dann der Weizen, Korn und zuletzt der Hafer mit der Mähmaschine gemäht. Dann mit Strohbändern zu Bündeln gebunden und sodann zu Häufel oder Mandl aufgestellt. Während das lange Korn noch in der Scheune mit Dreschflegeln gedroschen worden ist, drosch man das übrige Getreide mit der Dreschmaschine.
In Rosternitz wurde noch immer ein alter Brauch gepflegt wegen einer Feuersbrunst. Am 9. Juli 1784 schlug ein Blitz in einem Baum ein. Im Haus Nr. 19 griff das Feuer auf eine Scheune über. Der Brand weitete sich aus und vernichtete die Häuser Nr. 15, 16, 17, 18, 20 und 21. Feuerwehr gab es damals noch keine. Nur mit Eimern konnte man da gegen das Feuer nicht viel ausrichten. An diesem Tag wurde kein warmes zubereitet. Worauf man zum Gedenken gerne verzichtete. Dieses Versprechen hielt man bis zum Ende der Wischauer Sprachinsel im Jahre 1946.
Am Fest Maria Heimsuchung machten die Sprachinsler eine Wallfahrt nach Kiritein am 2. Juli. Der Weg ging über Lultsch, Nemojan, Raschütz. Man blieb über Nacht und schlief in einem Saal auf dem Boden mit Strohsäcken. Morgentoilette an einem Brunnen im Hof. Kiritein hat eine wunderschöne Wallfahrtskriche, genannt auch der mährische Dom. So wie in Rosternitz begingen auch die Kutscherauer einen Tag an dem kein Feuer angemacht worden ist zum Gedenken an eine Feuersbrunst. Man nannte den Tag den Milchtag und es gab nur kaltes Essen.

August Die Getreideernte dauerte bis in die Mitte des Monats. Alle zur Verfügung stehenden Kräfte waren dabei beteiligt, auch die größeren Kinder teilweise. Wenn alles unter Dach und Fach war, war man froh. Die Bäuerin lud alle beteiligten am Schluss zu einem großen Festessen, in meinem Heimatdorf sagte man DRISCHHOU, ein. Die Hauptspeise bestand aus Fleischgericht. Nachher gab es Flecken und zum Kaffee Zuckerbuchta. Das gute Wischauer Bier durfte dabei nicht fehlen. Bei der Ernte auf dem Feld mussten die größeren Kinder Pantl aufbreiten. Das waren Strohbänder. Oder mit einem breiten Eisenrechen die Ähren und Stengel aufbrechen, damit auch nicht ein Halm verloren ging. Urlaub kannte man damals auf dem Lande noch nicht. Auch nicht beim Dienstpersonal. Dagegen in der Stadt Brünn war das anders. Mein Onkel Edwin mit seiner Frau bekamen schon Urlaub, man nannte es Sommerfrische. Sie schrieben uns dann zumeist aus Österreich Kartengrüße. Die Kinder badeten in der warmen Jahreszeit zumeist im eigenen Dorf im angestauten Bach oder Teichen. Bei den Erwachsenen war zu meiner Zeit das Baden verpönt. Das gehörte sich nicht. Das auf den Feldern herangewachsene Wild, das waren Rebhühner, Fasanen, Wachtel und Feldhasen, hielt sich jetzt gerne in den Schattenspendenden Rüben, Kartoffel oder Maisfeldern auf.
Als Buben gingen wir manchmal, ich erinnere mich gut daran, nach Pistovice um in dem dortigen Teich zu baden. Das Wasser, so meinten wir, trug uns leichter als im Rosternitzer Dorfbach. Auf dem Grund des Teiches große Muscheln, die wir herausholten aber dann wieder hineinwarfen.

September Am 1. September begann für die Kinder wieder die Schule. Mit den großen Ferien und der großen Freiheit war es nun vorbei. Auf den Wiesen war das Gras wieder gewachsen, sodass es noch einmal gemäht werden konnte, getrocknet und auf dem Heuboden aufbewahrt worden ist. Wir nannten es Grumet – in der Umgangssprache Gruamat. Es wurde ausschließlich den Pferden vorgesetzt. Auf den elektrischen Leitungen begannen sich die Schwalben für den Abflug nach Süden zu sammeln. Sie waren so zahlreich, dass sich die Drähte durchbogen, und flogen immer wieder auf und schwärmten als Übung für den weiteren Flug. Einmal war eine Schwalbe dabei, die war ganz weiß und ich beobachtete sie als Bub sehr aufmerksam. Sie flog zwar mit den anderen Schwalben fort, kam aber nicht mehr von Afrika in unser Dorf zurück, obwohl sie sich für den Flug gut vorbereitet hatte. Das machte mich traurig. Ob sie vielleicht ein Opfer der Vogelfänger wurde, damals. Maria Geburt fliegen die Schwalben fort. Die Bauern bereiteten nun die Felder für das Wintergetreide vor. Ende des Monats wurde dann das Korn und Weizen eingesät mit der Maschine, nicht mehr mit der Hand. Es galt der Spruch Maria Geburt Bauer sah furt. Mit der Zeit wurde auch das Kraut der Kartoffeln dürr, also braun. Das war ein Zeichen, dass die Kartoffeln reif und ausgewachsen waren. Jetzt wurden wieder alle Hände gebraucht, denn früher hackte man noch mit der Haue Häufchen heraus. Fürwahr eine schwere körperliche Arbeit. Die Kartoffeln wurden ausgelesen in Größe, mittlere und kleinere und in Kartoffelsäcke gefüllt. Der Kartoffelroder, der von zwei Pferden gezogen worden ist, kam erst in den letzten Jahren vor der Vertreibung aus unserer Heimat. Er brachte eine große Erleichterung. Wenn der Kartoffelacker sehr weit von zu Hause weg war, nahm man das Mittagessen auf dem Felde ein. Gegen Abend kam der Bauer aufs Feld. Sack für Sack wurde aufgeladen und nach Hause gebracht. Manchmal setzte schon die Dämmerung ein. Zu Hause wurde ein Teil der Kartoffel in den Keller und der andere im Garten in eine Erdgruft über den Winter, der Frischehaltung wegen, gelegt. Den Taglöhnern wurde das Abendessen nach Hause gebracht. Ein einmaliges Erlebnis bot sich am Ende dieses Monates. Auf einer feuchten Wiese in Richtung Wischau machte ein halbes Dutzend Störche Rast und suchten Futter. Das gab es noch nie. Am nächsten Tag flogen sie wieder weiter. Wahrscheinlich in Richtung Süden. Es war und blieb ein unvergessliches Erlebnis. An Maria Geburt fanden von allen Sprachinseldörfern eine Wallfahrt nach Nemcan statt. Es war ein so genannter deutscher Tag. Ein einmaliges gemeinsames Erlebnis das alljährlich stattfand.

Oktober Bei schönem Wetter wurden die Kühe, Ziegen und Schweine noch immer vom Viehhirten auf die Weide getrieben. Die Tage wurden aber schon kürzer und auch etwas kühler. Auf den Äckern war noch die letzte Frucht zu ernten. Das waren die Zuckerrüben. Hierzu benötigte man wiederum viele Hände um sie möglichst bei trockenem Wetter zu den Sammelstellen oder direkt nach Wischau in die Zuckerfabrik zu bringen. Die Zuckerrübe, das weiße Gold der Wischauer Sprachinsel, brachte den Landwirten schöne Erträge. Der Anbau war jedoch kontingentiert. Bei Zuckerüberschuss, zur Fütterung an die Milchkühe. Auch die Futterrüben, - genannt Kuaruam – brachte man nun nach Hause in den Keller oder in Erdgruben.
Ein Teil des Spätkrautes wurde in Bottiche eingelegt, oder zum alsbaldigen Verzehr in den Keller gelegt. Mit dem Wachstum des Futters auf den Äckern war es jetzt vorbei. Die Tiere wurden von nun an von den angelegten Vorräten über den Herbst und Winter gefüttert.
An einem Sonntag im Oktober wurde früher der Kaiserkirchtag gefeiert. Da gab es, so sagte man mir, schon Gänsebraten mit Knödle und auch Kolatschen.

November Wenn alle Feldfrüchte geerntet waren, konnten die Äcker tiefgründig für den Winter über gepflügt werden. Auf dem großen Platz in unserer Kreisstadt Wischau war an den Samstagen jeweils Markt und man hatte ja auch jetzt Zeit um Einkäufe zu tätigen. Außer den Gebrauchsgegenständen wurden auch lebende Tiere wie Ferkel, Hühner, Tauben usw. angeboten.
Das Fest Allerheiligen wurde tiefsinnig begangen. Die Gräber auf den Friedhöfen mit Kunstblumen und Kerzen geschmückt. Nach Einbruch der Dunkelheit versammelte sich die ganze Gemeinde auf dem Friedhof und gedachte an den Gräbern stehend ihrer verstorbenen Angehörigen. Der Geistliche hielt eine Andacht, wobei auf allen Gräbern unzählige Kerzen brannten. Es war ein ergreifender und zugleich nachdenklicher Anblick.
Nach Anfang des Monates stand die Jagd, es waren Kreisjagden, bevor. Jagdpächter war zumeist ein ortsansässiger Jäger. Er bildete eine Jagdgemeinschaft. Als Jagdgäste lud man Jäger aus den Nachbardörfern und sogar aus der Brünner Sprachinsel sowie aus der Stadt Brünn ein.
An einem solchen Jagdtag habe ich am 6. November das Licht der Welt erblickt.
An Feldhasen mangelte es nicht, besonders in Kutscherau. Darauf sind sie heute noch stolz, die Kutscherauer. Abends lud der jeweilige Jagdpächter die Jäger und auch die Treiber in eine Gaststätte zum Hasenessen ein. Die Musik spielte manchmal dazu. Die erlegten Hasen wurden zumeist nach Brünn in die deutsche Zentralmolkerei zum Verkauf gebracht.
Als Bereicherung des Essens gab es jetzt schon ab und zu eine Ente, die damals noch gestopft worden waren.
Am 25. November ist der Namenstag der Hl. Katharina. Zu Ehren wurde der Kathreinball gefeiert. Es war Tanz bei dem die Mädchen die Burschen zum Tanz auffordern durften.

Dezember Im Dezember ließ man es auf den Bauernhöfen bezüglich der Arbeit ruhiger angehen. Es war alles für den Winter vorbereitet. Die Felder waren längst abgeerntet, genügend Futter für die vielen Tiere zu Hause unter Dach und Fach, die Wintersaat eingesät und die Felder umgeackert. In den Gärten band man um Frostschäden vorzubeugen Strohbündel um die Baumstämme der Obstbäume und um die eisernen Wasserpumpen. Die Pumpen aus Holz, das waren dicke Holzstämme, frohen nicht so leicht ein.
Die Hausfrauen und Mädchen hatten jetzt an den Nachmittagen, wenn die Arbeit im Hof und Stall getan war, genügend Zeit in der warmen Stube neue Trachtenstücke anzufertigen oder auszubessern. Die Männer suchten manchmal den Schmied oder Sattler auf, der neuesten Nachrichten wegen. Auch war es jetzt an der Zeit, die Pferdehufe neu zu beschlagen. Dazu mussten erst die Sommereisen entfernt werden und die Hufen mit Wintereisen beschlagen werden. Das waren Hufeisen in die man bei Glatteis vier Eisenstollen einschrauben konnte. Die Fußballer der heutigen Zeit haben das nachgemacht.
Für die Gänse ging jetzt die schöne Zeit die sie das Jahr über im Dorfbach, Teichen, Feldern und Wiesen zugebracht hatten dem Ende zu. Sie wurden der Reihe nach mit angekochtem oder aufgeweichtem Mais – Kukuruz – gestopft damit sie, des Schmalzes wegen recht fett wurden. Um das Einkommen aufzubessern wurde auch manche fette Gans verkauft.
Das beim Braten anfallende Gänseschmalz war en vorzüglicher Brotaufstrich. Es schmeckte und roch so gut nach Braten, gebräunten Zwiebeln, Kümmel und war sehr lange haltbar.
Vor Weihnachten ging der Viehhirte von Haus zu Haus und wurde von den Bauern mit Eiern, Mehl, Schmalz und auch Geld belohnt.
In dieser Zeit wurde fast in jedem Haus zur Selbstversorgung ein Schwein geschlachtet. Das Schlachten lernte man von den Vätern und auch die Verwertung des Fleisches und übertrug sich von Generation zu Generation. Für die bevorstehenden Weihnachtsfeiertage versorgt und auch genug Vorräte angeschafft sah man beruhigt der kommenden Zeit entgegen. Das angefallene Schmalz, die Schweine waren ja sehr fett, das musste in der damaligen Zeit so sein, wurde in Holztindeln in kühlen Räumen aufbewahrt. Öl oder Margarine verwendete man nicht zum kochen. Obwohl es schon die Marken LIGA und VITELLO als Brotaufstriche gab.
Für die Festtage wurde das Haus und die Stube geputzt und Zuckerwerk gebacken. Den Christbaum kauften wir in der Stadt auf dem Markt. Er wurde in der Stube aufgestellt und schön geschmückt. Am Heiligen Abend gab es kein großes Essen, eher bescheiden. Das Festessen fand erst am ersten Weihnachtsfeiertag statt im Kreise der Familie. Das waren Eltern, Kinder, Großeltern und die Dienstboten. Die Geschenke fanden die Kinder, das Christkind kam über Nacht, unter dem Christbaum. Meine Mutter ging am Hl. Abend mit einem großen Laib Brot und einem Messer in die Stallungen und gab jedem Tier ein Stück Brot als Dank.
Der Höhepunkt eines jeden Jahres war Weihnachten. An Silvester blieb man zu Hause. Jäger schossen manchmal mit dem Gewehr in die Luft zur Begrüßung des neuen Jahres.
Das sind meine noch vorhandenen Erinnerungen an die alte Heimat. An eine Zeit, die so jäh und für uns unvorbereitet durch die Willkür eines tschechischen Präsidenten mit der Vertreibung aus der seit Jahrhunderten angestammten Heimat endete, der einstigen Wischauer Sprachinsel in Mähren.
Bestimmt ist bei mir vieles nach Jahrzehnten in Vergessenheit geraten, denn meinen Heimatort habe ich im Jahre 1942 mit dem Einzug zum Kriegsdienst verlassen müssen, mit der Hoffnung einst wieder gesund nach Hause zur Familie in das vertraute Dorf, wo jeder jeden kannte, zurückzukehren, was sich jedoch als Trugschluss erwiesen hat. (Hannes Legner früher Rosternitz)

 

 

Erinnerungen an eine Zeit in der man das Getreide schon mit der Dreschmaschine gedroschen hat.

Unsere alte Heimat, die Wischauer Sprachinsel, lag am Rand der bekannt fruchtbaren Hannaebene. Es war ein hügeliges besonders von der Landwirtschaft geprägtes Agrarland. Das gewonnene ‚Getreide war weit mehr als für den Verbrauch für die Sprachinsler notwendig war. Die Einnahmen aus dem gewonnenen Früchteverkauf an die Lagerhäuser in Hobitschau oder Wischau führten zu einem bescheidenen Wohlstand der Bevölkerung der Sprachinsler. Der Haupterwerb der dort seit Jahrhunderten lebenden deutschen Bewohner rührte in der Hauptsache von der Viehzucht, Milchwirtschaft, Zuckerrüben und dem Anbau von Hackfrüchten sowie Getreide. Mir war es gegönnt in der deutschen Wischauer Sprachinsel meine Kinder und Jugendzeit bis zu meinem 18ten Lebensjahr zu verbringen. So denke ich auch noch nach vielen Jahrzehnten oft an diese schöne und vertraute Zeit, die ich dort verbracht habe. Dabei ist mir die Getreideernte, mundartlich Schnitt genannt, noch in guter Erinnerung. Die Getreideernte in den Monaten Juli und August war eine hohe Zeit in jener
Zeit. Es wurden alle zur Verfügung stehenden Kräfte gebraucht, um die Frucht möglichst schnell und trocken nach Hause zu bringen. Schon lange vorher beobachteten die Bauern die sich im Winde wehenden und wogenden Getreidefelder in der Hoffnung und den Wunsch auf eine gute und reiche Ernte. Den Beginn der Ernte konnte man kaum erwarten. Es war die Gerste, zumeist Braugerste, die als erstes reif war. Es folgte dann der Weizen und das hoch gewachsene Korn. Der Hafer, der ausschließlich zur Fütterung der Pferde Verwendung fand, ließ sich dagegen mit der Reife etwas Zeit. Wenn das Getreide gemäht, zu Garben gebunden und zu Mandeln aufgestellt und entsprechend trocken war, konnte das Dreschen mit der Dreschmaschine zu Hause in der Scheune beginnen. Da auch ich schon an dieser Arbeit beteiligt war, haftet das noch gut in meinem Gedächtnis. Die Zeit in der man das Getreide im Sommer in der Scheune lagerte und den Winter über mühevoll mit Dreschflegeln gedroschen hat und mit der Putzmühle - genannt Bind – vom Unkrautsamen gereinigt hat, war schon einige Zeit vorbei. Meine Großeltern wussten noch darüber zu berichten. Zu meiner Zeit waren die Bauern mit Dreschmaschinen und Elektromotoren ausgerüstet teils auch mit Strohpressen. Gemäht und gebunden wurde das Getreide immer an den ein wenig kühleren Vormittagen. Die Nachmittage hielt man sich für das Getreidedreschen in den etwas kühleren Scheunen vor. Mit hochgeladenen Fuhren auf Leiterwagen holte man das Getreide nach Hause. Das Fuhreladen war ausschließlich Sache der Männer. Den Frauen traute man es nicht zu. Schon als 17-jähriger habe ich das Fuhreladen, wie ich meine mit Erfolg, gelernt. Damit sie während der Fahrt nach Hause nicht umfällt, musste sie wegen Verlagerung des Schwergewichtes immer schön gerade geladen sein. Beherrschte ein junger Bursche diese Tätigkeit erfolgreich, so stieg sein Ansehen im Dorf. Da war er einfach schon wer. Die Dreschmaschinen waren in den Scheunen aufgestellt und wurden mit Elektromotoren mit breiten, ledernen Treibriemen angetrieben. Die Maschine setzte sich zuerst ganz langsam in Bewegung und somit die Trommel. Die wichtigste Aufgabe war die des Stopfers. Ihm wurde das Getreide von der Fuhre aus zugereicht. Der Stopfer stopfte das Getreide, bzw. die Bündel, mit den Ähren zuerst in die sich schnell drehende mit Stiften versehenen Metalltrommel. Durch die rasche Umdrehung der Trommel wurden die Körner sozusagen herausgeschlagen und von der Spreu getrennt. Das ausgedroschene Stroh wurde von einem Schüttler ausgestoßen und von der Strohpresse gleich gepresst. Für den Stopfer war größte Vorsicht geboten um ja nicht eine Hand in die Trommel zu bringen. Das Stroh wurde mit Strohbändern gebunden und später an den richtigen Lagerplatz gebracht, ebenso die Spreu. Seitlich an der Dreschmaschine hingen drei Jutesäcke festgeklemmt, zur Aufnahme der Getreidekörner. In einen flogen die schönen, großen Körner, die man für die kommende Aussaat aufhob. In den mittleren Sack flogen die nicht so wertvollen Körner hinein. Der Letztere nahm die kleinen Körner auf, die geschrotet als Viehfutter Verwendung fanden.
Der die Aufsicht führende hing auch während des Dreschvorganges jeweils die vollen Getreidesäcke ab uns stellte sie zunächst zur Seite. Nach dem Dreschen, so am späten Nachmittag, begann die Aufräumungsarbeit. Stroh und Spreu wurden an die richtige Lagerstätte gebracht. Die vollen Getreidesäcke wurden über die Schulter auf den Speicher getragen, dort ausgeschüttet und bis zum Verbrauch oder Verkauf verwahrt. Während des Dreschens hat es immer furchtbar gestaubt. Es war bekannt, dass der Gerstenstaub ganz besonders unangenehm juckte und bis in die engsten Stellen des Körpers kroch. Nach getaner Tagesarbeit gehörte dann noch die Versorgung der Tiere dazu. Den Staub vom Dreschen wusch man sich im Stall oder in der Tenne in einer großen Blechwanne vom Körper. Man nahm sozusagen ein Bad auf der Tenne. Zuschauer waren dabei nicht erwünscht. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass manch ein junger Bursche den Mädchen dabei gerne geholfen hätte.
Das sind noch so meine Erinnerungen an die Erntezeit – dem Schnitt – in der wohl von uns für immer verlorenen alten Heimat in der früheren Wischauer Sprachinsel. Es war eine körperlich schwere Arbeit, die Erntezeit, und kein Vergleich mit der Zeit der heutigen Mähdrescher. Dennoch denke ich noch gerne an jene Zeit zurück. War sie doch, wenn alles unter Dach und Fach war ein Erfolg an dem man unmittelbar beteiligt und man zufrieden war  Nach dem Ausdrusch wurde der Drischhou gefeiert. Dazu lud die Bäuerin alle an der Ernte beteiligten zu einem Fest ein. Es gab ein gutes Essen. Die guten Flecken und Zuckerbuchta und sogar Bohnen Kaffe gab es auch. Das gute Bier von der Wischauer Brauerei durfte dabei nicht fehlen. (Hannes Legner, im Juni 2009)

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Schlachtfest in Lissowitz

In den Wintermonaten wurde bei durchschnittlichen Bauernfamilien mit zwei bis drei Kindern zwei bis dreimal ein Schwein geschlachtet. Bei diesen Hausschlachtungen waren die Schweine oft bis zu 220 kg schwer. Ein Schwein kam vor Ostern mit einem Gewicht von 80 – 120 kg dran. Zum Schlachttag selbst lud der Bauer seine engeren Verwandten ein, mit dabei waren die Geschwister, Schwager, Schwiegereltern und Kinder. Es wiederholte sich alles bei den Einladungen, wenn die Verwandten dann selbst auch ein Schlachtfest feierten. Auf dem Hofe waren Eltern, Großeltern, Dienstmagd, Knecht und natürlich durften die Kinder nicht fehlen. Die Kinder bekamen beim eigenen Schlachtfest oft schulfrei. Die Vorkehrungen waren getroffen und die Schlachtmesser, aber auch die Küchenmesser, wurden geschärft. Fast in jedem Bauernhaus war ein auf vier Füßen stehender Schleifstein und ein runder Sandstein vorhanden, der in einem Wassertrog von einem Hausangestellten gedreht wurde; bei diesem immer nassen Stein konnten die Messer fortwährend gut geschärft werden. Zum Schluss wurden die Messer noch abgezogen. Bei einer guten Praxis konnte man sich mit so einem geschärften Messer gut rasieren. Die Bäuerin, die Töchter und die Mägde putzten die zum Schlachtfest benötigten Teller, Bretter und den großen Trog und im Futterstall wurde der große Kessel vom Kalkstein gereinigt. Auch das Küchengeschirr, das nur zum Schlachten benötigt wurde, musste wieder gesäubert werden. Die Gewürze wurden eingekauft und die Graupen am Vortage gekocht Die Bäuerin backte Kuchen, denn bei uns aß man auch beim Schlachten Kuchen, denn „dieser sog das Fett vom fetten Fleisch“ auf. Das Schlachten sowie die dazu gehörigen Arbeiten und deren Verwertung, genau so wie alle Arbeiten auf dem Feld, mussten die Jungbauern und -bäuerinnen lernen. Bei unserer Hausschlachtung kam kein Metzger, weil jede Familie selber schlachtete. Die Schlachtung musste beim Bürgermeisteramt gegen eine kleine Gebühr gemeldet werden. Am Schlachttag war es vorteilhaft, wenn einige Minuskältegrade herrschten. Beim Morgengrauen kamen schon die eingeladenen Gäste. Zur Stärkung und Begrüßung wurde russischer Tee mit Rum und Kuchen gereicht.
Das Blut wurde bei uns aufgefangen und musste kräftig gerührt werden, damit es nicht stockt. Das Schwein kam in einem großen Trog zum Abbrühen, dabei musste aufgepasst werden, dass die Haut nicht verbrannte. Nach einigem Wenden im Brühwasser wurde noch ein glühendes Eisen zugegeben, damit das Wasser länger heiß bleibt. Damit sich die Haut und die Borsten gut lösten, wurde das Schwein auch noch mit Pech eingerieben. Durch das Herumdrehen mit zwei Ketten gingen die Borsten sowie die Haut gut weg. Wenn noch einige Borsten dran blieben, wurden diese mit einem Messer weggeschabt. Zum Abschaben wurden auch alte Löffel verwendet. Nun wurden an den Hinterbeinen die Sehnen freigelegt, ein Krummholz durchgesteckt und die Beine auseinander gezogen. Mittels eines starken, doppelt genommenen Strickes oder einer Kette (Eisen) wurde das Schwein hochgezogen und an einem starken Balken befestigt. Der Kopf musste einige Zentimeter über dem Boden sein. Das Schwein wurde nochmals mit Wasser abgewaschen und die noch vorhandenen Borsten wegrasiert. Nachdem der Kopf abgeschnitten war, wurden die Innereien herausgenommen und in die Küche gegeben. Nun kam der Fleischbeschauer und entnahm die Proben. Der Kopf und die Innereien sowie einige Fleischstücke wurden zum Kochen hergerichtet.
Nun ging es Schlag auf Schlag, der Speck wurde herunter geschnitten, je stärker der Speck war, umso zufriedener war die Bäuerin. Neben dem Rücken wurde auch der Bauch ca. zehn cm breit abgetrennt. Ein Stück geräucherter Bauch oder Speck wurde später immer gern gegessen. Ein Teil vom Bauch wurde gekocht und dann im Hof auf Brettern zum Auskühlen ausgelegt. Das Schwein wurde noch in drei Teile zertrennt, der Rücken wurde herausgehackt und das Rückstück gekocht; das ergab eine gute Suppe und sehr schmackhaftes Fleisch. Das übrige Schwein wurde zerteilt und die Fleischstücke wiederum zum Auskühlen zerlegt. Mittlerweile war das sehr gute Schlachtessen fertig. Alle nahmen an einem großen Tisch Platz und es wurde gemeinsam gebetet. Es kam zuerst eine große Schüssel mit der hervorragenden Suppe, mit Graupen und Knoblauch als Einlage. In einer weiteren Schüssel kamen dann die Innereien, das Kesselfleisch sowie einige fette Fleischstücke auf den Tisch. Zu diesem Gericht wurde in den meisten Fällen eine Knoblauchsoße (Stupp)  gereicht: dazu schmeckte Brot sehr gut. Zum Trinken gab es Kornschnaps und Bier. Die Frauen reinigten die Därme, diese wurden bei genügend Schnee auch gern mit Schnee gereinigt, damit sie den starken Geruch verlieren. In die Dünndärme wurden Graupenwürste gefüllt, in den Magen, groß und klein, bei uns Eindl und Ahndl genannt, wurde meistens Preßwurst gefüllt. Die Preßwurst wurde nur aus Kopffleisch hergestellt. Da es bei uns noch keine Gefrierschränke gab, musste das Fleisch, aber auch die Würste, sehr genau beobachtet werde, damit nichts schlecht bzw. schmierig wurde. Die Preßwurst wurde luftgetrocknet, dann ein wenig angeraucht, somit ließ sie sich bei einigermaßen kühler Witterung recht lange halten. Nach dem Essen wurde das Fleisch tranchiert. Der Speck musste von den Schwarten abgezogen werden - das war die Arbeit der Männer. Nachdem der Speck etwas ausgekühlt war, wurde er geschnitten. Beim Speckschneiden halfen auch die Frauen. Es wurden ca. 2 x 2 cm große Würfel geschnitten. Der geschnittene Speck wurde im Kessel ausgelassen; dies war eine sehr heikle Arbeit. Der Speck musste gerührt werden,  bis sich Fell im Kessel bildete. Auch das Feuer wurde beobachtet, denn eine zu große Glut brachte das Schmalz  zum Schäumen. Nachdem das Fett ausgelassen war, die Krammeln (Krampl)  oder Grieben eine leichte Bräune hatten, wurde das Fett mit den Krampln über einem Sieb ausgepresst. Das Fett wurde in Ton- oder Steintöpfe oder in extra dafür vorgesehene Holzgefäße (Schmalztindl) gegossen. Nun kam wieder die neugierige Bäuerin  um zu sehen, wie viel Schmalz es gegeben hat - je mehr desto besser. Die Vorrathaltung stand in der Sprachinsel immer an erster Stelle, musste doch das Schmalz das ganze Jahr ausreichen. Die Krampl wurden gern als Vesper gegessen. Ein Teil davon wurde gemahlen und mit Schmalz vermengt als Brotaufstrich gegessen (Kramplschmolz). Nun wurden nochmals die Fleischstücke zurechtgerichtet, denn diese Stücke ergaben dann das Rauchfleisch. Das Fleisch wurde vorher trocken eingesalzen und kam in einen Fleischtrog oder in ein Schaffel. Es wurde einige Male umgelegt bis man der Meinung war, dass es richtig durchgezogen ist; anschließend wurde es geräuchert. Die Füße sowie der Rücken des Schweines wurden luftig aufgehängt und in den nächsten Tagen und Wochen gekocht. Nachdem das gebrauchte Geschirr gewaschen, die Holzteller-Brettel wieder gesäubert und für das nächste Schlachtfest  aufgeräumt waren, setzte man sich in der Stube zusammen. Es wurde so manche alte Begebenheiten erzählt, die Männer spielten oft Karten und dazu tranken sie Tee mit Rum und verspeisten guten Kuchen. Nachdem das Vieh gefüttert war, traf man sich zum Nachtmahl. Das Nachtmahl war in den Häusern verschieden, es gab entweder ein sehr gutes Gulasch oder einen Hackbraten, bei einem extra großen Schwein einen bekömmlichen Schweinebraten mit  Kraut und Brot. Oft dauerte so ein Schlachttag bis gegen Mitternacht. Heute kann man es sich gar nicht mehr vorstellen, wie schön ein solcher Schlachttag war. Die Sprachinsler waren keine armen Leute, man musste zwar hart arbeiten, aber man verstand auch Feste zu feiern. Heute kommt es einem wie ein Märchen vor. (Anton Schickl)

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Zuckerrübenanbau

Der Zuckerrübenanbau und der geldliche Ertrag davon, war früher eimal das Gold der Sprachinselbauern. Der Rübenanbau gibt viel schwere Arbeit, aber es lohnte sich, besonders solange es nicht kontingentiert war. Bei einer Landwirtschaft von ungefähr 12 1/2 ha (60-65 Metzen) baute ein Bauer c. 2 ha (10 Metzen) Zuckerrüben und 2 Metzen Futterrüben an. Im Ganzen waren etwa die Hälfte der ganzen Bauernwirtschaft Rüben. Die Vorfrucht des Rübenfeldes war meistens Weizen. Es konnte auch eine andere Getreideart sein. z.B. Klee oder Kartoffeln. Das abgeerntete Weizenfeld oder auch ein anderes Feld wurde durch Stalldünger sehr gut gedüngt und im Herbst für den Winter 20-30 cm tief gepflügt. Im nächsten Jahr, Mitte April, ist zu allererst das angehende Rübenfeld gestrauft worden. Dafür wurde ein etwa 3 m langes Brett genomen. Zwei Eisenketten wurden um das Brett gelegt und die Pferdewaage festgemacht. Die Pferde wurden vorgespannt, der Fuuhrmann stellte sich auf das Brett, und so wurde das ganze Feld abgefahren. Die Ackerschollen wurden auf diese Weise gepreßt und zerkleinert. Im zweiten Arbeitsgang kam der Kultivator an die Reihe. Dieser lockerte den Acker gleichmäßig ziemlich tief. Dabei wurde fast das ganze keimende Unkraut vernichtet. Darauf folgte die Egge: Jetzt war der Acker schön sauber und lag eben und gleichmäßig fest da. Die Glattwalze machte den Acker noch fester und feiner. Mit der Sämaschine wurde der Rübensamen, welcher von der Zuckerfabrik geliefert wurde, in den festen Ackerboden eingesät. Bevor noch geeggt wurde, kam der Kunstdünger in großem Maße auf das Feld. In unserem Dorfe gab es einige kombinierte Sämaschinen - nur für den Anbau von Rüben. Diese kombinierten Sämaschinen gaben vor dem Samen den Kunstdünger hinein. Gleich nach dem Kunstdünger kam im Trichter der Rübensamen nach. Die Entfernung der gesäten Rübensamen und des Kunstdüngertrichters war ungefähr 30-40 cm. Bei schönem und trockenem Wetter wurde einige Tagen nach dem Rübensäen mit der schweren, eisernen, dreiteiligen Ringelwalze der Rübenacker nochmals festgemacht. Die Gemeinde hatte vier Ringelwalzen. Jeder Bauer konnte die Walze benützen, sofern sie frei war. Bei günstigem Frühlingswetter waren die Rüben etwa 14 Tage nach dem Säen am Kommen. Diese geradliegenden Rübenreihen mußten gehackt werden und auch das Unkraut wurde entfernt. Mit zwei verbesserten undin der Handhabung sehr erleichterten Arbeitsgängen sind bei uns noch die kleinen Rüben mit dem Kratzl (mit der Hand) kultiviert worden. Später kam das Rübenunterhacken und -vereinzeln dazu. Meistens sind von einer Person drei Rübenzeilen zum vereinzeln genommen worden. Eine Rübe mußte in einer Entfernung von 20-30 cm stehen bleiben. Vor der Schließung der Rübenzeilen wurden nochmals zwei große Rübenkratzl hinter ein Pferd gespannt, welches beide Kratzl zog, damit wurde das Rübenfeld tief und gründlich kultiviert. Die zwei Kratzl bedienten zwei Personen. Viele Bauern hatten einen Kultivator für vier Rübenreihen, welchen ebenfalls ein Ackerpferd inmitten zweier Deichseln zog. Nochmals Kopfkunstdünger und nochmaliges Handhacken mit passenden Hacken schloß die Arbeit mit den Rüben ab. Ende Juli und August, ja oft bis zur Rübenernte im Oktober, wurden die Rüben zur Verbesserung und zur Fütterung der Kühe und des Jungviehs abgeblättert.

Teile der äußeren Rübenblätter sind in Handarbeit entfernt und in Bündeln auf ein Strohband gelegt worden. Sie wurden zusammengebunden. Gegen Abend holte der Bauer die Rübenbündel ab und fuhr sie nach Hause. Die Rübenblätter waren eine sehr gute Futterbereicherung. Oft war auch Mohn zwischen den Rüben. Bei der Reife wurde er abgebrochen und getrocknet. Die Mohnkapseln wurden dann gedroschen oder mit dem Botmsser durchgeschnitten und ausgeklopft. Das letztere war eine langwierige Abendarbeit. Es war aber eine schöne und lustige Abendarbeit, denn es kamen mehrere Mädchen, Schulentlassene bis zur angehenden Hochzeit, im dem Hause zusammen, wo es viele Mohnkapseln gab. Jedes Mädchen bekam eine Strohschüssel und ein Messer, dazu die Mohnkapseln, welche immer wieder ergänzt wurden. Die Arbeit lief gut. Zu den Dorfmädeln kamen fast immer auch die Dorfburschen. Es wurden dann viele schöne und lustige Heimat- und Gassenlieder gesungen, getratscht und dumme, oft auch lustige Streiche unternommen, doch gearbeitet wurde viel. Der Mohn nahm zu. Zum Abschluß gab es Tee mit Rum und guten Kuchen für alle. Oft wurde auch mit leeren Mohnkapseln ein Weg zwischen zwei sich heimlich liebenden Burschen und Mädchen gestreut. Am nächsten Tag gab es in diesem Falle dann im Dorfe viel zu erzählen. (Anton Schickl)

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Osterbrauch der Kinder zwischen 5 und 10 Jahren in Tschechen

Vor Ostern freuten wir Kinder uns schon lange auf die Feiertage, denn am Ostermontag ging das so genannte Peitschen los. Unsere Mütter banden uns ein großes, viereckiges Tuch an den vier Enden zusammen, so dass sich daraus ein Beutel ergab. Der Beutel war dazu da, um die Eier, Äpfel, Orangen und Süßigkeiten aufzunehmen, die wir geschenkt bekommen sollten. Zeitig in der Frühe des Ostermontages begann die schulpflichtige Jugend unseres Dorfes, von Haus zu Haus zu gehen und mit einem Stab leicht an die Türe zu klopfen. Es dauerte oft eine Weile, bis jemand die Tür öffnete und fragte, was wir wollten - Ei oder Orange oder Süßigkeiten. So ging es nun von Haus zu Haus, bis alle Häuser abgeklopft waren. Dies dauerte meistens etwa bis 11 Uhr. Zwischen drin musste man ein- bis zweimal nach Hause laufen, um den Beutel auszuleeren. Bei Bauern, bei denen unsere Eltern arbeiteten, bekamen wir reichlicher von allem und auch oft noch etwas Kleingeld. Wenn nun das ganze Dorf abgepeitscht war, gingen wir müde nach Hause. Dort wurden wir von den Eltern gefragt, was wir von den einzelnen Leuten bekommen hätten, um sich bei deren Kindern genauso revanchieren zu können.
Mit einigen Eiern und etwas Kleingeld ging es nach dem Mittagessen nun nachmittags los. Es begann das sogenannte Höckern. Man hielt ein Ei zwischen Daumen und Zeigefinger, so daß nur noch durch einen kleinen Spalt das Ei zu sehen war. Es musste nun mit einem Geldstück auf das Ei geworfen werden. Blieb das Geldstück im Ei stecken, gehörte dieses dem Geldwerfer, steckte das Geld nicht, gehörte das Geld dem Eibesitzer. Manchmal mussten viele Münzen geworfen werden, bis sich einer ein Ei ergattern konnte. Am Dienstag nach Ostern peitschen die Mädchen das ganze Dorf auf die gleiche Weise wie wir Burschen ab. Am Nachmittag, wenn dann die Mädels aus ihren Häusern kamen, klopften wir sie leicht mit einem Stab und verlangten von jeder ein Ei, womit wir auch ab und zu Erfolg hatten. (Ferdinand Frank)

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Saatenreiten

Einer der Osterbräuche in der Wischauser Sprachinsel war das Saatenreiten. Am Ostermontag ganz in der Frühe wurden die Pferde besonders schön herausgeputzt. Die Mähne und der Schwanz wurden des öfteren durchgekämmt, die Hufe mit Wagenschmiere eingerieben und das Halfter und der Bauchriemen mit schwarzer Schuhcreme auf Hochglanz poliert. Eine besonders schöne Decke wurde dem Pferd übergelegt und mit dem Bauchriemen festgeschnallt. Manche benutzten auch schon Steigbügel, die allerdings nur über den Rücken des Pferdes gelegt wurden. Reitsättel wurden für die schweren Bauernpferde nicht verwendet.
Um 9.00 Uhr versammelten sich die Reiter, ungefähr 20 bis 30 an der Zahl, vor der Kirche. Der Vorreiter bei uns in Lissowitz war, solange ich mich zurückerinnern kann, immer Anton Schickl aus Haus Nummer 12. Herr Pfarrer und seine vier Ministranten standen bereits zwischen der weit geöffneten Kirchentüre und der Pfarrer hielt ein großes Kreuz in der Hand. Der Vorreiter stieg von seinem Pferd ab und ging durch das Spalier, das von den Angehörigen der Pfarrgemeinde gebildet wurde, zum Pfarrer. Während dieses Weges gab ihm ein Kirchenrat eine große Osterkerze in die Hand. Zu den anderen Reitern sprach er dabei die folgenden Worte:
„Auf Kameraden, lasst uns schreiten
zu dem heurigen Saatenreiten.“
Und daraufhin zum Herrn Pfarrer gewandt:
„Gebt Hochwürden zu dem Ritt
uns dieses Kreuz hier mit.
Für dieses Jahr zum Gedenken,
lasst Euch von uns die Kerze schenken.
Bedeuten soll für uns das Licht,
dass auch in Männerherzen Glaube sei und Pflicht.“
Anschließend ging der Pfarrer zu den Reitern und besprengte jeden Reiter und sein Pferd mit Weihwasser. Der Vorreiter mit dem Kreuz setzte sich an die Spitze des Zuges und so ritten sie einen Teil der Dorf-Fluren ab. Der Weg über die Fluren wurde jedes Jahr gewechselt.
Als die Reiterschar nach ungefähr einer Stunde zur Kirche zurückkam, wurden sie wieder vom Pfarrer empfangen. Dieser hatte in der Zwischenzeit mit der Kirchengemeinde den Rosenkranz gebetet. Aus Sicherheitsgründen hat der Vorreiter diesmal einen größeren Abstand zur Kirche gehalten .Er rief den Reitern zu:
„Sitzt ab, ihr Reiter, die Osterglocken erklingen,
wir wollen nun in unserem Heimatkirchlein das Halleluja singen.“
Zusammen gingen alle Reiter in die Kirche, stellten sich im Mittelgang auf und feierten mit der ganzen Gemeinde die Ostermesse. Diese Messe wurde vom Kirchenchor und der Musikkapelle feierlich umrahmt. Die Pferde wurden von den Besitzern (Vätern und älteren Bauern) nach Hause gebracht. Nach der Messe war man durstig und so traf man sich zum Frühschoppen im Wirtshaus. (Hannes Czapka und Elisabeth Schickl, früher Lissowitz)

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Das Saatensprengen

Am Palmsonntag findet in allen Dörfern der Sprachinsel die Palmweihe statt. Die Burschen, die Männer und auch die Mädchen tragen nur einen Zweig, die Frauen dagegen ein ganzes Büschel. Nach der Weihe steckt man die Palmen in den Stall oder in der Stube hinter das Kruzifix. Die geweihten Palmkätzchen werden auch zum Wetterverführen benützt: wenn ein Gewitter kommt, so verbrannte man geweihte Palmen oder man zündete eine Wetterkerze an. Man benützte die Palmklätzchen auch zur Felderweihe. Beim Felderweihen gingen die Bäuerin und der Bauer auf die Felder. Man steckte die aus Birkenholz angefertigten Kreuzchen und ein Palmkätzchen oder aber drei Palmen ohne Kreuzchen in die Felderecken. Die Kreuzchen wurden zuerst mit Weihwasser, das in Krügen mitgebracht wurde, geweiht. Das Weihwasser wurde aus dem stets in den Farben blau und weiß gehaltenen Krug auf den Feldern versprengt - aber nur über die Winterfrucht. Zum Sprengen benützte man einen Wedel, der aus Kornähren kunstvoll geflochten war. Das Weihwasser stammte aus der Karsamstagweihe. Am Beginn des Feldes besprengte man die Saat und steckte ein Palmkätzchen dorthin, am Ende des Feldes wurde der Vorgang wiederholt. Dabei wurde immer laut gebetet, und zwar je nach Größe des Feldes ein bis drei Vaterunser. Wenn alle Felder der Winterfrucht geweiht waren, steckte man alle am Schluß übrig gebliebenen Palmkätzchen mit dem Wedel in die Saaten. (Luis Bergmann)

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Der Nachwächter
In meiner Heimatgemeinde gab es immer einen besoldeten Nachtwächter. Bis zum ersten Weltkrieg wurde derselbe mit einer Hellebarde und einem Horn ausgerüstet. Die Hellebarde war eine kirchlich geweihte Waffe und sollte in früheren Zeiten dem Nachtwächter zur Verteidigung gegen böse Geister, Hexen, Wassermann und dergleichen dienen. Es war für jeden Dorfbewohner immer ein eigentümliches Gefühl, wenn man den Nachtwächter auf seinen nächtlichen Rundgang begegnete, gab es doch vor dem ersten Weltkrieg in meinem Heimatort noch kein elektrisches Licht. Die Dorfstraße war daher in der Nacht in tiefstes Dunkel gehüllt. Die große dunkle Gestalt des Nachtwächters, in seinem langen Mantel, in der Hand die lange Hellebarde, das Horn umgehängt, bewegte sich recht schemenhaft durch die nächtlichen Straßen. Besonders den Kindern flößte diese Gestalt große Scheu ein. Das Horn bestand aus einem regelrechten Ochsenhorn. Am schmalen Ende des Hornes war ein Mundstück angebracht, so dass es sich sehr leicht anblasen ließ. Der Ton des Horns klang recht schaurig und durchdringend. Man konnte ihn in der stillen Nacht stundenweit hören. Ich kann mich persönlich noch sehr gut erinnern; „Wenn der Nachtwächter zufällig vor unserem Hause die Mitternachtsstunde verkündete, wurde ich als Knabe jedes Mal aus dem Schlafe geweckt. Durch den schaurigen Ton verängstigt, verkroch ich mich schnell recht tief unter die Bettdecke“. Die Mitternachtsstunde kündete der Nachtwächter mit 12 Hornstößen an, 1 Uhr mit einem und 2 Uhr mit zwei Hornstößen.
Nach dem ersten Weltkrieg wurden Hellebarde und Horn durch Stock und Trillerpfeife abgelöst. Später, als sich viele Diebstähle mehrten, die ja eine Folge des ersten Weltkrieges waren, bekam der Nachtwächter auch eine Schusswaffe. Um 1930 herum wurde auch das Verkünden der Nachtstunden durch die Trillerpfeife eingestellt. Man tat dies „um den diebischen Elementen die Orientierung zu nehmen, wo sich der Nachtwächter befindet!“ Später bekam der Nachtwächter drei Dorfbewohner zur Verstärkung der Nachtwache dazu. Zu dieser Anordnung war ein jeder Haushaltsvorstand verpflichtet. Es ging der Reihe nach und jeder Haushalt musste eben Folge leisten. Für jede Nacht wurden diese drei gewechselt.
Hellebarde und Horn konnte man nach dem ersten Weltkrieg nur mehr als Museumsstücke sehen. Mit ihnen hatte eine jahrhunderte alte Tradition ihr Ende gefunden – und mit ihr wohl auch die gute alte Zeit. (Norbert Legner, früher Lissowitz)

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Grossmutters Hausgans

Im Dorf Rosternitz war es üblich, dass jedes Bauernhaus eine Gans besaß. Auf einem Bauernhof gehörte es zur Aufgabe der Bauersfrau, sich unter anderem auch um das Kleinvieh zu kümmern und für dessen Wohl zu sorgen. Die Zuchtgans, so wurde sich auch genannt, wurde im Winter in einem Stall gehalten. Nach Tagesanbruch wurde das Hoftor geöffnet und sie verließ für den Tag über den Hof. Nun begab sie sich auf den Leinwandplatz, der gegenüber des großelterlichen Hofes, in der Dorfmitte, lag. Auf dem Leinwandplatz wurde in früheren Zeiten Leinwand gebleicht. Auf besagtem Platz angekommen, wurde sie von den schon anwesenden Dorfgänsen mit Geschnatter begrüßt. Es waren so an die 50 Gänse, die sich da versammelten. Unter ihnen befanden sich nur vier Gänseriche, zu deren Aufgabe es gehörte, wen es ausgangs des Winters an der Zeit war, für Nachwuchs zu sorgen. Es war vermutlich eine schöne, aber auch verantwortungsvolle Aufgabe, denn die Erwartung der Gänseeigentümer war groß bezüglich des Nachwuchses.
Großmutters Gans verbrachte so mit ihren Artgenossinnen in friedlicher Gesellschaft den Winter. Nur wenn es grimmig kalt war oder sehr hoch Schnee lag, blieb sie zu Hause. Bei Kälte standen die Gänse auf einem Bein, während sie das andere im warmen Gefieder versteckten. Erst bei Einbruch der Dunkelheit machte sie sich auf den Nachhauseweg. Auf dem Hof angekommen, wurde sie von Großmutter gefüttert und verbrachte die Nacht im warmen Stall. Ab dem 10. Februar begann die Legezeit. Die Gans kam dann eiligst vom Leinwandplatz nach Hause und legte das erste Ei. Um es ihr angenehm zu machen, war dazu schon ein Nest im Stall vorbereitet. Nachdem das Ei gelegt war, verließ sie wieder den Hof und begab sich zurück zur Gemeinschaft. Dieser Vorgang wiederholte sich nach meiner Erinnerung so alle zwei bis drei Tage. Es kam selten vor, dass eine Gans ein Ei verlor, das heißt, auf den Leinwandplatz legte. Da sich der Eigentümer sollten ermitteln ließ, gehörte es dem Finder. Eine Gans legte in der Regel 12 bis 15 Eier.
Dann kam der Tag, an dem sie das Nest und den Stall nicht mehr verlassen wollte und auf den zuletzt gelegtem Ei sitzen blieb. Diese Veränderung war Großmutter nicht neu. Aus Erfahrung wusste sie, dass die Gans nunmehr brüten wollte. Zu diesem Zwecke war schon ein Weidenrutenkorb vorbereitet, der mit Stroh und Heu ausgepolstert war. In dieses Nest legte Großmutter alle Eier hinein. Der Korb mit den Eiern wurde in die Stube getragen, die Gans, die gefolgt war, ganz vorsichtig und behutsam darauf gesetzt und unter die Ofenbank geschoben. Nun begann sie mit dem Schnabel die Eier zu ordnen und das Nest mit Federn, die sie sich am Bauch abrupfte, auszupolstern. Vor dem Korb stand immer ein mit Wasser gefüllter Behälter (Sechter) zur Erfrischung der angehenden Gänsemutter. Nur einmal am Tag, zumeist am Vormittag, durfte sie das Nest verlassen, sich auf den Hof begeben, um Futter, das aus Hafer und Gerste bestand, aufzunehmen. Kaum dass sie satt war, da machte sie sich bemerkbar, dass sie wieder zurück in die Stube zur Brutstelle wollte, denn die Eier durften ja nicht zu sehr auskühlen.
Nach etwa acht Tagen Brutzeit ging für mich als Bub etwas geheimnisvolles vor sich. Bei Einbruch der Dunkelheit nahm Großmutter eine Petroleumlampe, zündete diese an und begab sich damit zum Gänsenest. Im knien nahm sie ein Ei nach dem anderen unter der Gans hervor und hielt es unter vorgehaltener Hand gegen die Lampe. Die auf dem Nest sitzende Gans ließ das alles unter verhaltenem Protest geschehen. An einem Schatten konnte Großmutter erkennen, ob  das Ei befruchtet war. Die nur wenigen nicht befruchteten wurden aussortiert. Die Eier wurden nunmehr der Gansuntergelegt und sie konnte von da ab in Ruhe weiterbrüten. Bei dieser Arbeit schaute ich Großmutter voller Spannung zu und einmal gab sie mir sogar ein Ei in meine Hände. Es fühlte sich sehr warm an, war dreimal so schwer wie ein Hühnerei und war ein wenig geheimnisvoll. Der brütenden Gans näherte ich mich nur sehr respektvoll, denn sie konnte furchterregend fauchen.
Nach vier Wochen Brutzeit vernahm man, aber nur wenn es in der Stube ganz ruhig war, ein leises Klopfen gegen die Eierschale. Es waren die jungen Gänschen, die nun voll entwickelt waren und nunmehr aus den Eiern heraus wollten. Es war nicht leicht, von den jungen noch schwachen Gänschen die starken Schalen zu durchbrechen, zudem sie ja wenig Bewegungsfreiheit hatten. Die nacheinander geschlüpften Jungen wurden in einem Korb verwahrt, mit einem Tuch zugedeckt und an einer warmen Stelle aufgehoben. Erst wenn alle geschlüpft waren, wurden sie ihrer Mutter untergesetzt. Dies alles vom ersten Ei an bis zum Ausbrüten der Gänschen zu erleben, war schon ein aufregendes Erlebnis. Nach zwei Tagen musste die Gänsemutter mit ihrer Brut die behagliche Stube verlassen und in den Stall umziehen. Dort war es aber warm, was auch den Bedürfnissen der zarten flaumigen Kleinen entsprach. So lange sie alle Platz fanden, versteckten sie sich zumeist unter den Fittichen ihrer Mutter, denn dort fühlten sie sich sicher und geborgen. Ich möchte nicht unerwähnt lassen, dass es der Brauch war, die Gänschen zu segnen. Zu diesem Zweck wurden sie in ein großes, rundes Sieb (zu Hause Reitter genannt) getan und so über Weihrauch geschwenkt, dass der Rauch einwirken konnte. Sie sollten dadurch vor Krankheiten und sonstigen Unbilden verschont bleiben.
In den ersten Wochen wurden die Jungen bezüglich des Futters sehr verwöhnt. Es bestand ausschließlich aus hartgekochten Eiern, Kartoffeln und ganz jungen Brennesseln. Das Ganze wurde fein geschnitten und mit Futtermittel vermischt. Manchmal musste auch ich auf die Suche nach Brennesseln gehen. Das hat beim Rupfen ganz schön an den Händen gebrannt. Den jungen Gänschen hat das Futter sehr gut geschmeckt, was ich daraus schließe, dass sie sehr hastig fraßen bis die Kröpfchen gefüllt waren. Die Gänsemutter durfte an diesen Mahlzeiten nicht teilnehmen. Sie musste mit Körnern vorlieb nehmen.
In der Zwischenzeit war es Mai geworden und die Jungen, die sich bisher im Hof und Garten aufhielten, durften mit ihrer Mutter den ersten Ausflug unternehmen. Sie waren auch schon fest auf den Beinen. Ihr Weg führte geradeaus auf den schön grün bewachsenen Leinwandplatz, der an den gestauten Bach grenzte. Hier konnten sie den ganzen Tag fressen und schwimmen. Im Laufe der Tage trafen immer mehr Gänse mit ihren Jungen ein. Es war herrlich, das zu sehen und zu erleben. Gegen Abend kam Großmutters Schar nach Hause und wartete bis sich das Hoftor öffnete. Es gab dann noch ein kräftiges Futter und ging für die Nacht in den Stall. Das war im Großen und Ganzen der Tagesablauf der heranwachsenden Gänse. Ich empfand es damals als ein schönes Leben, denn es hat ihnen an nichts gemangelt und sie waren weitgehendst in der Freiheit.
Nach der Getreideernte, im August, wurden die Gänse des ganzen Dorfes von einem Hirten auf abgeerntete Getreidefelder geführt. Dort gab es noch viele volle Ähren zu finden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon ein schönes Federkleid. Es kam dann der Herbst und das Gänseleben nahm so seinen Lauf. Vergessen habe ich Großmutters Hausgans bis heute noch nicht. (Johann Legner, Grötzingen, früher Rosternitz)

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Eine Dorfstraße als kleine Lebensader  Das ganze Jahr herrschte Leben auf der Gundrumer Dorfstraße
Das Dorf hat eine stille Macht es gibt auf seine Menschen acht . . .   So beginnt der Dichter A. Huggenberger sein Gedicht über das Dorf. Ein Dorf ist mehr oder weniger eine geschlossene Gruppen-Siedlung, die sich in verschiedenen Formen entwickelte. Wir kennen aus der Geschichte über die Entstehung der Dörfer einige Dorfformen. Das große Nachschlagewerk "Herder" nennt neben anderen Dorf­formen auch das Straßendorf, wo die Häuser regelmäßig beiderseits der Straße angelegt sind. Eine Nebenform bildet das Angerdorf mit einer Verbreitung des Dorfkerns, in dem meist die Kirche steht. Somit können wir der Entstehung nach Gundrum als ein Straßendorf bezeichnen.
Von Wien führte eine alte wichtige Reichsstraße nach Brünn, Wischau, Olmütz und weiter nach dem Osten. Später, als die Österreichische Kaiserin Maria Theresia mit ihrem Gefolge auf dieser Straße einige Male nach Olmütz zog, nannte man diese Straße auch "Kaiserstraße". Im Norden von Gundrum war diese gut ausgebaute Straße immer ein frequentierter Verkehrsweg. In früheren Jahrhunderten gab es nur wenige wichtige Schotterstraßen auf denen die Reisen ob zu Fuß, oder mit dem Pferd, oder Fuhrwerk, oder Tross statt­fanden.
Von der Entstehungsgeschichte des Dorfes Gundrum ist mir leider wenig bekannt, jedoch muss man annehmen, dass von der Reichsstraße ein Weg nach dem Süden führte, um in das südliche Gebiet Südmähren zu gelangen, zumal es dem Süden zu keine größeren Höhen zu bewältigen gab. Es muß wohl ein wichtiger Weg sowohl für das Fuß- als auch Wagen­volk gewesen sein. Warum ist da in Gundrum das Mauttor erbaut worden? Im österreichischen Sprachgebrauch versteht man unter Maut eine Gebühr für Straßen oder Brücken. Das Mauttor war vermutlich auch eine Mautstelle, wo man für die Durchfahrt eine Gebühr bezahlen musste. Leider musste dieses Mauttor nach dem 1. Weltkrieg der Spitzhacke weichen. Die Dorfstraße, die von der Kaiserstraße abzweigt und nach dem Süden führt und somit das südöstliche Gebiet durchquert, war eine gute Schotterstraße, auf der mancher Tross vom Norden nach dem Süden oder umgekehrt des Weges zog. Diese Dorfstraße war für Gundrum eine wichtige Lebensader. Ob Fußgänger, Fuhrwerke, Radfahrer und später motorisierte Fahrzeuge, alle waren auf die­ser Straße unterwegs. An Sonn- und Feiertagen waren es die Kirch­gänger, die zur Kirche gingen und auf dem Heimweg in kleinen Gruppen am Straßenrand einen "Ratsch" abhielten, um die Neuigkeiten gegenseitig auszutauschen. Im Herbst waren die schweren Pferdefuhrwerke mit dem Zuckerrübenwagen unterwegs zur Sammelstelle an der Kaiserstraße. Auch andere Fuhrwagen  waren auf der Dorfstraße zu sehen, denn galt es doch, die letzten Feldfrüchte einzufahren, um gerüstet dem Winter entgegen zu sehen. Sicherlich lag zu dieser Zeit auf der Dorfstraße viel Schmutz und Schlamm, und wenn es regnete war die Dorfstraße eine "Schmutzstrasse". Im Winter kehrte eine gewisse Ruhe ein, jedoch nicht an schneereichen Tagen, wo die Kinder ihre Schlitten zogen, um am kleinen Hügel neben der Dorfstraße in der Dorfmitte beim Prikryl oder Bulla an manchen Nachmittagen mit ihren Schlitten zu fahren. Auch Pferdeschlitten fuhren auf der Dorfstraße, die man aber schon von weitem bimmeln hörte. Es war eine ruhige und besinnliche Zeit, ein Warten auf den Frühling.
Im Frühling, wenn Leben Feld, Wiese und Garten erwachte, zog es die Bauern mit ihren Gespannen und Maschinen hinaus aufs Feld, um die Äcker zur Aussaat vorzubereiten. Es herrschte reges Treiben auf der Dorfstraße, begleitet von manchen Blicken jener Frauen, die im kleinen eingezäunten Gärtchen vor dem Bauernhaus zu arbeiten begannen, um Blumen zu säen, kleine Hecken zu grasen und für reichen Blumenschmuck im Sommer zu sorgen.
Im Sommer  zur Erntezeit fuhren die schweren hochbeladenen Erntewagen das Getreide zum Dreschen in den jeweiligen Bauern­hof. Reger Fährbetrieb herrschte auf der Straße, von den Kindern beachtet und von den Austragslandwirten, die auf der Haustreppe saßen und schweigend die vorbeifahrenden Erntewägen begutachteten, Wenn ein Getreidewagen einen festgebundenen Blumenstrauß mit Feld­blumen am Wagen angebracht hatte, war dies ein Zeichen für den letzten Erntewagen, die Ernte war daheim!
So herrschte das ganze Jahr über auf der Dorfstraße reges Leben, sie war die Lebensader im Dorf Gundrum.

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Der 1. Mai - Von Hexen und bösen Geistern

Die älteren Leute der Sprachinsel waren der festen Überzeugung, den Anfechtungen des "Leibhaftigen" und dessen Helfern, den Hexen und bösen Geistern, ausgeliefert zu sein. Deshalb mußte man versuchen, ihr Eindringen ins Haus zu verhindern. Am 1. Mai in der Hexennacht holte man Zweige vom Weißdorn- oder Holunderstrauch ins Haus und steckte sie in die Fenster. Dies war die sicherste Maßnahmne, die Hexen fernzuhalten. Gegen den Drud, den gefürchteten Ungeist, war kein Kraut gewachsen. Inniges Gebet und viel Weihwasser halfen, ihn zu vertreiben, wenn er sich des Nachts, für alle unsichtbar, am Bettrand niederließ und schwere Träume verursachte. Die Ahndl wußte auch von einer verhexten Kuh zu berichten: Im Stall eines Bauern stand seit Monaten eine Kuh trocken. Sie sollte deshalb verkauft werden. So trieb man das Tier nach Wischau zum Metzger. Aber kaum hatte das Tier einen Schritt über die Markungsgrenze getan, fing die Milch zu fließen an. Zweifellos war die Kuh verhext! Nach dem Rat eines alten Weibes mußte diese Milch jetzt in einem Kessel aufgekocht und mit Ruten geschlagen werden, damit sie nicht überkoche. Siehe da: Am anderen Morgen hatte die mißgünstige Nachbarin ein ganz zerschundenes Gesicht.

Wie aber half man kranken Pferden zu einer Zeit, als noch kein Tierarzt weit und breit ansässig war? Die Bauern rieben das Tier mit der Innenseite eines getragenen Männerhemdes ab. Das soll, so wurde von alten Leuten bestätigt, immer gut geholfen haben. (Buch: Bilder aus der Wischauer Sprachinsel)

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Rebhuhnjagd

Reghuhnjagd war ein interessanter Sport für die Jäger in den einzelnen Sprachinselgemeinden. Der Jagdpächter war meistens ein Arbeiter oder ein Bauer aus der jeweiligen Gemeinde. Bei uns in Lissowitz war es Herr Josef Schickl, Landwirt in Lissowitz Nr. 5, später sein Sohn Matthias. Die Jagdpacht der Ackerflächen einer Gemeinde war sehr billig. Bei uns in der Gemeinde verzichteten alle Grundstücksbesitzer zugunsten der katholischen Kirchengemeinde. Mit dem Gelderlös von 30 - 35 Feldhasen konnte die ganze Pacht bezahlt werden. Somit war es für die Jäger im Dorf kein Risiko bei der Jagd mitzumachen. Alle Rebhühner, die ein Jäger abschoß, konnte er behalten. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Jäger, der den 15. August kaum erwarten konnte, denn an diesem Tag war die Schonzeit  für die Rebhühner vorbei. Alle Jäger erhofften sich ein schönes Wetter an den Sonntagen im August. Vorher mußten noch Vorbereitungen für die Jagd getroffen werden. Am Freitag und Samstag wurden die Patronen schußfertig gemacht. Ungefähr 30 Patronen mußten schon zur Jagd mitgenommen werden. In eine neue 16er Patronenhülse kam ein bestimmtes Maß rauchloses Pulver, dann ein Papierpfropfen, anschließend ein Maß 10er Schrotkörner, weiter ein Papierpforpfen und dann wurde mittels einer Drehmaschine die Patrone zugedreht. Dazu möchte ich noch anmerken, daß ein Jagdgewehr zweiläufig war. Ein neues Gewehr kostete damals 1200- 1500 tschechische Kronen. Das war ein Wert von acht  Meterzentner (a 100 kg) Gerste oder Weizen oder ungefähr ein einjähriges Fohlen. Der Jäger brauchte einen Waffenpaß und eine Jagdkarte.

Es war Sonntag in der zweiten Augusthälfte. Ein schöner Tag. Unser Jagdhund, der Vater und ich gingen schon um 13.00 Uhr zum Gemeindegasthof, Kegelbahn. Hier sammelten sich sechs bis zehn Jäger mit Jagdgehilfen (Treiber). Nach einer kurzen Begrüßung ging es hinaus auf die Felder. Schön nebeneinander, ein Jäger und ein Treiber, bildeten wir eine Kette und durchstöberten so Kleeäcker, Rüben- und Kartoffeläcker. Es dauerte nicht lange und eine Brut Rebhühner (ca. 10 - 20 Stück) flog etwa 15 - 30 m vor uns auf. Mein Vater zielte und traf. Ein Rebhuhn mit einem roten Brustfleckgefieder (Hahn) fiel herab. Der Jagdhund holte das Huhn aus einem Rübenfeld und brachte es uns. Natürlich war nicht jeder Schuß ein Treffer. Mit 16 Jahren, wenn kein Gendarm in der Nähe war, gab mir mein Vater das Gewehr und dazu einige Patronen. So konnte ich damals schon in jungen Jahren diesen schönen Jagdsport betreiben. Ich hatte auch Erfolg, wäre das nicht der Fall gewesen, hätte mir der Vater das Gewehr wieder weggenommen. Zu jener Zeit gab es viele Rebhühner und Hasen. Sechs bis fünfzehn Stück Rebhühner wurden bei der Jagd meistens abgeschossen. Gegen Abend machten wir uns auf den Heimweg. Bei der Kegelbahn kehrten wir ein und tranken ein kühles "Wischauer Bier", das nach der Jagd besonders gut schmeckte. Anschließend ging jeder nach Hause. Die Woche darauf standen auf dem Speiseplan Rebhühner, die mit Genuß verzehrt wurden. Die übrigen Rebhühner wurden an eine Händlerin verkauft, die sie auf dem Geflügelmarkt in Brünn zum Verkauf anbot. So ging es bei schönem Wetter immer Sonntags   bis zu Spätherbst. (Anton Schickl, früher Lissowitz)

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Frauenarbeit

In der Wischauer Sprachinsel war es üblich, daß sich Männer und Frauen die harten und schweren landwirtschaftlichen Arbeiten teilten. Im Frühjahr und Herbst wurden die Häuser, Stallungen, Gerätehütten und Scheunen von den Frauen gesäubert und undichte, sowie reparaturbedürftige Stellen wurden in Ordnung gebracht. Im Anschluß daran wurde geweißnet, die Sockel abgewaschen oder gestrichen. Auch die Fassaden, die oft aus Stukkateurputz waren, mußten immer wieder erneuert werden. Diese von den Frauen vorgenommenen Reinigungs- und Verschönerungsarbeiten an den Bauernhäusern, aber auch an den Häusern der Häusler, waren der Grund für das schöne Dorfbild, das von Fremden immer wieder bewundert wurde. Mit Stallarbeiten waren dieFrauen hauptsächlich im Kuh- und Schweinstell beschäftigt. Daneben waren Arbeiten bei der Hühner- und Geflügelhaltung zu erledigen. Beim Aufladen des Stalldüngers, oft 40-60 Fuhren, standen die Frauen in der Mistgrube und verrichteten Schwerstarbeit. Auf dem Acker wurde dann der Stalldünger gut verteilt (Mist verzetteln). Schwere Arbeit wurde den Frauen auch abverlangt beim Anbau der Felder, bei Kleearbeiten, beim Wiesennähen und bei den Erntearbeiten, insbesondere bei der Rübenernte. Nicht vergessen aber sind die Bauern- und Taglöhnerfrauen. Oft waren kleine Kinder im Hause, aber die Bäuerinnen, manchmal auch die Taglöhnerinnen, gingen morgens so gegen 6.30 bis 7.00 Uhr bereits auf das Feld. Oft mußte eine halbe Stunde gegangen werden. Im 9.30 Uhr ging es dann wieder zurück, da das Mittagessen für die ganze Familie zubereitet werden mußte. Um 12.00 Uhr wurde die Mittagsmahlzeit gemeinsam gegessen. Während der Essenszubereitung  wurden von der Bäuerin meist noch andere notwendige häusliche Arbeiten verrichtet. So gegen 13.00 bis 13.30 Uhr ging es wieder auf das Feld, wo oft bis Sonnenuntergang gearbeitet wurde. So ging es manchmal mehr, manchmal etwas weniger lang, vom Frühlingsanbau bis zum Spätherbst, man kann sagen Mitte bis Ende November. Die Beaufsichtigung der Kinder übernahmen die größeren Schwestern oder andere Mädchen aus dem Dorf ab zehn Jahren. Die Kindermädchen hatten freie Kost und bekamen auch etwas Geld. Auch die Großmütter, soweit sie nicht beim Sohn oder der Tochter im Hause oder auf den Feldern mithalfen, betreuten die Kinder. Bekannt waren die Frauen der Wischauer Sprachinsel als gute Köchinnen. Bei Hochzeiten und bei anderen Feierlichkeiten stellten sie dies immer wieder unter Beweis. Dazu muß ich noch erwähnen, daß junge Bauernehepaare schon vor ihrer Hochzeit den Bauernhof mit ihren, von ihren Eltern als Erbe erhaltenen Feldern überschrieben bekamen. Somit waren sie bereits Besitzer vor ihrer Hochzeit. Sie mußten aber alle Verpflichtungen mit übernehmen, so zum Beispiel Ausgedinge, Auszahlung der übrigen Geschwister und eventuelle Auszahlung von Geld an Eltern oder Schwiegereltern. Selbstverständlich war beim Erwerb des Bauernhofes das tote und lebende Inventar mit dabei.

Nicht so hart aber umso schöner waren für Männer und Frauen die Arbeiten, die im Winter zu verrichten waren. Da wurden größenteils nur häusliche Arbeiten und Stallarbeiten erledigt. An den Nachmittagen im Winter saßen die Frauen und Dienstmägde in der warmen Stube und ergänzten oder reparierten die Trachtenbekleidungen. Es wurde genäht und gestickt, aber auch die Unterhaltung kam nicht zu kurz. Das Leben der Frauen auf dem Land war hart und abwechslungsreich, hatte aber auch, wenn man es gewöhnt war, seine schönen Seiten. Arbeitslos wurde da niemand. Durch den Fleiß und das gute Hauswirtschaften der Frauen waren wir wirtschaftlich meist recht gut gestellt. (Anton Schickl, WHB 2 1989)

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Die Getreidegrube, eine Erinnerung aus meiner Kindheit

Es war an einem schönen Frühjahrstag. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne schien über unser so fruchtbares Heimatland. Die Bauern waren alle draußen auf den Feldern, um mit ihren Sähmaschinen die Frühjahrssaat in den Boden zu bringen. So auch der Vetter Östreicher Mattes von Nr. 53 auf dem Tramingbroitles, gleich oberhalb des Friedhofes, nicht weit von meinem Elternhaus. Nach dem Einbringen der Saat übereggte er den Acker, um kleine Furchen zu beseitigen und um auch noch das letzte Körnchen in den Boden zu bringen. Bei dieser Arbeit gab die Erde unversehens nach und eines seiner beiden Pferde wäre beinahe mit den Beinen im Boden eingesunken. Beim Nachschauen stellte er fest, daß es die große Steinplatte war, die dem Druck des Pferdehufes nachgegeben und sich gesenkt hatte. Nach dem Beseitigen dieser Steinplatte kam ein großes, tiefes Loch, eine Grube in der Form eines Steinkruges, zum Vorschein. Die Kunde über dieses Ereignis ging wie ein Lauffeuer durch unser Dorf und die Menschen eilten schnell an den Ort des Geschehens. Auch ich, damals noch ein Volksschüler, rannte mit anderen Buben so schnell wir nur konnten, um ja nichts zu versäumen, zu der Grube. Bei meinem Eintreffen standen schon Menschen um das Loch herum und schauten in die dunkle Grube hinein, in die nur ein wenig Tageslicht eindrang. Ich selbst konnte mir zu diesem Zeitpunkt keine Vorstellung machen, was hier vorgefallen war. Die Grube selbst war vollkommen leer. Einige alte Männer wussten jedoch gleich, um was für eine Grube es sich hier handelt, nämlich um eine Getreidegrube, von ganz lange her. Über solch eine Grube hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört. Auch nicht über den Ausdruck: Getreidegrube, und doch muß er in der mündlichen Überlieferung weitergelebt haben. Die Spekulationen über die Entstehung und  über das Alter der Grube waren vielfältig. Hob man sie während des 30jährigen Krieges 1618 - 1848 aus? Oder stammte sie aus der Zeit Napoleons bzw. aus der Schlacht bei Austerlitz im Dezember 1805 - oder ist sie aus der Zeit von 1866, nach der Schlacht bei Königgrätz, bei der die Preußen damals die Österreicher besiegten? Die Preußen zogen damals in unsere Heimat ein. In Rosternitz wurden sie am Ortseingang schon als Freunde bei der Statue des Hl. Johannes mit den drei Linden vom Bürgermeister mit Salz und Brot empfangen und im Dorf einquartiert. Es herrschte ein gutes Verhältnis mit der Dörfbevölkerung.

In den Niederschriften meiner Mutter ist über die Zeit des 30jährigen Krieges folgendes zu lesen: Die Schweden fielen auch in Böhmen und Mähren ein. Sie waren wilde Gesellen und plünderten und brannten alles nieder. Die Bewohner versteckten sich vor ihnen in den nahe liegenden Wäldern. Der schwedische General Torstenson belagerte mit seinem Heer drei Monate lang die Festung Brünn. Es gelang ihm jedoch nicht, Brünn einzunehmen. Torstenson zog dann mit seinen Soldaten brennend und mordend in Richtung Olmütz ab. Bei seinem Abzug soll er zu seinen Offizieren gesagt haben: Ein Tönnchen Gold gäbe ich her, könnte ich die Belagerung Brünns ungeschehen machen. Auch in Rosternitz waren die meisten Häuser niedergebrannt und die Cholera war ausgebrochen.Es ist nahe liegend und zu vermuten, daß unsere Vorfahren in jener so fürchterlichen Zeit des 30jährigen Krieges, um zu überleben, sich solche Getreidegruben aushoben. Ging es doch um das nackte Überleben. Sie eigneten sich bestimmt sehr gut zur zeitweisen Aufbewahrung von Rauchfleisch, Schweineschmalz und anderer, für den Verzehr wichtiger Lebensmittel. Wegen der Erdfeuchtigkeit in solch einer Grube konnte Getreide wohl nur kurzfristig verwahrt werden. Die Gefahr des Befalles von Schimmel war zu groß. Mehr als dreihundert Jahre danach, im 2. Weltkrieg 1945, war unsere Heimat wiederum vom Feind bedroht. Als die Front immer näher kam, hoben die Bewohner der Wischauer Sprachinsel wiederum Gruben aus. Das war im April 1945. Auch in dieser Zeit wurden Nahrungsmittel und Wertgegenstände vor dem Zugriff und gegen Diebstahl eingegraben. Auch diesmal ging es um das Weiterleben bzw. Überleben. Nur brachten diese Gruben, das weid die noch heute lebende Erlebnisgeneration noch ganz genau, nicht den gewünschten Erfolg. Die Russen waren beim Aufspüren solcher Verstecke Spezialisten. Sie führten runde, dünne Eisenstäbe mit sich. Damit durchstocherten sie die Gärten fast immer mit Erfolg und plünderten und stahlen, was ihnen gerade passte- so geschen in meinem Elternhaus. (Erlebnisbericht von Hanness Legner, Karlsruhe, früher Rosternitz)

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Winterfreuden in Gundrum

Unmittelbar nach der Brücke über den Krebsbach im Unterdorf führte eine Abzweigung in die Nachbarortschaft Podbreschitz. Auf der Hauptstraße ging es vorbei an der Schreinerei Piffl J. und weiter südwärts nach Drasowitz. Gegenüber dieser "Tischlerei" neben der Straße lag ein größerer Weiher, den es heute nicht mehr gibt, der im Winter bei strenger Kälte zugefroren war. Auf diesem Eis verbrachten Kinder und Jugendliche frohe Stunden. Die Buben waren oft am Nachmittag mit dem ''Rutschen auf der glatten Eisfläche beschäftigt und rutschten um die Wette, wer wohl am weitesten kommt. Besaß einer Schlittschuhe, die an den Schuhsohlen angeschraubt werden mussten, so ging dieser anfangs sehr wackelig voran, bis dann das Gehen und später das Laufen flott von dannen ging. Oft kam es vor, dass einer nur mit einem Schlittschuh übte und sich fortbewegte, ehe er dann mit beiden Schlittschuhen ging oder lief. Waren mehr als 6 oder 7 Buben auf dem Eisplatz, so spielten sie Eishockey, egal ob mit oder ohne Schlittschuhe. Als Puck nahmen wir einfach ein Holzklötzchen, das uns im Notfall der Schreiner Piffl gab und den Eishockeyschläger schnitten wir uns aus dem Geäst der Kopfweiden, die am Rande des Weihers üppig wuchsen. So hatten wir Spaß beim Spiel auf dem Eis. Die Mädchen kamen mit den Schlitten, spielten und rutschten auf der anderen Eishälfte. Gegen Abend, wenn dann plötzlich der Gemeindediener Herr Schallud (genannt Schtatz) zumTransformator kam, mit einem größeren Schlüssel ein Türchen öffnete, den Schalter drehte und damit die Straßenbeleuchtung im Dorf einschaltete, verließen die Kinder sehr bald den Eislaufplatz und eilten heim. So verliefen viele Nachmittage auf dem Eis, wo Freude, Spiel und Spaß herrschten, aber leider auch manchmal Tränen vergossen wurden.

Jedoch eines Tages war es vorbei mit Jubel, Trubel, Heiterkeit der Jugend auf dem Eis, weil mehrere Männer, ausgerüstet mit Beil und Haken auf dem Dorfweiher mit dem "Eisen" begannen. Warm angezogen, die Stiefel mit einem alten Sack umwickelt, damit sie auf dem Eis nicht ausrutschten, so fing das Hacken auf dem Eis an. Große, schöne, ca. 10-15 cm dicke Eisschollen wurden mit einem langen Haken aus dem Wasser gezogen und auf einen bereitstehenden Wagen geladen. Der Wirt hatte dies alles gut organisiert, für den die 10-15 Männer "eisten", um im Sommer eine kühle Halbe zu genießen. Einige Tage dauerte diese Arbeit, unterbrochen mit einer guten "Jause" und einem scharfen Trunk. Bemerkenswert waren in Gundrum die Eiskeller. Einer war unter dem Vorplatz der Gastwirtschaft, in dem aber im Sommer das gelagerte Eis rasch schmolz. Ein anderer Eiskeller war im Anwesen Haus Nr. 15 fast gegenüber der Gastwirtschaft beim "Milach Kaarl" - Hausname - deshalb, weil dort in den 20er Jahren die Milchsammelstelle war. Waren die Eiskeller voll, war die Arbeit der "Eismänner" und der Rossfuhrwerke getan. Auf dem Wasser im Dorfweiher schwammen kleine und größere Eisschollen,  auf denen sich mutige Burschen fortbewegten und daran Spaß fanden, auch wenn sie vielleicht mal nasse Füsse bekamen. Blieb die Kälte noch weitere Tage, gefror das Wasser abermals, jedoch ein Rutschen auf dem unebenen holperigen Eis war nicht mehr möglich. So endeten die Winterfreuden der Kinder und Jugendlichen auf dem Eis im Unterdorf in Gundrum, aber auch die Arbeit der starken "Eismänner".    (Martin Ribnitzky, früher Gundrum)

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Einträge bis 2004:

Als man das Gras noch mit der Sense mähte

Ausdriesch

Backofen

Drischeldreschen

Feuertag "Fuiatoch" in Rosternitz

Frühjahr in der Wischauer Sprachinsel

Frühjahrsputz in der Wischauer Sprachinsel

Heiliger Abend in Lissowitz

Jerichtoch - Granitzgang

Kirchweihfest

Kreisjagd der Gundrumer Jägergemeinschaft

Moisinga

Musterung in Kutscherau

"Poat" (Partie)

Sprache der Wischauer miteinander

Wallfahrten der Sprachinsler

Zuckerrübenernte

Zwetschgenmus kochen

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Die "Poat" (Partie)

Die wichtigste Institution im Leben der jungen Heranwachsenden war "die Poat" (Partie), der Zusammenschluß eines Geburtsjahrgangs. Das Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gruppe war so stark, daß es kaum Jugendfreundschaften mit älteren oder jüngeren (Poaten) gab. Jegliches Außenseitertum wurde so verhindert, aber auch die Entfaltung zur Individualität abgeblockt. Jeder ordnete sich ein und blieb in der Gemeinschaft bis zur Heirat. Das war für Mädchen ungeschriebenes Gesetz. Innerhalb dieser Gruppe vollzog sich also ganz unauffällig die Erziehung zum Miteinander. Im Ausüben der vielfältigen Bräuche, die ja immer auf die Gemeinschaft ausgerichtet waren, entstand das soziale Bewußtsein, die Bereitschaft zur Hilfeleistung, zum gemeinsamen Arbeiten und Feste feiern. Es waren Eigenschaften, welche die Frauen der Sprachinsel besonders auszeichneten. Auch die altersmäßig vorgeschriebenen Änderungen an der Tracht wurden von den Mädchen gemeinsam vorgenommen. Es war ein aufregender Tag, wenn am Ostermontag in Rosternitz, ein Jahr nach der Schulentlassung "die Kaibal (Kälbchen = junge Mädchen) ausgetrieben" wurden und mit den "Bahunken (junge Burschen)" gemeinsam zum erstenmal abends auf der Dorfstraße spazieren gingen. Dabei hatten die Mädchen das Mieder mit Bändern geschlossen, anstatt wie bisher mit Knöpfen zusammengehalten. Von nun  an hießen sie "Jungknecht" und "Jungdian".  aus "Bilder aus der Wischauer Sprachinsel"

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Drischldreschen

Meine Eltern waren Pächter des Dorfgasthauses in Tschechen. Wenn ich im Herbst und Winter von der Arbeit nach Hause kam und draußen nichts mehr getan werden konnte, löste ich, solange ich unverheiratet war, meinen Vater in der Wirtschaft ab. So beteiligte ich mich auch an verschiedenen Gesprächen mit den Gästen, zumeist Bauern. Unter anderem wurde dabei auch über das Drischeldreschen gesprochen, das bereits unsere Vorfahren im 13. Jahrhundert anwendeten. Damals mußten sie die ganze Ernte an Gerste, Weizen, Roggen und Hafer mit dem Drischel, wie man den Dreschflegel nannte, dreschen. Erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts kamen langsam einfache Dreschmaschinen auf, die sich aber nur wenige wegen des hohen Preises leisten konnten. Diese einfachen Dreschmaschinen wurden von sich im Kreise bewegenden Pferden angetrieben. Diese bewegten einen Fichtenstamm, der über ein Zahnrad und eine Schwungscheibe die Maschine antrieb.Vor dem Ersten Weltkrieg habe ich beim Bauern Kalab in den Ferien die Pferde angetrieben, eine schweißtreibende Arbeit, da sie laufend angetrieben werden mußten.Es wurde von sechs Uhr früh bis sieben Uhr abends gedroschen, dazwischen Brotzeit, Mittagessen und Jause.

Beim Drischeldreschen, das die meisten der jüngeren Landsleute nicht mehr kennen werden, mußte harte Arbeirt geleistet werden. Die Getreidebündel wurden auf der Tenne, mit den Ähren zueinander, in zwei Reihen aufgelegt. Es wurden die Strohbänder entfernt, die Garten gelockert und zumeist vier Frauen fingen an, mit denDrischeln auf die Ähren einzuschlagen. Sie gingen die Ährenreihen mehrmals dreschend auf und ab, bis sie sicher sein konnten, alle Körner aus den Ähren geschlagen zu haben. Der Drischel selbst bestand aus einem Holzstiel von 1,5 Metern Länge und war etwa drei Zintimeter dick. Das eigentliche Dreschorgan, der Kolben, bei uns Schankl genannt, war 50 Zentimenter lang und dicker als der Stiel und an diesem mit einem Lederriemen befestigt.

Nach dem Reinigen des Getreides wurde dieses mit einem Eichmaß, dem sogenannten Maßl, in Säcke geschüttet. Das Maßl war ein Holzgefäß, dessen Boden etwa 15 Zentimeter höher gesetzt war und damit ein kleines Hohlmaß darstellte, wenn man das Maßl umkehrte. Pro gefüllten Getreidesack bekamen die Frauen diesen unterenTeil des Maßls voll Getreide als Arbeitslohn.

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As "Moisinga"

Am vierten Fastensonntag (Moisunntich) zogen junge Mädchen mit einem kleinen Fichtenbäumchen, das mit "Pettln" (Ketten) aus kurzgeschnittenen Strohhalmen und bunten Stoff-Fleckchen zusammengesetzt, mit ausgeblasenen Eiern (Gucken) beklebt, mit farbigem Papier und verschiedenfarbigen Papierrosen geschmückt war, umher. Am Wipfel des Bäumchens befand sich als schönster Schmuck die Maifrau, eine in Volkstracht gekleidete Puppe. Von Haus zu Haus zogen die Mädchen und sangen:

Summa rumma Moja - Bliamal ollaloia

Göla Breitl, Bochtl Bua -  bos ins geibts, dos troch ba an huam.

Bos ins net biads geibn - bia ba afs Joa dalaibn.

Dos Joa is a launga Zeit - half ins Gout an Himmlreich.

Frau Biatan, Frau Biatan - schaut ban Feinste araus,

reickt an goldign Kraunz araus - schults eink bohl bos gdeinka,

schults ins a bos scheinka - Hoba hean da Schlissl klinga,

hoba gdocht an Tola bringa! - Tola sechzig Kreiza,

naim ba a bos leichtas - Griaß, Schmolz, Oia, Gld, Ml.

Nach diesem Ansingelied sammelten die Mädchen Gaben ein, die aus Eiern, Fett, Mehl und Geld bestanden. Hie und da erhielten sie auch "Fleckn" (typisches Sprachinselgebäck).

Nach der Runde im Dorfe nahmen die "Diandl" in einem Haus die Verteilung der eingeheimsten Geschenke vor. Der Nachmittag des Tages wurde von den Mädchen noch in fröhlichem Beisammensein zugebracht. (von Elisabeth Butschek, ehem. Kutscherau)

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Fuiatoch (Feuertag) in Rosternitz

Wie lange sich ein Brauch in der Sprachinsel halten konnte, dafür ist der Feuertag zu Rosternitz ein beredtes Beispiel. An diesem Tage wurde in keinem Haus des Dorfes ein Feuer angezündet, es gab nichts Warmes zu essen. Was war der Grund?

Am 9. Juli im Jahre 1784, an einem Freitag um 3.00 Uhr nachmittags, schlug ein Blitz in den Birnbaum des Hauses Nr. 19 ein. Die Scheune brannte sofort lichterloh und das Feuer breitete sich in Windeseile aus. Die Häuser 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21 und 22 wurden vernichtet. Die Bewohner gelobten, wenn dem Feuer Einhalt geboten werden konnte, diesen Tag jedes Jahr ohne Feuer im Haus zu begehen.  Dieses Gelöbnis wurde bis zur Vertreibung im Jahre 1946 gehalten. ("Bilder aus der Wischauer Sprachinsel, Elisabeth Plank")

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Der "Ausdriesch"

Jeder Bauernhof hatte eine eigene Dreschmaschine. So konnte das Getreide sofort vom Wagen herab gedroschen werden. Dreschen war Frauenarbeit! Garben in die Maschine stopfen, die Strohballen in der Scheune lagern und die schweren Kornsäcke auf der Schulter durch Garten und Hof auf den Schüttboden ins Haus schleppen: Das alles bewältigten die Frauen! Wenn der letzte geschmückte Erntewagen "die Braut" eingefahren war und die mit Blumen aufgeputzte Dreschmaschine stillstand, erfaßte alle eine richtige Festesfreude: Es wurde "Ausdriesch" oder "Drieschhau" (Dreschhahn) gefeiert. Flecken waren gebacken, Bier wurde ausgeschenkt und bestimmt fand sich ein Harmonikaspieler ein.

Die Kinder "hum sich augschickt" (verkleidet), hüpften ausgelassen in langen Männerhemden mit "Popiagouschan" (Papiermasken) vor dem Gesicht auf dem Hof herum und stopften sich mit Flecken voll. Die Großen schickten die Jungen auch um die "Gerstenpolich" (Gerstenpolitur) zum Nachbarn. So schleppten die Manka (Maria) und "da Meatl" (Martin) einen schweren Sack über den Bach und den Anger nach Hause. Dort wurde die Verschnürung geöffnet und heraus fielen lauter Holzscheite und Steine.  (Bilder aus der Wischauer Sprachinsel, Elisabeth Plank)

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Kirchweihfest

Das Kirchweihfest gehörte zu den Höhepunkten im Leben jeder Gemeinde. In der Kirche wurde ein Hochamt gefeiert, dem die Dorfbewohner in ihrer farbenfrohen Festtagstracht beiwohnten. Buden und Verkaufsstände säumten den Weg zur Kirche. Die "Herrlichkeit", die es hier zu kaufen gab, waren der langersehnte Traum aller Kinder. Die Eltern, Großeltern oder Paten waren an diesem Tag besonders großzügig und spendierten den Kindern schon mal eine Krone oder ein paar Heller, um Süßigkeiten zu kaufen.  Die Mädchen knüpften sich aus dem Taschentuch (mundartlich "Schnupptiachal") ein kleines Bündel, um dort alle erstandenen Kostbarkeiten unterzubringen.

Nach dem kirchlichen Segen am Nachmittag spielte die Blaskapelle zum Tanz auf. Aus den Nachbardörfern kamen auch Festgäste. Wenn der Platz auf dem Tanzboden zu eng wurde, wurde auf dem Anger weitergetanzt. Die verheirateten Männer trafen sich im Schenkgarten auf der Kegelbahn. Das Kirchweihfest  war ein Fest für das ganze Dorf!

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Zuckerrübenernte in der Sprachinsel

In der Landwirtschaft gibt es alljährlich Spitzen- oder Erntearbeiten, wo ein Achtstundentag nicht möglich ist, sondern von früh bis spät geschafft wird. Zu einer solchen Ernte gehörte in der Sprachinsel die Zuckerrübenernte. Größte Sorgfalt wurde dem Anbau der Zuckerrübe zugewendet, zumal sich der Boden in der Wischauer Sprachinsel und Umgebung dazu vorzüglich eignete. Auf tiefgründigem, nährstoffreichem, humosem und sandigem Lehmboden gedeiht die Zuckerrübe am besten. Deshalb haben die Bauern schon im Herbst unter gleichzeitigem Einbringen des Stallmistes das Feld tief gepflügt, und im Frühjahr den Boden zur Saat mit Egge und Walze vorbereitet. Die moderne Düngelehre von Justus Liebig, er war Chemiker und bedeutendster Naturforscher des 19. Jahrhunderts, war wohl schon bei den Landwirten bekannt, doch war sie in der Sprachinsel noch nicht erforderlich. Der vorhandene Boden gab ja die besten Voraussetzungen für den Zuckerrübenanbau mit Spitzenernten. Die Pflege nach der Saat umfasste mehrmaliges Hacken zur Bodenauflockerung und Unkrautvertilgung, dann folgte das Versetzen und Verziehen der Pflänzchen. Im Sommer verlangte die Zuckerrübe reichliche Niederschläge, später trockenes und sonniges Wetter zur Ausreife und Zuckerbildung. In der Fruchtfolge steht die Zuckerrübe nach der Kartoffelernte.

In dieser Zeit des Herbstes gab es für Wochen diese Spitzen- oder Erntearbeit. Alle waren vorbereitet und alle hofften auf günstiges (trockenes) Wetter. Mit einem Spezialpflug wurden die Zuckerrüben aus der Ernte gehoben, andere wieder hoben sie mit einem Spezialspaten aus dem Boden und warfen sie auf einen Haufen. Frauen streiften mit einem längeren Messer die Erde ab und köpften die Rübe, die Kappe (Blattmasse) kam dann vom Haufen in den Hof als Grünfutter oder fürs Silo. Männer kamen mit dem Fuhrwerk,  luden die Zuckerrüben mit der Zuckerrübengabel auf und brachten sie zur Anlieferungsstelle. In Gundrum gab es zwei, eine im Oberdorf an der Kaiserstrasse, die andere an der Eisenbahnhaltestelle. An jeder Anlieferungsstelle war ein Wagehäuschen mit Waage, dort wurde Brutto, nach dem Abladen Tara festgestellt. Netto trug der (die) Waagmeister (in) ins Büchlein ein. Die Straßen- oder Wegeverhältnisse bei Regenwetter kann sich jeder selbst ausdenken. Oft  mußte dann ein Vorspann - also vierspännig, ein Wagen buchstäblich aus dem "Dreck" gezogen werden.  Für uns Kinder war das ein tolles Ereignis. Um Allerheiligen, wenn die Zuckerrübenfabrik angefahren wurde (so der Volksausdruck), also ihren Betrief aufnahm, brachten Lohnfuhrwerker die Rüben von der Anlieferungsstelle, dem riesigen Zuckerrübenhaufen, nach Wischau in die Zuckerfabrik zur Verarbeitung. Mehrere Bauern brachten die Zuckerrüben direkt nach Wischau in die Fabrik, um auf dem Rückweg Zuckerschnitzel mitzunehmen, die mit dem Blattwerk ein ausgezeichnetes Rindviehfutter - Silage für den Winter ergaben. Beim Einsilieren (da hieß es im Volksmund " Schnitte treten") wo schichtweise Blattwerk und Zuckerschnitzel abwechselnd gelagert wurden, war der Einsatz nach Wunsch der größeren Kinder zum Eintreten der Masse möglich. Hiermit ist der Beweis erbracht, auf welch hohem Niveau die Landwirte der Sprachinsel zur damaligen Zeit Agrat- und Futterwirtschaft betrieben.

Um oder nach Weihnachten herrschte an einem Wochentag, den die Direktion der Zuckerfabrik über die Gemeinde bekannt gab, im und vor dem Wirtshaus reges Treiben. Für alle Zuckerrübenlieferanten war dies der Zahltag und zugleich für jeden die Auslieferung des Kontingents an Zucker. Die Frauen freuten sich über die zu erwartende Menge an Zucker, und die Männer über die zu erwartenden Auszahlung ihres Lohnes für die harte Arbeit an der Zuckerrübe.   (von Martin Ribnitzky, früher Gundrum)

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Heiliger Abend in Lissowitz

Es war der 24. Dezember 1932, Heiliger Abend. Ich war damals 16 Jahre, meine Schwester 10 Jahre und der Bruder 8 Jahre alt. Wir hatten eine schöne, weiße Winterlandschaft und einige Kältegrade mit etwa 5 cm Neuschnee. Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest waren getroffen. Die meisten Dorfbewohner waren Selbstversorger. Eine Bauernfamilie hatte fast alle Lebensmittel daheim. Auch mit Fleisch waren wir gut versorgt. Meistens wurde vor den Weihnachtstagen ein großes Schwein geschlachtet. Das ausgelassene Fett (Schmalz) kam in große Tontöpfe. Die Mutter konnte das Schmalz über das ganze Jahr hindurch sehr gut gebrauchen, vor allem zum Kochen, Braten - aber auch als Brotaufstrich hat es uns immer sehr gut geschmeckt. Ein weiterer Festtagsbraten waren die gemästeten Gänse und Enten. An Fleisch hat es an den Feiertagen nie gefehlt. Die Dämmerung in den Adventstagen begann schon frühzeitig, und so wurden auch die Haustiere früher als normal versorgt, daß heißt gefüttert, getränkt und die Kühe gemolken. Es war immer oberstes Gebot, an solch großen Feiertagen auch an die Tiere zu denken, sie bekamen an solchen Tagen besseres, aber auch reichlicheres Futter. Wenn die Stallarbeiten fertig waren, nahmen alle Hausbewohner zusammen in der Küche das Abendessen ein. Plötzlich waren immer wieder vereinzelt laute Gewehrschüsse zu hören. Dies war das Zeichen, besonders für die Kinder, daß im Dorf das Christkind kommt. Nach dem Essen gingen wir gleich auf die Dorfstraße. Man sah in allen Fenstern gut geschützt Kerzen brennen. Unsere Dörfer   waren Reihen-Dörfer, daß heißt, die Häuser waren aneinander gebaut. Es war fast nie eine Hauslücke vorhanden. An diesem Abend war stets etwas Feierliches, Besinnliches, Glanzvolles im Dorf festzustellen. Ein Bauernhaus hatte im Durchschnitt vier bis fünf Fenster zur Dorfstraße. In jedem Fenster standen ein oder zwei Kerzen. Im ganzen Dorf konnten mehrere hundert Lichter an diesem Abend bewundert werden. Oft waren die Fenstervorhänge zur Seite gezogen und man sah in die hellerleuchteten Bauernstuben, in den Stuben stand fast überall ein Christbaum. Er war mit verschiedenen Weihnachtsgebäck behangen, Lametta und Wachskerzen gaben ihm ein schönes Aussehen. Den Gipfel des Baumes zierte oft ein silbriger Stern, aber auch ein selbstgemachter Engel aus Weihnachtspapier krönte die Spitze. Vom Unterdorf hörten wir Trompetenklänge. Ganz langsam schritten zwei Musikanten durchs Dorf. Sie bliesen schöne, alte, bekannte Weihnachtslieder, wie: Stille Nacht, Heilige Nacht - Oh du Fröhliche, oh du Selige - Ihr Kinderlein kommet - Hirten auf um Mitternacht - und viele mehr. Durch die beleuchteten Fenster wurde die Dorfstraße etwas Besonderes, etwas Besinnliches. Aber auch der Gemeindehirte ging mit seiner langen Peitsche durchs Dorf, mit lautem Peitschengeknall kündete auch er die Weihenacht an. Zwischendurch fiel auch ein Gewehrschuß. Unsere Gemeindejagd, ungefähr 60 ha Felder, dazu Wiesen aber kein Wald, war stets an einen Landwirt in der Ortschaft recht günstig verpachtet worden. Es waren ca. 25 Landwirte und Arbeiter vom Dorf an der Ausübung der Gemeindejagd beteiligt. Wald hatten wir keinen. Damals gab es noch sehr viele Feldhasen. 250 - 350 wurden jedes Jahr abgeschossen. Aber auch Rebhühner wurden geschossen, diese wurden von Mitte August bis Ende Dezember gejagt. Die Jäger hatten ein zweiläufiges Jagdgewehr. Dazu brauchten sie einen Waffenpaß und eine Jagdkarte. Mein Vater war auch ein Jäger, und so mußte ich mithelfen, daß genügend Patronen zur Hand waren. So durfte ich auch ab und zu mal, unter der Aufsicht des Vaters in die Luft schießen. Somit gehörten eben auch die Schüsse am Heiligen Abend zum Zeremoniell. So ein Heiliger Abend mit diesem Weihnachtszauber dauerte bis egen Mitternacht. Wir Burschen und Mädchen mußten nun heimgehen. Es brannte noch der Christbaum und unter dem Baum lagen die Geschenke. Für die Kinder Weihnachtsgebäck, Süßigkeiten, Südfrüchte, aber auch Unterhaltungsspiele. Für die Mädchen durften natürlich die Puppen mit Puppenwagen nicht fehlen, und für die Buben ein Schaukelpferd; wenn die Kinder sehr brav waren und die Eltern es sich leisten konnten, wurde auch mal eine kleine Eisenbahn geschenkt. Unter den Erwachsenen wurden praktische Geschenke verteilt. Aber auch an das Dienstpersonal, Mägde und Knechte wurde gedacht, denn auch sie erhielten vom Bauern Geschenke. Alle freuten sich unterm Weihnachtsbaum. Gemeinsam wurden noch Weihnachtslieder gesungen und dann war es höchste Zeit zum ins Bett gehen. Die Kerzen in den Fenstern wurden gelöscht, man mußte ja am anderen Tage recht bald aufstehen. Der erste Weihnachtsfeiertag wurde mit dem Besuch der Christmette um 5 Uhr morgens begonnen. Es war eine recht kurze Nacht. In einem jedem Haus blieb eine Person daheim, die versorgte das Vieh, denn man wollte auch das Vieh  an Weihnachten nicht alleine lassen. Diese Person besuchte dann eine spätere Messe, das sogenannte Hirtenamt. In der Zwischenzeit wurden wieder die Kerzen in den Fenstern entzündet, die Jäger schossen nochmals. Auf dem Kirchtum standen zwei Trompetenbläser, und es ertönten vertraute Weihnachtslieder zu der hochheiligen Weihnacht! (von Anton Schickl)

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Frühjahrsputz in der Wischauer Sprachinsel

Es ist ein wunderschöner Frühlingstag, Mutters Gedanken gehen mal wieder nach Hause spazieren. Sie erzählt: "Dahuam hot ma iatz scha kladat". (Daheim hat man jetzt schon geweißelt.) Sobald sich die ersten Sonnenstrahlen am Himmel zeigten, wurde es im Haus lelbendig. Die Frauen und Mägde waren nicht mehr zu bremsen. Großputz in Haus und Hof war angesagt. Da gab es noch keine Fertigfarben. Der tschechische "Kolichmau" (Kalkmann) brachte Kalkstein, der gelöscht und zum Weißeln verwendet wurde. Vom Schlafzimmer bis zum Stall wurde alles durchgeputzt und geweißelt. Der Kalkanstrich diente nicht nur der Schönheit, sondern war gleichzeitig eine Vorbeugung gegen Infektionskrankheiten, die Räume wurden dadurch steril gemacht. Auch der Garten blieb nicht verschont. Die Bäume wurden ausgeputzt und die Baumstämme weiß getüncht und das Gras abgerechelt. An Ostern mußte alles blitzsauber sein. Die Häuserfassaden strahlten in blendendem Weiß. So war es nicht wunderlich, wenn Landschaftsmaler in unser Dorf kamen.

Als Kind mußte ich oft Malern Modell sitzen. Sie paßten mich ab, wenn ich von der Schule kam, was mir gar nicht gefiel, denn ich hatte mächtig Hunger und sehnte mich nach Mutters Kochtopf, außerdem fand ich es langweilig, mit der Schultasche dazusitzen und die Anweisungen des Malers zu befolgen, da ich doch zu Hause schon manche Arbeiten, die mir auch Spaß machten, z.B. Butterstampfen - erledigen konnte.

Meine Gedanken gehen Jahre zurück zu sauberen, weißgetünchten Häusern, deren besonderen Duft ich noch heute in Erinnerung verspüre. (Hilde Marischler-Goll, früher Swonowitz)

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Als man noch das Gras mit der Sense mähte:

Anfang Juni, wenn die zwar leichte, aber eintönige Arbeit an den Hackfrüchten wie Futter- und Zuckerrüben, Kartoffel, Mohn und Gemüse beendet war, begann für unsere Bauern in der Wischauer Sprachinsel eine wichtige Sommerarbeit, nämlich die Heuernte. In unserem Dorf Rosternitz gab es in Richtung Nouzka und Wischau von der Bohda durchzogene feuchte Gemeindewiesen. Im Besitze der Bauern befanden sich nur wenige Wiesen, die man Hauswiesen nannte. Obwohl die gemeindeeigenen Wiesen weder jemals gedüngt, noch umgeackert wurden, wuchs das Gras sehr gut. Es waren noch natürliche,feuchte Wiesen mit vielen Blumen, wie Storchenschnabel, Hahnenfuß, Acker-Witwenblume, Margarite, Wegwarte und viele andere, sowie mit verschiedenen nahrhaften Kräutern, wie sie heute bei der intensiven landwirtschaftlichen Bodennutzung nicht mehr anzutreffen sind. In diesem Blumenreichtum lebten sehr viele Insekten, Schmetterlinge und andere Tierarten. Unvergeßlich ist mir das Zirpen der unzähligen Grillen und das Schlagen der heute fast ausgestorbenen Wachteln in der Abenddämmerung.

Die Berechtigung zum Abmähen der Gemeindewiesen mußte jeweils im Sommer und im Herbst ersteigert werden. An Stelle von steigern sagte man lizitieren. Der Bürgermeister wartete eine Hochwetterlage ab und ließ dann durch den Austrommler, er war meines Erachtens Gemeindeangestellter und versah auch den Dienst als Nachtwächter, die Lizitation bekanntgeben. Am nächsten Tag, am spätern Nachmittag kam das Gemeindeoberhaupt mit den Interessenten zusammen und die Versteigerung konnte beginnen. Auf Geheiß des Bürgermeisters mußte ein Helfer jeweils ein Viereck abschreiten. Der so entstandene Trampelpfad zeigte die Grenzen des zu versteigernden Wiesenstückes an. Der Meistbietende bekam den Zuschlag und mußte gleich an Ort und Stelle bezahlen. Sein nun erworbenes Besitzrecht machte der Bauer sichtbar, indem er ein spitzes, mit der Hausnummer versehenes Holztäfelchen in die Wiese steckte.

Nachdem die Wiesen versteigert waren, traf man sich in einem der Wirtshäuser, wo dann der Bürgermeister auf Gemeindekosten ein großes Faß Bier anschlagen ließ. Daß das Freibier am besten schmeckt, ist alltbekannt.

Nunmehr konnte man mit den Vorarbeiten beginnen. Dazu gehörte die Überprüfung und Bereitstellung der damals noch aus Holz bestehenden Heugabeln und Rechen sowie vor allen Dingen der Sensen. Denn gemäht wurde, wie es schon immer war, mit der Sense, obwohl unsere Bauern ausnahmslos schon mit Mähmaschinen ausgerüstet waren. Die wichtigste Vorarbeit war das "Dengeln" der Sensen. Dazu mußten die Sensenblätter vom Griff (Wurf), indem man einen Keil losklopfte, gelöst werden. Auf dem Dengelstock sitzend klopfte der Bauer, oft war es auch der Ausgedingbauer,  mit dem Dengelhammer die Schneide des Sensenblattes fein aus. Mit dem Wetzstein wurde noch der letzte Schliff gegeben. Am nächsten Morgen in aller Frühe um 5.00 Uhr, das Gras mußte noch vom Tau feucht sein, ging es zu Fuß hinaus in die Wiesen. Der Bauer mähte vorneweg, dahinter der Knecht und die Mägde. So wurde Mahd für Mahd hingelegt. Dazwischen mußte immer wieder die Sense mit dem Wetzstein, der im Kumpf im Wasser steckte, geschärft (gewetzt) werden.Der Kumpf hing bei den Männern am Gürtel (Schmolriemer) auf dem Rücken. Noch bevor die letzte Mahd gemäht war, begannen die Frauen oder Mädchen mit der Gabel (Gopl) die Mahden zu zerstreuen. Das Heu blieb nun so bis zum nächsten Vormittag liegen.

Am nächsten Tag, so gegen 9.00 Uhr, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stand, wurde es gewendet, damit es auch von der anderen Seite trocken konnte. Diese leichte Arbeit verrichteten die Frauen oder Mädchen.Am Nachmittag, wenn das Heu schon fast ganz trocken war, wurde es zu Schwaden - Stränge - zusammengerecht und letztlich zu mannshohen Heuschobern aufgesetzt. Das Heu, das so gegen Regen geschützt war, wurde, wenn es das Wetter zuließ, am kommenden Morgen, sobald der Tau verdunstet war, zum Trocknen zerstreut und nochmals gewendet. Est jetzt kam der Bauer mit dem Leiterwagen, um das dürre Heu aufzuladen und nach Hause zu fahren. Eine Gabel Heu nach der anderen wurde vom Fuhrlader auf dem Wagen entgegen genommen und Schichtweise aufgesetzt. Die Höhe der Heufuhren richtete sich zumeist nach den Scheunen- oder Hoftoren, denn unsere Bauernhöfe waren fast alle in sich abgeschlossen.

Wenn nun die Fuhre fertig beladen war, wurde der Wiesbaum aufgelegt und von kräftigen Männern mit einem Seil festgezogen. Das Heu konnte nun nicht verrutschen. Schließlich wurde die Fuhre noch abgerecht, damit sie gut aussah und kein Büschel verloren ging. Die Heimfahrt verlief langsam und vorsichtig, denn die Wege waren nicht immer eben und man mußte darauf achten, nicht umzuwerfen. Eine umgeworfene Heufuhre war für den Fuhrmann eine Schande und hat sich im Dorf wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Glücklich zu Hause angekommen wurde das duftende Heu auf dem Heustock abgeladen und festgetreten, damit man viel Platz hatte. Das Festtreten besorgten meiste die Kinder. Es machte, so habe ich es noch in Erinnerung, einen heiden Spaß, weil man ganz tief im Heu versank.

Die Heuernte war keine leichte Arbeit. Da floß bei den sommerlichen Temperaturen so mancher Tropfen Schweiß. Aber das hat man gerne hingenommen und gehörte einfach dazu.Das Heu wurde in unserem Haus ausschließlich den Pferden verfüttert. Warum das so war, interessierte mich damals als junger Bursche nicht. Wenn alles unter Dach und Fach war, waren alle Beteiligten froh und zufrieden, denn man konnte sich nun wieder anderen geruhsameren Arbeiten zuwenden. Heutzutage, nach nunmehr mehr als einem halben Jahrhundert, haben sich die Arbeitsweisen in der Heuernte grundlegend geändert. Die Arbeit ist leichter geworden. Die Sense, der Wetzstein, der Heurechen und Heugabeln haben ausgedient und man sieht sie oft nur noch in Heimatmuseen. Auch den Leiterwagen kennt man nicht mehr. An ihre Stelle traten Traktor, Mähmaschine, Wender, Heupresse und Ladewagen. Dazwischen liegt nunmehr eine ganze Welt!!!  (von Johann Legner, ehem. Rosternitz))

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"Die Musterung" in dem Dorf Kutscherau

Die Musterungen (Assentierungen) waren auch mit besonderen Bräuchen verbunden. Zwei Tage vor der Musterung wurde der Baum, eine Tanne oder Fichte, in der Nachbargemeinde "organisiert". Dort warteten die Musterungspflichtigen bis zum Dunkelwerden und tranken sich Mut und Kraft an. Dann trug man den Baum auf den Schultern durch das ganze Dorf, wobei alte österreichische Rekrutenlieder gesunden wurden. So z.B.:

Nach Wischau hams uns gführt - dort hab'ns uns assentiert,

dort haben wir's erfahren, ob wir tauglich sein oder net.

Der Hauptmann schaut heraus, er lacht uns alle aus,

seid gegrüßt ihr Brüder, ihr kommt keiner mehr nach Haus.

Was nützt uns der Hauptmann, sein Reden und sein Rat,

wenn manches Dirndl keinen Liebhaber mehr hat!

Der Kaiser von Österreich, der hat uns kommandiert,

der Regent von Böhmen muß die Länder verliern.

Die Länder nicht allein, Soldaten müssen sein,

müssen sein Soldaten, ob sie groß sein oder klein.

Das Pulver und das Blei, das haben wir genug,

das schickt uns der Kaiser, von Österreich schon zu.

Die Dirndl der Burschen schmückten den Baum mit Bändern und Sträußen Am frühen Morgen fuhren dann die Burschen mit dem Bürgermeister nach Wischau. Nach der "Assentierung" wartete schon das ganze Dorf auf die Heimkehrenden. Die erste Runde durch das Dorf war den "Tauglichen" vorbehalten. Diese hatten den Hut mit großen Blumen-Sträußen geschmückt. Am Abend gab es dann "Rekruten-Musik". (Eilsabeth Butschek, ehem. Kutscherau)

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Die Sprache der Wischauer Sprachinsler miteinander

Die Sprachinsler hatten in ihrer Familie und in der Gemeinschaft ein feines Benehmen. Die Eltern wurden mit Ihr (Ejs) angesprochen, so auch die Verwandten und Gemeindemitglieder. Meine Mutter erzählte mir oft, daß sie Großvater um einen Kreuzer für das Schulheft inständig bitten mußte und bei Tisch nach dem Tischgebet nicht mehr gesprochen wurde, ja es herrschte Disziplin.

Auch bei den Gesprächen war man nett zueinander. Es war ein guter Zusammenhalt unter den Sprachinslern. Mit Landwirtschaft und Viehverkauf mußte  man seine Familie, Haus und Hof versorgen. Wenn es da mal ertragsmäßig nicht so gut ging, war es schon ein hartes Jahr für die Familie. Hatte mal einer eine Pechsträhne, half das ganze Dorf zusammen, um ihm seine Existenz wieder zu ermöglichen.

Es war eine Gemeinschaft, die es in derheutigen Zeit fast nicht mehr gibt und man nur noch dort finden kann, wo es ein gesellschaftliche Ordnung und es Menschen gibt, die darauf achten, daß unsere manchmal brutale Welt nicht im Egoismus zusammenfällt.

Ich glaube - und das wird mir sicher mancher Wischauer bestätigen - daß die Bindung an die alte Heimat so nah ist, weil da einfach eine Geborgenheit war.   (Hilde Marischler-Goll, früher Swonowitz)

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Zwetschgenmus kochen  (Kriechan sian)

In der Wischauer Sprachinsel gab es viele Zwetschgenbäume. Die aromatischen Früchte wurden in großen Töpfen zu Mus gekocht. Nach Erzählung meiner lieben Mutter ging das so vonstatten:

Zwei oder drei Tontöpfe wurden in Lehm eingemauert und darunter eine Feuerstelle errichtet, mit langen Holzscheiten beheizt. Die Zwetschgen wurden zerkocht und durch ein Sieb geschüttet, daß die Körner übrig blieben. Nun begann das Kriechan-Sian. Mit großen Holzlöffeln wurde Tag und Nach gerührt, denn anbrennen durfte nichts. Für die Jugend war das Rühren in den Abendstunden besonders reizvoll, sie meldeten sich mit Begeisterung zum Kriechan-Rühren. Da gab es viel Spaß und manches Techtelmechtel begann. Bis die Kriechan fest waren, dauerte es ca. drei Tage - es waren wunderschöne lustige Tage für alt und jung. Auch die Kinderhatten ihren Spaß, durften sie doch die süßen Kriechan lecken. Das Zwetschegnmus warjahrelang haltbar, da es sehr fest und mit viel Liebe gekocht wurde.

Für die Männer blieb auch noch was gutes für den Magen übrig, sie brannten von den restlichen Zwetschgen Schnaps, den im Winter jeder gerne mochte. Natürlich paßten sie höllisch auf, daß dieFrauen nicht alle Zwetschgen verkochten, denn der Winter in der Sprachinsel war sehrkalt, da tat innere Erwärmung Not.

Es gab Zwetschgenmus für süße Mäuler und verschmitztes Kinderlachen,  Zwetschgenmus für Buchteln und so manch süßen Sachen,

Zwetschgen in Form von starkem Wasser, ja, die Wischauer-Zwetschgen hatten viele Nascher! (Hilde Marischler-Goll, früher Swonowitz)

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Wallfahrten der Sprachinsler

Wenn im Frühsommer auf den Feldern das Getreide reifte und bevor die Erntezeit den vollen Einsatz der Landwirte und ihren Helfern erforderte, gab es noch eine etwas ruhigere Zeit, um noch zum Wallfahren oder auf den "Gutsbaich" zu gehen.

Schon am Vorabend der Wallfahrt wurde im "Bischakarbl" oder "Zaika" Proviant und etwas zum Trinken eingepackt. Auch das "gria Tuach" wurde zum Schutz vor dem Regen bereitgelegt. Am nächsten Morgen sammelten sich die Pilger, meistens am Dorfende, wo es dann als Prozession, voraus das Kreuz mit Fahnen und dem Vorbeter, unter abwechselnden Gesang und Beten des Rosenkranzes, in Richtung Nemcan oder Kiritein ging. Am Wallfahrtsort wurde eine heilige Messe gefeiert, jeder Pilger hatte hierbei oder auch nachher Gelegenheit, seine ganz persönlichen Anliegen, der von Familienangehörigen oder die von Haus und Hof vor dem Gnadenbild darzubringen.

Geistig gestärkt ging es am Nachmittag wieder mit einer Prozession zurück zum Heimatdorf. Des öfteren wurden die Fußpilger von Kititein kommend in Radschitz von Angehörigen erwartet, um sie nach einer kurzen Rast - versehen mit einer kleinen Stärkung und um ihnen den längeren Fußmarsch etwas abzukürzen - im "Bischabangl" nach Hause gebracht. Wurde die Wallfahrt auf zwei Tage ausgedehnt, übernachtete man auch in Kiritein. Dort hielten tschechische Bewohner einfache Räume bereit, um gegen ein kleines Entgelt auf dem Fußbogen übernachten zu können. Im Heimatdorf wurden die Pilger von den Daheimgebliebenen - hauptsächlich von den Kindern - erwartet, die sich schon auf die mitgebrachten kleinen Geschenke und Andenken freuten. Nach Nemcan und Kiritein pilgerten auch einzelne oder mehrere Familien mit dem bespannten "Bischabangl". Größere Wallfahrten, die mehrere Tage dauerten, führte die Sprachinsler auch nach Velehrad oder Maria Zell in Österreich.

So nutzen die Sprachinsler die Vorerntezeit, um den Segen für Familie, Haus und Hof von den verschiedenen Wallfahrtsorten einzuholen. Diese Wallfahrten, die über einen sehr langen Zeitraum ein fester Bestand in der Sprachinsel waren, endeten jäh mit der Vertreibung. Heute nach mehr als über einem halben Jahrhundert nach der Vertreibung besuchen Sprachinsler wieder die ihnen  vertrauten oder durch Erzählungen bekannten Wallfahrtsorte. Dabei werden sie sicherlich all jene Angehörigen in ihren Anliegen und Fürbitten miteinschließen, die selber vor Jahrzehnten mit den früheren Dorfgemeinschaften zu den vertrauten Wallfahrtsorten pilgerten.      (Josef Legner, früher Hobitschau)

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"Jerichtoch - Granitzgang"

Der Sankt Georgstag oder "Jerichtoch" ist der Tag der Grenzbegehung. Über Aufforderung des Bürgermeisters treffen sich an diesem Tage die Rosternitzer Männer an einem vorher bestimmten Ort und wandern sodann geschlossen um die Grenzen des Dorfes, diese selbst besichtigend, aber auch Weg- und Brückenreparaturen besprechend, die dringend nötig geworden sind. Ist der Grenzgang abgeschlossen,   begeben sich alle ins Dorf zurück ins Wirtshaus. Ein Kalb wurde  indessen zubereitet, das mit Kraut verzehrt wird. Dazu gab es Freibier. Im benachbarten Lultsch (Lulec), das tschechisch war, war der Brauch ebenfalls bekannt. (Dr. L.Bergmann Buch: "Sprachinsel bei Wischau" 1939)

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"Die Kreisjagd der Gundrumer Jägergemeinschaft"

Wenn der Bauer die Ernten einbringt, morgens Nebel auf Felder und Wiesen ruht und dieser gegen die Mittagszeit langsam hoch steigt, die Tage kürzer und die Nächte länger werden, so merkt jeder "es ist Herbst". Auch die Blätter beginnen sich zu färben und der Wind treibt sie weit davon bis sie irgendwo in einer Ecke oder Mulde einen bunten Teppich bilden. Auf diese Zeit warten sehnsüchtig und freuen sich die Jäger, denn es beginnt die Jagd. In der Sprachinsel war es ja nur die "Nieder-Jagd", also eine Treibjagd auf Hasen, Wildkaninchen, Rebhühner und Fasane. An einigen Sonntagen im November luden die Gundrumer Jäger Treiber und uns Buben ein zur Treibjagd. Nach der Sonntagsandacht versammelten sich Jäger und Treiber vor dem Dorfwirtshaus, gingen durch den langen Wirtsgarten hinaus in Richtung Eisenbahnstrecke, um gleich nach Hasen und Rebhühner zu jagen. Eine genaue Linienordnung musste eingehalten werden, um Jagdunfälle zu vermeiden. In Gundrum waren es um die 25 Jäger, von denen Marcik Karl, so erinnere ich mich aus den dreissiger Jahren, als Jagdpächter hervortrat. Alle übrigen Gundrumer Jäger scharten sich um ihn und unterstützten ihn gegenüber der Gemeinde. Jagd ist auch Waidwerk und bedeutet dem waidgerechten Jäger nicht nur Abschuss des Wildes, sondern auch vor allem seine Hege. Als Jäger und besonders als Heger sind mir zwei Namen in guter Erinnerung: "Marcik Anton und Bernard Anton". Beide betrieben die Hege des Wildes besonders dann fleissig, wenn es einen schneereichen Winter gab. Marcik Poldi und ich durften als Buben einige Male im Pferdeschlitten mit Bernard Anton mitfahren, um an der Futterstelle das Wild zu füttern. Im Steingrund war eines von   mehreren Futterhäuschen aufgebaut, wo wir Heu in die Futterkrippe und Körner auf Schnee befreiten trockenen Boden im Futterhaus schütteten. Hasenspuren u.a. verrieten immer einen regen Zulauf zur Futterkrippe.

In einem Jahr war es besonders interessant, wenn mit Hilfe eines "Uhu", der in der großen Voliere saß und die lauernden Jäger auf die tief kreisenden oder herabstürzenden Raubvögel, von denen es in manchen Jahren im Steingrund mehrere gab, schossen. Da hatte der Kaufmann und Jäger Marcik Anton den Hauptanteil getragen, da er den Uhu holte, hegte und pflegte. Wir Buben durften den Vogel an manchen Tagen im Voliere beim Marcik bestaunen.

Auch die Kaninchenjagd im hinteren Steingrund gehörte zu den Besonderheiten der Jäger. Der Höhepunkt der Jagd aber war alljährlich die Kreisjagd. Sie fand an einem Werktag Ende November statt und begann am frühern Morgen. An die 50 Jäger und ebenso viele Treiber waren versammelt. Jagdfreunde aus den Nachbarorten und namhafte Persönlichkeiten, so z.B. Pfarrer Fröhlich aus Rausnitz, wurden eingeladen und kamen, um an der Treibjagd teilzunehmen. Selbstverständlich fehlten Jagdhunde nicht, die aber erst dann eingriffen, wenn sie der Jäger apportierte. Als ausgezeichneter Jagdhund war der von Marcik Anton bekannt. Der erste Bogen (Kreis) war am Reiterberg, mehrere weitere Bögen erstreckten sich über die Gundrumer Flur. Die erlegten Hasen trugen die Treiber nach jedem Bogen zu Jileks wartendem Pferdefuhrwerk, der bis zum Abend die Jäger begleitete, um die erlegten Hasen aufzuladen. Der Mittag war im "Mitterleß" (kommt von Löß),beim steinernen Marterl neben dem Feldweg nach Nemcan, wo der Wirt - in den dreissiger Jahren war es Piffl Lorenz - mit einem Fuhrwerk kam, um Jäger und Treiber zu verpflegen. Nach der kurzen Mittagspause ging es weiter bis zum Abend, wo dann am Schlussbogen eine Blaskapelle wartete, um die müden Jäger und Treiber mit Musik vom Unterdorf zum Wirtshaus zu begleiten.

Ein kräftiges, scharfes, kostenloses Hasengulasch, sowie Freibier vom Fass bekamen alle, um sich nach getaner Arbeit zu stärken. Stolz verkündete der Jagdpächter Marcik Karl die Zahl der geschossenen Hasen, es waren so um die 400 und mehrere Rebhühner; er bedankte sich bei allen und war froh über die gelungene Kreisjagd. Sogleich zogen sich einige Gruppen abseits, um ein deftiges Kartenspiel nicht zu versäumen. Andere wieder blieben sitzen, um zu plaudern und Erlebtes zu erzählen. Natürlich fehlte bei vorgerückter Stunde nicht das Jägerlatein. Doch dies tat bestimmt keinem weh, sondern erheiterte die Stimmung, war es doch ein gelungener schöner Tag an den und von dem noch lange im Dorf gedacht und gesprochen wurde. (Martin Ribnitzky, früher Gundrum)

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Frühjahr in der Wischauer Sprachinsel

Sobald das Eis in den Bächen und Teichen weggetaut war und die letzten Schneereste, die wie weiße Tücher auf den Feldern lagen, durch die nun schon warme Frühjahrssonne dahinschmolzen, das war in der Regel so Mitte März, wurden die Bewohner der Sprachinsel so langsam wieder ungeduldig. Vorbei war nun der meist sehr kalte und schneereiche Winter. Die Zeit der Schlachtfeste, der Ruhe und Beschaulichkeit, auch die Zeit der großen Bälle, die die Rosternitzer in ihrem Volkshaus feierten und die Faschingszeit waren längst vorbei. Sie aber lieferten noch lange danach in unserer dörflichen Bescheidenheit Gesprächsstoff, denn so manches Techtelmechtel nahm bei solchen Anlässen den Ursprung.

Es stand nunmehr ein ganz wichtiger Abschnitt im jährlichen Zyklus der Sprachinsler sozusagen vor der Tür. Es war die Zeit der Bestellung der Felder und Gärten. Ob voll- oder nebenerwerblich, sie alle, die Sprachinsler, waren mit der Scholle tief verbunden. Hier scheint auch die Wurzel zu liegen, die die Verbundenheit vor allen anderen vertriebenen Volksgruppen auszeichnet.

Für die Frühjahrsbestellung hatten auch unsere Bauern während der Winterzeit gut vorbereitet. So zum Beispiel wurden die Geschirre der Zugtiere durch die Sattler, die es damals noch in jedem Dorf gab, ausgebessert und das Lederzeug wieder geschmeidig gemacht. Auch die Wagen wurden während dieser Zeit, in der sie ja kaum benutzt wurden, vom Wagner oder Dorfschmied repariert und zu Hause dann gestrichen. Ackergeräte wie: Pflüge, Eggen, Kultivatoren, Sämaschinen usw. wurden überprüft und in einsatzfähigen Zustand gebracht. Aber noch hieß es warten, bis die Schollen abgetrocknet, aber nicht vertrocknet waren. Wen es soweit war, waren die Bauern der Sprachinsel nicht mehr zu halten. Sie bespannten nun die Wagen mit ihren Pferden oder Kühen, öffneten die Hoftore und hinaus ging es in die Fluren, um die fruchtbaren Felder für die Aussaat vorzubereiten. Die erste Arbeit war das Abstreifen der im Herbst umgeackerten Felder. Das geschah in der Weise in dem der Bauer ein dickes Brett nahm, es konnte aber auch ein Seitenbrett eines Mist- oder Bretterwagens sein, es auf die Scholle legte, auf beiden Seiten mit Ketten umspannte, die zur Zugwaage führten. Der Bauer stellte sich nun auf das Brett, die Tiere zogen an und die Schollen wurden so glatte und eben gestreift. Der so bearbeitete Acker war eben wie ein Tisch und es war keine Furche mehr zu sehen. Der nächste Arbeitsgang war das Auflockern des Bodens mit dem Kratzer - Krotzer -. Dieses Ackergerät war mit fünf kleinen, dreiecksförmigen, versetzt angebrachten Pflugscharen ausgestattet, die zur Auflockerung des Bodens dienten. Erst jetzt bespannte der Bauer seine Sämaschine und brachte dieFrühjahressaat, das waren Gerste und Hafer, in die Erde ein. Weizen und Korn dagegen wurden schon im Herbst eingesät. Bei dieser Arbeit wendeten unsere Bauern sehr viel Sorgfalt an und waren immer darauf bedacht, die Sämaschine schnurgerade zu steuern. Inwieweit das gelungen war, zeigte sich dann, wenn die Saat aufgegangen war. Der letzte Arbeitsgang war das eineggen des bestellten Ackers. Dies war mehr eine kosmetische Angelegenheit, damit der Acker für das Auge schön und gefällig dalag. Nun erst war der Bauer zufrieden über seine vollbrachte Arbeit und zog freudig weiter zum nächsten Acker.

Von meinem 16. bis 18. Lebensjahr hatte ich das Glück, die geschilderten Arbeiten mit unseren zwei Pferden selbständig und in voller Verantwortung auszuführen. Oft hielt ich während der Arbeit die Pferde an und beobachtete dieFeldlerchen, die es in unserer Heimat sehr zahlreich gab, wie sie sich singend immer höher und höher gegen den blauen Himmel schraubten, um sich dann plötzlich unvermittelt wie ein Stein zu Boden fallen zu lassen, sich aber im allerletzten Moment auffingen und dann weich landeten. Die Arbeit mit den Pferden hat mich in jener Zeit voll befriedigt und innerlich ausgefüllt. Leider wurde diese schöne Zeit durch einen Einberufungsbefehl der Deutschen Wehrmacht zum 15. Apri 1942 für immer unterbrochen. Das Licht der Sprachinsel bei Wischau ging 1945 für immer aus.

Etwa ab Mitte April wurde mit der Aussaat der Futter- und Zuckerrüben begonnen. Dies geschah mit genossenschaftseigenen speziellen Sämaschinen. Sie waren kombiniert, so daß der Rübensamen und Mineraldünger gleichzeitg in einem Arbeitsgang über Trichter in den Boden gelangten. Während die Männer mit der Frühjahrsbestellung von früh bis spät auf den Feldern beschäftigt waren, waren die Frauen und Mädchen zu Hause keineswegs untätig. Das Gegenteil war der Fall. Eine ihrer Hauptaufgaben im Frühjahr war es, die Wohnhäuser, Stallungen und Betriebsgebäude, Wagenschuppen usw. zu weißeln. Hierzu verwendete man gelöschten Kalk, der mit Bürsten aufgetragen wurde. Den Kalkstein brachten uns tschechische Fuhrwerker, es waren vermutlich Bauern aus dem Gebirge bei Ratschitz, in unsere Dörfer. Schon bei der Einfahrt in ein Dorf schrien sie laut und unüberhörbar: "Vapno, Vapno", das bedeutet Kalk, Kalk. Dieser wurde mit Wasser gelöscht, feucht in Vorrat gehalten und war so das ganze Jahr über verwendbar. Die Sockel der Gebäude wurden schwarz gestrichen mit Ruß. Wenn unsere Frauen und Mädchen diese Arbeit verrichtet hatten, sahen die Sprachinseldörfer sauber und makellos aus. In die Zuständigkeit der Frauen fiel auch die Bestellung der Gemüse- und Krautgärten. Letztere waren in der Regel außerhalb der Höfe. Wir waren in diesem Punkt, was Gemüse und Salat anbelangt, noch voll Selbstversorger. Die kleinen Gemischtwarengeschäfte auf den Dörfern führten weder Gemüse noch Salat. Eine weitere sehr wichtige Aufgabe oblag ebenfalls unseren Frauen und Mädchen im Frühjahr. Mit Beginn der wärmeren Jahreszeit begann die Legezeit der Hausgänse und Zuchtenten, die sich in unserem Dorf tagsüber auf dem Leinwandplatz oder im Dorfbach tummelten und zum legen der Eier kurz nach Hause kamen. Das alles mußte überwacht und deren Legen - und später die Brutnester mußten vorbereitet werden. Auch die Hühner begannen nun zu brüten, denn sie wollten nicht zurückstehen, sondern sich auch vermehren, was sie auch zum Wohle ihrer Besitzer in reichlichem Maße taten.

Eine weitere Arbeit, die ebenfalls im Frühjahr anstand, war das Mistführen. Bedingt dadurch, daß in jedem Haus große und kleine Tiere gehalten worden sind, sammelte sich sehr viel Mist an. Die Misthaufen befanden sich in den Höfen, unmittelbar neben den Stallungen und waren bis zu einem Meter tief. Der Mist, der sich vom Herbst bis zum Frühjahr angesammelt hatte, war durch die Winterfeuchtigkeit besonders gut verrottet und als Naturdünger sehr wertvoll. Das Aufladen des Mistes war Aufgabe der Frauen und Mädchen und das war eine schwere Arbeit. Denn der verfaulte Mist war feucht und besonders schwer. Aufgabe der Bauern war es, den Mist auf die Felder zu fahren.

Wenn all die genannten Arbeiten verrichtet waren, war man auch schon mitten im Frühjahr. Die Bäume begannen nun zu blühen, die Fluren verfärbten sich grün und es bot sich für das Auge ein wunderschönes Bild. Die Sprachinsler waren mit sich und ihrer gesunden Umwelt voll zufrieden. Die nun folgenden Hackarbeiten waren leicht und die Unterhaltung kam dabei auch nicht zu kurz. (Johann Legner, früher Rosternitz)

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Der gute alte Backofen

Wenn ich so an meine Kinder- und Jugendzeit in unserer Sprachinsel zurück denke, so fällt mir unter anderem auch der Brotbackofen ein, den es damals in den Bauernhäusern gab und mir noch in guter Erinnerung ist. Er war über Jahrhunderte aus dem Leben unserer Vorfahren nicht wegzudenken und lebensnotwendig für die Ernährung. Die alten Backöfen waren aus selbstgefertigten Lehmziegeln gewölbt und gemauert. Der Backraum war nicht hoch, eher niedrig. Ausgelegt war der Boden mit gebrannten Ziegeln. Sie nahmen die Wärme langsam auf, behielten sie aber sehr lange. Die Zeit in der das Brot für den Eigenbedarf noch in mühevoller Handarbeit gebacken worden ist, die ist nun schon längst vorbei.

Wollte die Hausfrau Brot backen, so mußte sie schon am Abend zuvor aus Hefe (der Ura) den Vorteig anmachen. Die erforderliche Menge  Mehl für den nächsten Tag, das war ausschließlich Kornmehl, wurde ebenfalls in die warme Stube genommen. Am Backtag selbst mußte die Bauersfrau schon in aller Frühe, während die anderen noch schliefen, aufstehen, um den Brotteig zuzubereiten. Dazu wurde nun das Mehl mit lauwarmen Wasser, Salz, Hefe und dem Sauerteig in einem Holzbottich, in der Mundart "Desen" genannt, vermischt und mit Händen so lange fest geknetet, bis es ein richtiger Brotteig war. Ein genaues Rezept gab es dafür nicht. Jede Hausfrau hatte da ihr eigenes, zumeist von ihrer Mutter oder Großmutter übernommene Rezept. So war das damals. Sodann wurde der nunmehr fertige Teig mit einem Tuch zugedeckt und etwa drei Stunden ruhen gelassen. Während nun der Brotteig ruhte, wurde im Backofen das Feuer vorbereitet. Dazu verwendete man Späne, Reisig und normales Brennholz. Erst wenn sich ein richtiges Feuer entfacht hatte, legte man die meterlangen Buchenscheite dazu. Diese waren aus bestem, astlosen Buchenstämmen gespalten und auf Vorrat für das ganze Jahr über trocken gelagert. Das Holz der Buche war hart, hatte eine große Heizleistung und verbrannte nicht so schnell wie weiches Holz. Hatte der Teig genug geruht, so wurde er in rundlich geformte Strohschüsseln getan, um ihn nochmals eine kurze Zeit gehen zu lassen. Die Schüsseln wurden zuvor mit Mehl bestäubt. Zwischendurch legte man immer wieder die langen Buchenscheite nach. Erst wenn der Backofen über und über mit der heißen Glut bedeckt war, konnte die Hausfrau mit den Brotbacken beginnen, denn jetzt war Boden und der ganze Ofen mit Hitze reichlich aufgeladen. Als Bub schaute ich schon mal beim Holznachlegen in den Ofen hinein. So oder so ählich stellte ich mir damals die Hölle vor. Die feurige Glut wurde nun mit einer dafür vorgesehenen Holzkrücke links und nach rechts an das Ofenende geschoben und der Boden mit einem nassen Strohbesen ausgewischt und von der Asche befreit.

Nach so viel Vorarbeit konnte es endlich mit dem Brotbacken losgehen. Die schön rundlich geformten Brotlaibe wurden nun einer nach dem anderen auf einem langen Brotschieber gelegt und in den aufgeheizten Backofen gelegt. Zuvor wurden sie noch mit einem kleinen Besen ein wenig befeuchtet. Das Ofentürchen wurde geschlossen und der Backvorgang nahm nun seinen Verlauf. Ab und zu öffnete die Hausfrau das Türchen und schaute nach. Wenn das Brot durchgebacken war, wurde es wiederum mit dem Schieber herausgenommen, mit dem Besen benetzt und zum Auskühlen zur Seite gelegt. Aufbewahrt wurde es in einem Regal stehend in der Hinter- oder Speisekammer. Zur damaligen Zeit gab es nur eine Sorte Brot, das sich lange frisch hielt. Während der Getreideernte konnten es schon wöchentlich 10 Brote sein, die da gebacken worden sind. Da der Backofen nach dem Brotbacken noch genügend heiß war, nutzte die Hausfrau die Gelegenheit und buk gelegentlich Krapfen (Kroppan) mit Duranzen bzw. Masinkan belegt, es konnten aber auch Kirschen oder Mirabellen (Beißkriechal) sein, oder die großen runden Kolatschen (Fleckn), die nach meiner Erinnerung mit Povidl oder Mohn gefüllt oder bestrichen waren.

Ja zur Osterzeit, da wurde der Backofen extra angeheitzt, um die guten gugelhupfförmigen Osterkuchen, die mit Zibeben gefüllt waren, zu backen. Das war was feines und ein besonderer Genuss. Die Osterkuchen, auch Osterbuchta genannt, hielten sich sehr lange. Vielleicht hatte man reichlich Schweineschmalz hinzugetan. Ebenso wurde der Ofen vor großen Hochzeiten angefacht, um die noch heute allseits bekannt und beliebten Kolatschen (Fleckn), Mohnstriezal und die dreiecksförmigen Hiatl zu backen. (Kindheitserinnerungen von Johann Legner, Karlsruhe, früher Rosternitz)

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